„Wir sind für den Klub da – nicht für uns“

Jena  Wochenendgespräch: Toni Schley von der Horda Azzuro über den Erhalt der Südkurve dank geleisteter Überzeugungsarbeit bei den Sicherheitsbehörden

Bunt und laut: die Fans der Südkurve feuern den FCC mit viel Emotion an. Toni Schley von der Horda Azzuro gehörte zu den Vorkämpfern für den Erhalt der Kurve als Heimstätte der Zeiss-Fans.Foto (Archiv): Thomas Corbus

Bunt und laut: die Fans der Südkurve feuern den FCC mit viel Emotion an. Toni Schley von der Horda Azzuro gehörte zu den Vorkämpfern für den Erhalt der Kurve als Heimstätte der Zeiss-Fans.Foto (Archiv): Thomas Corbus

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Die Südkurve soll Heimat der aktiven Fanszene des FC Carl Zeiss Jena bleiben. Das ist das Ergebnis einer Mediation zwischen den Fans, der Stadt, Verein und den Ordnungsbehörden. Vorkämpfer dieser Idee war die Horda Azzuro, die Ultra-Gruppierung des FCC. Zu den führenden Köpfen gehört Toni Schley – wir sprachen ausführlich mit ihm.

Herr Schley, warum ist Ihnen diese Südkurve so wichtig – was ist der Unterschied, das Team aus dem Norden, Osten oder Westen des Stadions anzufeuern?

Es ist vor allen Dingen der Rückenwind. Und wir wollen nicht in der Nordkurve stehen und in die Sonne schauen. (Lacht.) Spaß beiseite. Es geht darum, dass die aktive Fanszene des FCC mit der Südkurve verankert und fest verwachsen ist. Die meisten FCC-Fans sind in die Südkurve sozialisiert worden, sind hier das erste Mal mit ihrem FCC in Verbindung getreten. Das gilt im Übrigen auch für Viele der älteren Generation, die heute nicht mehr dort steht. Für uns gehört der FCC und das Fandasein mit der Südkurve zusammen. Uns war klar, dass auch im neuen Stadion dieser Ort für uns erhalten bleiben soll. Heutzutage ist es so, dass viele Charakteristika rund um den Fußball und den Klub sterben. Die Flutlichtmasten sind ein mahnendes Beispiel für uns. Deshalb war es uns auch so wichtig, dass die Südkurve als zentraler Punkt für aktive und kritische Fankultur erhalten bleibt. Dafür haben wir alles eingesetzt, haben fast drei Jahre ordentlich Gas gegeben – und haben es am Ende auch entgegen vieler Erwartungen geschafft.

Die Ordnungsbehörden hatten einen klaren Standpunkt – war der für Sie zumindest nachvollziehbar?

Absolut. Dass die Polizei das Interesse hat, für alle Zuschauer, für alle Beteiligten ein sicheres Fußballerlebnis zu ermöglichen, ist doch klar. Das ist deren Aufgabe. Dass die Polizei versucht, es sich so einfach wie möglich zu machen und die Gunst der Stunde eines Neubaus zu nutzen, ist doch auch verständlich. Allerdings muss man bei einem solchen Mammutprojekt, das die nächsten Jahrzehnte noch seine Wirkung haben wird, auch schauen, dass alle Beteiligten ihre Meinung und Vorstellungen einbringen können. Wir haben es als unsere Aufgabe betrachtet, die Ansichten von Fans, Verein und Polizei zu bündeln und einen Konsens zu finden. Dafür war am Ende leider eine Mediation nötig – aber sie war professionell geleitet und erfolgreich und wir alle können stolz auf das Ergebnis sein.

Mit welchen Argumenten haben Sie denn überzeugt?

Wir haben deutlich beschrieben, dass es ohne weiteres möglich ist, mit der Südkurve ein sicheres Fußballerlebnis für alle – für Heim- und Gästefans sowie die Sportler – zu ermöglichen. Wir haben beschrieben, dass die Fanszene des FCC in der Lage ist, sich selbst zu regulieren. Der Standort Südkurve ist einst am Grünen Tisch erkämpft worden – und wir haben gezeigt, dass wir in der Lage sind, sie zu verteidigen. Nicht mit Gewalt – sondern mit Überzeugung, mit Selbstreflexion, mit Verantwortung gegenüber der Situation. Wir konnten der Polizei letztendlich deutlich machen, dass viele Themen, die sie ins Feld geführt haben, nicht so heiß gegessen werden, wie sie von der Polizei gekocht wurden. Viele Sicherheitsbedenken waren einfach auszuräumen. An dieser Stelle hat uns auch der Mediator Helmut Spahn geholfen, der viele Dinge aus einer objektiven Sicht bewerten konnte, der viele Stadionprojekte – national und international – zum Thema Sicherheit beraten hat.

Wie ist man an den Sicherheitschef der Fußball-WM 2006 in Deutschland gekommen?

Im vergangenen November waren wir an einem Punkt, an dem wir gemerkt haben, dass es weder vor noch zurück geht. Die Argumente waren auf beiden Seiten festgefahren. Jeder kannte die Sichtweise des anderen, aber keiner wollte sich bewegen. Also haben wir als Fans gesagt, dass wir uns jetzt rühren müssen, weil sonst die Stadt leider zwangsläufig der Polizei folgt und die Südkurve wäre gestorben. Also haben wir uns in die Spur begeben und geschaut, wer uns extern helfen kann. Irgendeine objektive Kraft muss es doch geben, die unsere, aber auch die Argumente der Polizei versteht und die in der Lage ist, einen Konsens zu schaffen. Über drei Ecken sind wir auf Helmut Spahn aufmerksam geworden, der viele Jahre für den DFB aktiv war. Dazu war er selbst einmal ranghoher Polizist und versteht deren Sprache. Also haben wir ihn angesprochen und gefragt, ob er sich mit uns treffen würde. Und dann ging es los.

Malen wir mal den polizeilichen Teufel an die Wand: Rot-Weiß Erfurt oder Dynamo Dresden gastiert in Jena, deren Fans sind in der Nordkurve, die Zuwegung muss polizeilich gesichert werden, die Zuschauer der West- und Osttribünen spüren die Beeinträchtigungen, das Fanhaus wird geschlossen – und das alles nur, weil 200 Leute in ihrer Kurve stehen bleiben wollen. Geht der Erhalt der Südkurve so nicht auch zu Lasten der anderen Stadionbesucher?

Wir hätten nicht so für die Südkurve gekämpft, nicht versucht, es so durchzukriegen, wenn es unheimlich viele Einschränkungen für den Rest des Publikums mit sich bringen würde. Das wäre keine solide Partnerschaft unter den Fans für die Zukunft. Wir gehen davon aus, dass es fast gar keine Einschränkungen für andere Zuschauer geben wird. Die Zuwegung der Gästefans läuft ganz normal von den Parkplätzen im Norden und Westen und den Bahnhöfen durchs Paradies. Es gibt keine Umwege und für die Polizei sogar kürzere Wege. Für alle anderen Fans ist es entspannt. Die Tribünen rücken näher ans Spielfeld, die Haupttribüne ist sowieso auf der anderen Seite. Dazu wird es neue Treffpunkte im Stadion geben. Das Fanhaus muss auch nicht per se geschlossen werden. Es gibt die Option, dass das Fanhaus an bestimmten Spieltagen nach Entscheidung der Sicherheitsberatung "zu" ist, es aber dann andere etablierte und dauerhafte Treffpunkte im Areal gibt. Auch wir gehören zu den Fans, die das Fanhaus als angenehmen Standort für uns nutzen. Aber es wird dann eben eine Art Fanhaus/Fanprojekt-Außenstelle hinter der Südkurve geben, die dann bei Bedarf auch die Fans vom A-Block nutzen können. Und bei normalen Nichtrisikospielen gibt es auch aus polizeilicher Sicht keinen Grund, das Fanhaus geschlossen zu halten. Wir haben der Polizei deutlich gemacht, dass man mit unserem Konzept die Spieltage viel flexibler gestalten kann. Unser Anliegen ist es, den Fans der anderen Bereiche aufzuzeigen, dass wir die Südkurve nicht zu deren Ungunsten erkämpft haben. Das könnten wir auch nicht vertreten, das wäre nicht fair. Es gibt in allen Stadionbereichen Zuschauer, die ihren Platz seit Jahrzehnten sicher haben. Und die sollen es auch weiterhin so einfach wie möglich haben.

Im Herbst schien die Lage aussichtslos, sagen Sie. Haben Sie trotzdem noch an eine Lösung geglaubt?

Ja. Es gab zwar nicht mehr viele, aber ich war einer von denen, weil ich wusste, dass es funktionieren kann, dass es kein K.o.-Kriterium gibt und dass am Ende der gesunde Menschenverstand siegt. Dass dies ein langer Weg ist, es viel Kraft kostet, war auch klar. Wir mussten überzeugen, dass hier keine Horrorszenarien auf uns zukommen, wenn die Südkurve erhalten bleibt. Hoffentlich strahlt unser Erfolg auch auf andere Projekte, auch abseits vom Sport, aus.

Welche Kompromisse sind die Fans eingegangen?

Im Rahmen des Mediationsverfahrens waren alle Parteien aufgefordert, dem Gegenüber entgegenzukommen, eine Brücke zu bauen, um sich in der Mitte zu treffen. Also haben wir uns auf den Hosenboden gesetzt und sehr intensiv daran gearbeitet, Eingaben zu machen. Dass wir das gesammelte Geld, über 150 000 Euro, einbringen, war von vornherein klar. Wo es sinnvoll ist, eingesetzt zu werden, wird in den nächsten Monaten mit der Stadt besprochen. Vielleicht bleibt auch etwas fürs geplante FCC-Museum hängen, worüber wir uns freuen würden. Wir haben besprochen, dass die Südkurve künftig in der Lage ist, die dort eingesetzten Vereinsordner selbst zu finanzieren. Dafür wird es den Südkurve-Euro geben, der zusätzlich zum Eintrittspreis bezahlt werden muss. So haben wir dann auch künftig keine fremden, gewerblichen Sicherheitsleute mehr stehen, die zum Teil aus fremden Fanszenen rekrutiert werden. Auch die Polizei muss nur noch bei Sicherheitsspielen im Stadion selbst präsent sein. Dann wird sich die aktive Fanszene, die polizeilich relevant ist, nicht mehr am Fanhaus treffen, sondern eben an dieser Außenstelle hinter der Kurve. Das ist für uns organisatorisch sogar besser und es bleibt die wichtige Verbindung zum Fanprojekt erhalten. So wird gleichzeitig der Nordbereich des Stadions entlastet und die Polizei muss nicht befürchten, dass zwischen Gästeblock und Fanhaus Reibereien entstehen. Ein weiterer Punkt sind die Fanmärsche der Jenaer Fans bei großen Spielen, die bisher von der Stadt durchs Paradies gelenkt wurden. Da mussten zum Teil über 1000 Leute durch schmale Wege geführt werden. Jetzt nutzen wir die Gunst der Stunde. Das Paradies ist künftig für solche Dinge tabu; jetzt soll es entweder am Märchenbrunnen zum Osttor gehen oder über die Stadtrodaer Straße beziehungsweise noch weiter östlich. So hat man bei großen Spielen gar nicht das Szenario, sich mit den Gästefans die Wege zu teilen. Diese Entgegenkommen von uns haben beim Mediator, der Polizei und auch dem Innenministerium positives Aufsehen erregt.

Und doch wird es die Südkurve ja gar nicht mehr geben. Aus dem Halbrund wird eine Gerade – welchen Einfluss möchten die Fans auf die bauliche Gestaltung haben?

Das ist ein spannendes Thema. Es ist wichtig, am Ball zu bleiben und zu schauen, was gemeinsam mit einem potentiellen Architekten möglich ist, wie man das Stadion an sich – und nicht nur die Südkurve – für alle so attraktiv wie möglich gestalten kann. Da spielen verschiedenste Sachen eine Rolle, wie zum Beispiel Plätze für Zaunfahnen, Gestaltung und Position der Mundlöcher/Eingänge, Lagerräume unterhalb der Treppen, Wellenbrecher, optische Gestaltungen, Elemente in der Dachkonstruktion für Choreographien und so weiter. Alles Dinge, die wir gern mitgestalten wollen. Unter FCC-Präsident Peter Schreiber gab es schon einmal eine Arbeitsgruppe, die eine große Liste erarbeitet hatte. Und diese Wünsche wollen wir in den nächsten Monaten natürlich mit einbringen. Wir wissen, dass wir nicht alles umsetzen können – wissen aber gleichwohl, dass wir diesbezüglich nicht schlafen. Das Thema Südkurve hat ja gezeigt, was möglich ist, wenn man Fans aktiv mit einbezieht. Weil es sind doch diejenigen, die das Stadion künftig nutzen, die Spaß daran haben und gern hingehen.

Fußball ist ein Spiel der Emotionen. Und nicht jeder hat die immer im Griff. Auch im Jenaer Stadion stand der eine oder andere plötzlich posierend vorm Gästeblock; auch in Jena gibt es ausgesprochene Stadionverbote. Wie wollen Sie das ausschließen, wenn die Tribüne dann direkt am Spielfeldrand steht? Welche Möglichkeit der Selbstdisziplin gibt es?

Emotionen sind gut und müssen nicht immer zu etwas Negativem führen, sondern vielleicht auch dazu, dass die Stimmung noch besser wird. Deswegen war es ja auch immer unser Ziel, dass Heim- und Gästeblock nicht mehr nebeneinander sind. Damit wäre das Posen direkt vor den Gästefans ja ausgeschlossen, weil die 100 Meter weit weg sind. Natürlich wird es immer wieder Leute geben, die sich aufregen und auf den Zaun klettern – Fußball halt. Wir werden auch zukünftig darauf Acht geben, dass wir dummes, unkontrolliertes Verhalten in den Griff bekommen. Vor allen Dingen unter dem Aspekt, die Südkurve erkämpft zu haben – und das wollen wir nicht durch dämliches Verhalten aufs Spiel setzen. Was das betrifft, sind wir als Fans untereinander gut reguliert. Dieses Pfund tragen wir auch ins neue Stadion hinein.

Haben Sie nicht Angst, dass Sie persönlich bei dem Tempo, mit dem die Stadt Jena das Stadionprojekt in den vergangenen 15 Jahren behandelt hat, nicht bei Fertigstellung zu alt sind, um noch in der Kurve zu stehen?

(Lacht.) Das wäre vollkommen in Ordnung. Dann steht da eben, wenn er dann genug Lust hat, mein Sohn und kann sagen: ‚Das hat Papa mit seinen Jungs gemacht‘. Die Politik in Jena hat bisweilen nicht die beste Figur gemacht. Aber am Ende ist in uns in den vergangenen Wochen die Überzeugung gereift, dass sie das Projekt zu einem guten Ende führen wollen. Auch in Konkurrenz, die Jena zu anderen Städten in Mitteldeutschland eingeht, muss tatsächlich endlich etwas passieren. Wenn es die nächsten fünf Jahre nichts wird, bauen wir es eben für unsere Kinder. Dann haben wir auch etwas geschafft.

Könnte die Festlegung auf die Südkurve nicht auch Investoren abschrecken, die in ihrer Entscheidung, wie sie das Stadion bauen wollen, doch freier sein wollen?

Wenn ein Investor kommt, der eine andere Idee hat, als die Südkurve zu erhalten, ist er nicht der richtige Investor für das Ernst-Abbe-Sportfeld. Es braucht einen Investor, der die Meinungen aller Fans akzeptiert. Die der Sitzplatzfans, der aktiven Anhänger oder der Familienväter, die mit Frau und Kind kommen. Bau und Betreibung müssen doch wirtschaftlich sein. Dafür braucht es doch aber die Leute, die sich das Fußballerlebnis in Jena regelmäßig antun. Auch in unteren Ligen. Deswegen wird es sich kein Investor erlauben können, die zentralen Wünsche der Fans – egal, welcher Couleur – zu missachten.

Was sagen Sie den Kritikern, die sagen, dass nun der Pöbel gesiegt habe und mit einem gewachsenen Selbstverständnis in der Kurve steht?

Denen sage ich, dass wir stolz darauf sind, dass wir die Südkurve für uns erhalten haben. Wir wissen aber ganz genau, dass wir nicht allein im Stadion stehen. Auch wir sind nur ein Teil der Anhänger des FC Carl Zeiss Jena. Wir sind diejenigen, die großes Interesse an der Atmosphäre im Ernst-Abbe-Sportfeld haben, die das ganz gut machen und auch zukünftig die Stimmung mitgestalten wollen. Dafür braucht es Voraussetzungen. Und das ist für uns die Südkurve. Das heißt aber nicht, dass wir uns abfeiern lassen, uns zur Ruhe legen und arrogant auftreten. Die meisten Fans wissen, dass wir keine arroganten Vögel sind, sondern Jungs und Mädel wie du und ich, aus allen gesellschaftlichen Schichten, die jetzt etwas erreicht haben, was aber nicht dazu taugt, abzuheben. Wir sind da, um den Verein zu unterstützen – egal, in welcher Liga. Das ist uns schnuppe, wir sind zuhause und auswärts immer da. Die Südkurve in Jena ist jetzt eine spezielle Kurve, die in Deutschland so vielleicht einmalig ist. Aber das heißt noch lange nichts. Wir sind für den Klub da – nicht für uns.

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