Wenn ein Bild zu Tränen rührt: Jenaer erkennt sich auf 79 Jahre altem Zeitungsfoto wieder

Jena-Lichtenhain  Heinz Schwarz traute seinen Augen nicht: In einem OTZ-Artikel erkannte er sich wieder – auf einem Bild aus dem Jahr 1939. Die Geschichte hinter dem Foto geht ans Herz.

Heinz Schwarz wohnt noch immer in seinem Lichtenhain. Im Jahr 1939 nahm er an einer Reise nach England teil – und fand sich jetzt in seiner Zeitung wieder. In der „Jenaischen Zeitung“ von 1939 erschien die Original-Aufnahme, die im November in der OTZ zu sehen war. Fotos : Jürgen Scheere

Heinz Schwarz wohnt noch immer in seinem Lichtenhain. Im Jahr 1939 nahm er an einer Reise nach England teil – und fand sich jetzt in seiner Zeitung wieder. In der „Jenaischen Zeitung“ von 1939 erschien die Original-Aufnahme, die im November in der OTZ zu sehen war. Fotos : Jürgen Scheere

Foto: Jürgen Scheere

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Jeden Morgen sitzt Heinz Schwarz beim Frühstück und blättert bei Kaffee und Brötchen in seiner Tageszeitung. Der Lichtenhainer liest stets sehr aufmerksam – vor wenigen Wochen traute er dabei seinen Augen nicht. Ein Bild auf der Jenaer Sportseite hat seine Aufmerksamkeit erregt. „Ich dachte: Das gibt‘s doch nicht! Das bin doch ich“, erzählt er.

Eine Fotografie aus dem Frühjahr 1939 stand im Mittelpunkt eines Artikels von Dr. Hans-Georg Kremer über die Jenaer Sportgeschichte; erzählt wurde die Reise einer Jenaer Hockeymannschaft nach England. Heinz Schwarz war dabei. „Hier“, sagt er und kramt einen alten Artikel aus der Jenaischen Zeitung anno 39 aus seiner Tasche, „der Zweite von rechts. Ganz hinten. Das bin ich!“ Er habe nicht fassen können, dass er diese Aufnahme nach 79 Jahren noch einmal in einer Jenaer Zeitung sehe. Die Tränen seien ihm gekommen. „Ich habe beim Lesen ein bisschen geweint. Dazu kommt: Ich bin der letzte Überlebende von diesen Herrschaften auf dem Foto“, sagt er. Name für Name fällt ihm zu den Gesichtern sofort ein, dazu die Schicksale seiner alten Kameraden. Heinz Schwarz ist 98 Jahre alt.

Seit 68 Jahren ist der rüstige Senior verheiratet, lebt seit 1950 in einem alten Bauernhaus in Lichtenhain. Vor zwei Jahren passierte das Malheur: Er stürzte im Hof, brach sich den Oberschenkel. Seine erkrankte Frau konnte er nicht mehr unterstützen, sie lebt inzwischen in einem Heim. Das setzt ihm sichtlich zu; so oft es geht besucht er seine Liebe seines Lebens. Wenn die Zeit kommt, Abschied zu nehmen, tue ihm das immer weh. Nach all den Jahren der Zweisamkeit sei es eben nicht einfach, den Alltag nicht mehr gemeinsam meistern zu können.

Als Heinz Schwarz im Jahr 1920 in Jena zur Welt kommt, war das Kaiserreich gerade untergegangen. Früh war er auch als Sportler aktiv – mit Schläger und kleinem Ball. Beim Wenigenjenaer Turnverein spielte er Hockey. Im Jahr 1939 stand dann eine Englandreise auf dem Programm. Für den damals gerade 18 Jahre alten Jenenser glich dies einer Weltreise. Die Dampflokomotive zog die Abteile von Jena weg über Holland – „Da hatten wir Verspätung!“ – bis zum Ärmelkanal. „Dort ging es dann über Nacht aufs Schiff“, erinnert er sich. Auf der anderen Seite angekommen, ging es erneut mit der Bahn weiter. „Wir wurden dann bei englischen Familien untergebracht, genossen deren Gastfreundschaft.“ Ein Geschenk hat er bis heute aufbewahrt: „Ein echter britischer Offiziersstab“, sagt Schwarz und lacht. Wie man den zu halten habe, weiß er natürlich noch genau – Heinz Schwarz ist eben ein Mann der alten Schule. Für einen Tag und eine Nacht ging es auch in die britische Hauptstadt London. „Dort haben wir in einer Jugendherberge gewohnt.“ Viel gesehen und viel erlebt habe man – alle Erinnerungen hat Heinz Schwarz in seinem Fotoalbum verewigt. Aufnahmen von der Tower Bridge, von den englischen Wachmännern mit den pelzigen Hüten, von einem friedlichen Miteinander.

Die Hockeyspiele gegen die englischen Sportfreunde seien alle sehr fair verlaufen. Dass wenige Monate später die gleichen jungen Engländer den jungen Deutschen als Feinde auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden, sei der „Wahnsinn“, wie es Schwarz formulierte. Das Wenigenjenaer Hockey-Team sei kaum in Jena zurückgewesen, da wurden die ersten eingezogen, andere zum Arbeitsdienst verpflichtet. Als letzte Erinnerung bleibe ein Gruppenbild der Reisenden auf der alten Camsdorfer Brücke.

„Ich kam dann zu den Fliegern“, sagt Schwarz. Im Weltkrieg diente er in Österreich. Nicht an der Front, nicht mit dem Gewehr im Schützengraben – als Techniker im Fliegerhorst. Als das Grauen vorbei war, geriet er in Gefangenschaft. Erst bei den Amerikanern, dann bei den Russen. Dort arbeitete er im Straflager, bis er schwer krank wurde. „Irgendwann wurde ich dann heimgeschickt – ostzonal erst nach Frankfurt an der Oder, dann nach Erfurt über Saalfeld nach Jena“, erzählt er. Erst am 20. Juni 1947 betrat er wieder den Boden seiner Heimatstadt Jena. Mit der Bahn kam er an, lief zuerst zu Verwandten im Südviertel. „Wir sind dann gemeinsam nach Nord gelaufen, zu meinen Eltern. Das sind Momente, die ich nie vergessen werde“, berichtet er. Die Jahre der Trennung seien an niemandem spurlos vorbeigegangen. Recht schnell habe er dann versucht, beruflich Fuß zu fassen – was ihm auch gelang. „Ich habe bei Zeiss als Werkzeugmacher gelernt und war dann in der Konstruktion tätig.“ Später stieg er in einem Zeichenbüro ein, sei stetig aufgestiegen. „1985 habe ich dann mit 65 aufgehört.“ Doch auch dem Sport blieb der Jenenser treu. Noch eine Weile spielte der gelernte Verteidiger Hockey, auch sein Sohn und seine Schwiegertochter leben die Liebe zu diesem traditionsreichen Sport. „Sie spielen beim Familienhockey mit. Da kommen Jung und Alt zusammen“, erzählt er.

Heinz Schwarz seufzt – und klappt sein Album zu. Nie hätte er gedacht, dass er noch einmal Gelegenheit bekommt, es hervorzukramen, die Geschichte, seine Geschichte zu erzählen. Bis zu jenem Morgen vor wenigen Wochen, als er sich bei Kaffee und Brötchen auf einer Fotografie von anno dunnemals wiedererkannte ...

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