Wie der Thüringer Fußball-Verband die Inklusion vorantreibt

Erfurt  Der Thüringer Fußball-Verband treibt die Inklusion voran. Vorbild ist Simon Seyfarth, der in der D-Jugend des VfB Grün-Weiß Erfurt kickt.

Anschauungsunterricht: Christian Heintz, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft des Amputierten-Fußballs, erklärt den Kindern die Trainingsübungen während der knapp zweistündigen Einheit.

Anschauungsunterricht: Christian Heintz, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft des Amputierten-Fußballs, erklärt den Kindern die Trainingsübungen während der knapp zweistündigen Einheit.

Foto: Sascha Fromm

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Ein kühler Wind zieht über die Rasenflächen des VfB Grün-Weiß Erfurt. Wie immer trainieren am Dienstag viele Mannschaften auf dem großflächigen Gelände am Johannes-platz. Doch ausgerechnet auf einem der hinteren Plätze findet das spannendste Training statt. Die paar Leute, die sich eingefunden haben, schauen nicht schlecht. Alle Kinder der D-Jugend stehen aufgereiht in zwei Gruppen auf Krücken und warten auf den ersten Pfiff.

Als Christian Heintz diesen ertönen lässt, geht es los. Mit schnellstmöglichem Tempo preschen die Kinder auf den ungewohnten Hilfsmitteln nach vorne. Dribbeln den Ball, so gut es geht, um ihn später zwischen zwei Hütchen und somit ein Tor zu schießen. Das klappt beim einen gut, beim anderen weniger. Trotzdem entwickelt sich Ehrgeiz; und je öfter die Versuche sind, umso mehr Bälle werden sicher getroffen.

Inmitten der Kinderschar gibt sich Simon Seyfarth größte Mühe. Er ist Teil der VfB-Mannschaft und trotzdem „anders“. Was man auf dem ersten Blick nicht sieht: Simon trägt eine Beinprothese. Seit seiner Kindheit ist diese Teil des Körpers. Sie ist die Folge einer Meningokokken-Sepsis, die der Erfurter mit 15 Monaten erlitt. Die heimtückische Krankheit überschwemmt den Körper mit Bakterien, in Simons Fall in ihrer schwersten Form. Zweimal wird er reanimiert; das kleine Leben hängt am seidenen Faden. Doch Simon kämpft und erringt den bisher größten Sieg: er bleibt am Leben, auch wenn ihm in der Folge der linke Fuß abgenommen werden muss und er bis jetzt insgesamt 76 Operationen über sich ergehen lassen muss.

Aber auch diese Tortur überwindet der nun 12-Jährige und kann trotz einiger Rückschläge immer wieder lachen. Vor allem dann, wenn er mit seinen Kumpels Fußball spielt. So wie an diesem Dienstag und unter den Augen eines speziellen Gasts.

Mit Christian Heintz gibt ein junger Mann die Trainingsanweisungen, der sich in die Lage von Simon genau hineinversetzen kann. Sein rechtes Bein ist amputiert, doch auch ihn hat das nicht davon abgehalten, seinen großen Traum vom Sport aufzugeben. Im Gegenteil: der Mittdreißiger ist nicht nur aktiver Amputierten-Fußballspieler bei Anpfiff Hoffenheim, sondern Leiter des Projektes „Anpfiff ins Leben“. Das von der Aktion Mensch Stiftung und der Sepp Herberger Stiftung des DFB geförderte Projekt setzt sich das große Ziel, die Inklusion in Deutschland voranzubringen. „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, den Amputiertenfußball in Deutschland weiterzuentwickeln. Ein wichtiger Aspekt ist, die amputierten Spieler in ihre örtlichen Vereine in den Ligabetrieb zu integrieren. Das macht Grün-Weiß hier hervorragend und ist ein Musterbeispiel für uns“, sagt Heintz.

Das erst am 1. Januar gestartete Projekt verfolgt ehrgeizige Ziele. Im Rahmen eines fünfjährigen Masterplans soll am Ende ein eigener Ligabetrieb stehen. Mustermodell ist Hoffenheim, wo es eine eigene Mannschaft seit drei Jahren gibt. Von dort aus macht sich Heintz auf die Reise durch ganz Deutschland, um weitere Stützpunkte zu etablieren, aufzuklären und zu helfen. „Wir haben bisher ausschließlich positive Rückmeldungen bekommen. In der kurzen Zeit hat sich viel getan. Es öffnen sich neue Türen und Netzwerke, es gibt viele engagierte Vereine“, sagt Heintz. Unter anderem sei man mit Bayer Leverkusen in guten Gesprächen.

Darüber hinaus wolle man für ein Umdenken in der breiten Sport-Bevölkerung sorgen. Inkludieren statt außen vor lassen ist das Motto. „Es wäre schön, wenn sich Vereine dafür noch mehr öffnen würden. Daran hapert es noch ein wenig“, sagt Heintz. Zwar nehmen Fußballer ihre gehandicapten Mitspieler als Sportler wahr – innerlich gäbe es aber noch Vorbehalte. Das sei nicht böse gegenüber dem Spieler gemeint. Doch immer wieder stehen Fragen im Raum. Kann ein gehandicapter Spieler 100 Prozent dabei sein? Darf man den Körperkontakt suchen, obwohl man weiß, dass er eine Prothese besitzt? Sollte man seine „Schwäche“ ausnutzen?

Fragen wie diese schaffen vor allem im Erwachsenenbereich eine gewisse Unsicherheit, der man entgegen treten will.

Am Spielfeldrand ist Mario Grund einer der interessierten Zuschauer. Zusammen mit Heintz stellte der beim Thüringer Fußball-Verband für „Handicap-Fußball“ zuständige Dachwiger den Kontakt zu Simons Vater Sven her. Durch das gut funktionierende Netzwerk wurde das Training beim VfB Grün-Weiß schließlich möglich. Grund zeigt sich vom Training beeindruckt. „Das war Werbung für den Handicap-Sport. Ich würde mich freuen, wenn die Vereine das noch mehr annehmen. Thüringen steckt da noch in den Kinderschuhen, auch wenn es jetzt gut vorangeht“, sagt er.

Überhaupt sei man auf dem gesamten NOFV-Gebiet (Nordostdeutscher Fußball-Verband) im Vergleich zu den alten Bundesländern hinterher, wolle aber den Rückstand schnellstmöglich schließen und vielleicht in einigen Sparten sogar als Pilotprojekt dienen. „Da haben wir noch sehr viel Potenzial. Bei uns kann sich jeder Verein melden. Aber auch Leute, die Lust darauf haben, können gerne noch mehr auf uns zukommen“, freut sich Grund über jede Rückmeldung – sei es als Einzelperson, Club oder Werkstatt. Am besten funktioniert es über die sozialen Medien, aber auch der klassische Griff zum Telefon ist nach wie vor möglich.

Image hat sich zum Positiven gewandelt

Ihm gefällt, „dass sich das Image sehr zum Positiven gewandelt hat. Es gibt auch Sponsoren, die das Metier annehmen. Die hohe Schule wäre es, Menschen mit Handicap in normalen Mannschaften unterzubringen“.

Die Zukunftsmusik summt noch leise, aber nicht nur beim TFV ist man gewillt, in kleinen Schritten die Arbeit nach vorn zu bringen. Inwieweit es irgendwann möglich sein wird, Leute mit Handicap in normalen Teams spielen zu lassen oder reine Handicap-Mannschaften in Thüringen zu bilden, wird sich zeigen. In jedem Fall muss der betreuende Arzt dafür sein OK geben; auch gilt es noch herauszufinden, ob Berührungen zu Verletzungen führen könnten. „Zumindest im Kleinfeld sehe ich da kein Problem“, sagt Grund. Schließlich würden normale Spieler nach Arm- oder Gesichtsverletzungen auch mit Schienen oder Masken spielen.

Simon Seyfarth zeigt bereits erfolgreich, dass er mit seinen Altersjahrgängen im Training mithalten kann. Allerdings darf er bisher nur bei Turnieren und Freundschaftsspielen mitwirken. Noch fehlt eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Prothese, mit etwas Glück wird diese am Montag erteilt. Sie wäre die Grundlage für einen Traum. Bleibt der Erfurter am Ball, bietet sich irgendwann vielleicht die Chance auf eine Einladung zur Nationalmannschaft. „Bundesweit gibt es aktiv 20 Spieler. Wir waren schon bei der WM und EM und bewerben uns um die EM 2024“, sagt Heintz.

Doch bis es soweit ist, spielt Simon erst einmal weiter mit seinen Freunden beim VfB Grün-Weiß zusammen. Wie jede Woche wird die Tasche gepackt, um dem Hobby zu frönen. Seit einem Jahr spielt er nun aktiv als Stürmer, der Fußball ist seine Leidenschaft geworden. „Wenn ich Schnelligkeit aufbauen kann, bin ich torgefährlich. Vor kurzem habe ich im Training sogar ein Schürzentor geschossen.“

Nicht nur er hofft, dass noch viele hinzukommen.

Egal, ob die Sonne scheint oder der Wind kühl weht ...

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