VSV Jena soll ein Volleyball-Leuchtturm in Thüringen werden

Wäscheleine als Volleyballnetz

Jena.  Seit nunmehr vier Spielzeiten hat Christian Schumann das Kommando über den 1. VSV 90 Jena inne. Der 30-Jährige stieg mit seinen Volleyballern vor zwei Spielzeiten von der Regionalliga in die 3. Liga auf – und da möchten sie fürs Erste auch bleiben.

Christian Schuhmann: Trainer VSV Jena. 

Christian Schuhmann: Trainer VSV Jena. 

Foto: Marcus Schulze / OTZ

Seit nunmehr vier Spielzeiten hat Christian Schumann das Kommando über den 1. VSV 90 Jena inne. Der 30-Jährige stieg mit seinen Volleyballern vor zwei Spielzeiten von der Regionalliga in die 3. Liga auf – und da möchten sie fürs Erste auch bleiben.

Was sein Team auszeichnet, was das Besondere an der Sportart Volleyball ist, was eine Sportpsychologin seinen Schützlingen mitgeben kann und warum man generell den Sport nicht nur als reine körperliche Betätigung betrachten sollte und was diese Erkenntnis mit den Schriftstellern Philip Roth, Haruki Murakami und Szczepan Twardoch zu tun hat, lesen Sie im Interview der Woche.

Lange Zeit gab es keinen Heimsieg für den VSV Jena. Doch der vermeintliche Fluch konnte letztens gebrochen werden.

Genau, gegen Niederviehbach gelang uns nach über einem Jahr endlich der erste Heimsieg. Wir wussten schon gar nicht mehr, wie sich sowas anfühlt. (lacht)

Wie gestaltete sich die bisherige Saison für Ihr Team in der 3. Liga?

Wir sind zufrieden. Zum Saisonauftakt am 21. September unterlagen wir zu Hause Friedberg, konnten dafür am zweiten Spieltag gegen Eibelstadt den ersten Punkt holen. Dann folgte der langersehnte Heimsieg, der uns zwei Punkte bescherte und am 19. Oktober bestritten wir unser vorerst letztes Spiel in Zirndorf, wo wir uns immerhin auch einen Punkt sichern konnten, sodass wir derzeit auf Tabellenplatz acht von insgesamt elf Teams verweilen.

Die vergangene Saison beendete Ihr Team auf Tabellenplatz zwölf. Was zeichnet Ihr Team in der jetzigen Spielzeit aus?

Wir sind ein Stück weit reifer geworden. Wir sind ein Team, das in erster Linie von seiner Geschlossenheit lebt, weniger von den individuellen Qualitäten einzelner Protagonisten. Da muss man einfach geschlossen agieren, auch wenn es abgedroschen klingen mag. Außerdem arbeiten wir mit einer Sportpsychologin zusammen, die uns in vielerlei Hinsicht weitergebracht hat.

Können Sie Letzteres ein wenig ausführen?

Wir sind dank der sportpsychologischen Betreuung etwas klarer im Kopf geworden, insbesondere in den entscheidenden Phasen einer Partie, konnten den einen oder anderen Satz dadurch auch zu unseren Gunsten entscheiden. Ich denke, dass das eine Stärke von uns ist, immerhin konnten wir in den vergangen drei Partien stets punkten.

Gibt es da konkrete Übungen?

Atemübungen beispielsweise oder eben Einheiten, bei denen man exakt nur einen Versuch hat, sodass man sich auf den Punkt genau fokussieren muss. Das ist sehr spannend und gleichzeitig wird deutlich, dass Volleyball eine Sportart ist, für die man eben auch eine enorme mentale Stärke benötig, wenn man erfolgreich sein möchte.

Lassen Sie uns doch ein wenig über Ihren Volleyball-Werdegang reden. Soweit mir bekannt ist, spielten Sie vor ihrer Trainertätigkeit beim VSV für ein anderes Team.

Stimmt, ich war, wenn man denn so will, bei der Konkurrenz in Ohrdruf.

Und wie sind Sie zum VSV Jena
gekommen?

Während meines Studiums hier in Jena habe ich die Jungs vom VSV kennengelernt, die mich dann irgendwann fragten, ob ich nicht Ambitionen hätte, als Trainer in Jena zu arbeiten. Und da ich diesbezüglich tatsächlich Ziele verfolge, irgendwann gerne einmal im Leistungsbereich arbeiten möchte, nahm ich das Angebot dankend an.

Und generell zum Volleyball?

Während meiner Schulzeit in Ohrdruf kam ich erstmals mit dem Sport in Berührung. Das ist mein Geburtsort und Volleyball war dort eine recht große Nummer, der sportliche Platzhirsch sozusagen. Als Kinder haben wir immer unseren Idolen aus der Thüringenliga nachgeeifert. Wir spannten irgendwo im Freien eine Wäscheleine, die als Netz herhalten musste, und legten einfach los. Wie man das als Knirps ebenso macht. Beizeiten kam ich zum Ohrdrufer SV und spielte schließlich vier Jahre mit dem OSV in der Regionalliga.

Auf welcher Position agierten Sie?

(lacht) Ich bin nicht so groß, sodass für mich nur die Position des Liberos in Frage kam.

Wie groß sind Sie denn?

(lacht) Überschaubare 1,79 Meter.

Was muss man, wen man einmal von der entsprechenden Körpergröße absieht, für die Position des Liberos mitbringen?

Der Libero im Volleyball muss das Spiel lesen und auch antizipieren können, gedanklich schon immer zwei Schritte weiter sein. Und er muss natürlich die Abwehr koordinieren. Letztlich sind bei einem Libero insbesondere die kognitiven Fähigkeiten gefordert. Es geht, anders als bei den Angreifern, nicht in erster Linie um Kraft und Härte, denn die Ballannahme des Liberos sollte im Idealfall der erste Schritt zum Punktgewinn sein. Im Idealfall, wohlgemerkt.

Was ist Ihres Erachtens eigentlich das Besondere am Volleyball?

Es ist diese Melange aus Athletik, Taktik und eben auch Konzentration. Dazu kommt noch, dass beim Volleyball die körperliche Dimension in puncto Gegenspieler komplett fehlt. Man kann sich nur auf sich selbst und sein Team besinnen, kann seinen Frust nicht wie beim Handball oder Fußball am Gegner auslassen.

Lassen Sie uns noch einmal über etwas anderes reden. Sie studieren Deutsch und Geschichte, besitzen zudem ein recht ausgeprägtes Faible für Literatur. Was lesen Sie derzeit?

Momentan sehr viel von Irvin Yalom, einem amerikanischen Psychoanalytiker und eben auch Schriftsteller, dessen literarisches Schaffen gleichermaßen von psychologischen und philosophischen Gedanken geprägt ist, die er spielerisch miteinander zu einem großen Ganzen verbindet. Außerdem hat es mir die russische Literatur sehr angetan: Dostojewski, Tolstoi, Pasternak oder Bulgakow. Die Sprache ist schlichtweg faszinierend. Und dann wären da halt noch Haruki Murakami aus Japan und Szczepan Twardoch aus Polen.

Murakami ist ja leidenschaftlicher Läufer, Twardoch taucht in seinem Roman „Der Boxer“ in die Warschauer Unterwelt vor Beginn des 2. Weltkrieges ein, und Philip Roth beschwor in der „Der menschliche Makel“ ebenfalls das Boxen. Können Sie aus der Welt der Literatur etwas für Ihre eigene Sportart mitnehmen?

Was letztlich beim Lesen dieser Werke immer wieder deutlich wird, ist, dass Sport nicht nur als körperliche Betätigung betrachtet werden darf. Vielmehr kann er auch den Charakter, womöglich sogar das eigentliche Wesen eines Menschen widerspiegeln, da er sich beim Ausüben dieser Tätigkeit nur bedingt den gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen unterordnen muss. Stattdessen definiert eine Handvoll Regeln den Rahmen, in dem er agieren darf und in dem letztlich über Sieg oder Niederlage entschieden wird – und das trifft auch auf Volleyball zu.

Okay, zum Abschluss wollen wir noch einmal die Meta-Ebene verlassen, uns ein wenig erden. Was sind die Ziele für diese Saison?

Erst einmal wollen wir die Klasse halten, ganz klar. Doch auf lange Sicht soll hier in Jena etwas Aufgebaut werden, ein Leistungszentrum. Der VSV Jena soll der Volleyball-Leuchtturm in Thüringen werden.

Zu den Kommentaren