73.000 Tonnen Arbeit: Schrott-Deponie bei Unterwellenborn wird durchgesiebt

Unterwellenborn  Das Stahlwerk steckt Millionen in die Aufarbeiten seiner Deponie und will so 16 Jahre Zeit gewinnen.

Marcel Michele-Naussed (rechts) und Udo Wecke stehen auf der Mono-Deponie unterhalb des Roten Bergs. Der Umwelt-Bereichsleiter und der Leiter der Qualitätsstelle zeichnen verantwortlich für das Projekt zur Aufarbeitung der hier gelagerten Reste aus der Schrottentladung, mit dem vor allem die Laufzeit der Deponie verlängert werden soll.

Marcel Michele-Naussed (rechts) und Udo Wecke stehen auf der Mono-Deponie unterhalb des Roten Bergs. Der Umwelt-Bereichsleiter und der Leiter der Qualitätsstelle zeichnen verantwortlich für das Projekt zur Aufarbeitung der hier gelagerten Reste aus der Schrottentladung, mit dem vor allem die Laufzeit der Deponie verlängert werden soll.

Foto: Jens Voigt

Zeit ist Geld, klar. Doch wer nimmt wirklich Geld in die Hand, um Zeit zu gewinnen? Das Stahlwerk Thüringen tut es. Und nicht nur nebenbei soll auch die Umwelt profitieren.

Es riecht ein bisschen streng, aber der Ausblick ist super: Weit geht der Blick von diesem Plateau oberhalb der Schlackenstraße über Unterwellenborn und Gorndorf bis zum Kulmberg. Im Rücken von Marcel Michele-Naussed und Udo Wecke indes wächst ein braun-grauer Hügel: die Monodeponie des Stahlwerks. Hier landet das, was in den Schrott-Transporten per Bahn unweigerlich mit ankommt: Müll nur einer Abfall-Klasse – daher der Vorsatz „Mono“. Gleichwohl ein Gemisch aus Metallen, Kunststoffen, Holz- und Pflanzenresten, Ziegel- und Betonschutt.

Rechts der beiden Männer liegt schon eine Deckschicht auf dem Müllberg, rundherum zieht sich eine Rinne zum Ableiten von Regenwasser. So hätte die ganze Deponie in etwa 30 Jahren ausgesehen, am Ende ihrer ursprünglichen Betriebszeit. Demnächst aber wird der ganze Berg noch einmal durchgesiebt, um ihn mehr als zu halbieren. Es geht um 73.000 Tonnen Müll, von denen etwa 31.000 Tonnen übrig bleiben sollen. Gern auch weniger. Denn jede Tonne, die hier nicht liegt, verschafft dem Stahlwerk ein paar Stunden mehr Entsorgungsperspektive.

„Als regional verwurzeltes Unternehmen sind wir dem Prinzip der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet“, betont Umwelt-Bereichsleiter Michele-Naussed, der mit Wecke, dem Chef der Qualitätsstelle, das Deponie-Projekt in die Wege geleitet hat. Nachhaltig mit Ressourcen umzugehen, bedeute eben auch, möglichst lang mit dem Deponieraum auszukommen, den man habe. Und fast 25 Jahre nach dem Stahlwerk-Neustart biete eben auch die fortgeschrittene Abfall-Aufbereitungstechnologie die Chance dazu.

Müllberg aufbaggern, durchsieben, fertig – ganz so einfach funktioniert das laut Michele-Naussed bundesweit erstmalige Aufarbeiten einer ganzen Monodeponie nicht. „Wir mussten ja erst einmal analysieren, wie sich die Deponie genau zusammensetzt und welche Stoffströme entstehen, um sie weiter zu bearbeiten“, erläutert der Umwelt-Bereichsleiter. Mit diesen Daten als Basis wurde dann eine großtechnische Versuchsanordnung konzipiert und bei der Magdeburger Stork Umweltdienste GmbH als einem der führenden Abfall-Aufbereiter in Deutschland in Auftrag gegeben.

1000 Tonnen Abfall geht im Jahr durch die Anlage

Rund 1000 Tonnen Deponie-Stoff gingen 2015 durch die Anlage. Ergebnis: Während 45 Prozent des Abfalls mit 0 bis 10 Millimeter Größe schlicht zu klein zum Trennen und Verwerten sind, lässt sich über die Hälfte des Mülls tatsächlich bearbeiten und großteils maschinell trennen – in ein Gemisch aus Holz-, Pflanzen- und Plastikresten, das als Rückladung in Schrottwaggons in einem Magdeburger Heizkraftwerk verbrannt werden soll sowie in Nichteisen- und Eisen-Schrottfraktionen, wobei letztere im Stahlwerk selbst eingeschmolzen werden.

Mit einem beziehungsweise 1,3 Prozent Anteil am Deponiestoff werden die Metalle freilich nicht gerade die Kasse klingeln lassen. „Das reicht für den Pausenkaffee der drei Beschäftigten an der Anlage“, witzelt Michele-Neussed. Bleibt noch ein Mineralgemisch aus Bauschutt und Erde, das dann auf der bestehenden Abprodukte-Deponie gleich in der Nachbarschaft landet.

Mit Staubbelastungen sei nicht zu rechnen

Womit klar ist: Pekuniärer Profit wird sich mit dem Deponie-Projekt, dessen Genehmigung durch die Landesbehörden bis Sommerbeginn vorliegen soll, nicht erzielen lassen. Der laut Michele-Neussed „ordentlich siebenstellige Betrag“, den das Stahlwerk investiert, wird sich vor allem als Zeitgewinn amortisieren. Würde die Rohstoffgewinnungs- und Aufbereitungs- GmbH & Co. KG (RGA), die die Deponien mit den Stahlwerk-Hinterlassenschaften betreibt, den Abfallberg einfach nur weiter aufhäufen, wäre dieser Bereich in etwa 15 Jahren voll, nach weiteren 16 auch die letzte genehmigte Reserve.

Funktioniert jedoch das Aufbereitungsprojekt wie von den Stahlwerk-Umweltleuten durchgerechnet, könnte die Deponie um nochmalige 16 Jahre länger, also bis etwa 2066 betrieben werden. Eine erhebliche Fristverlängerung, die zumindest mittelfristig Planungssicherheit bedeutet. Und Zeit, vielleicht noch radikalere Abfall-Strategien zu entwickeln. Denn ob und wann in Thüringen neue Deponien genehmigt würden, das wisse derzeit eigentlich niemand vorherzusagen, so Michele-Neussed.

Obwohl im Plangenehmigungsverfahren nicht dazu verpflichtet, hat das Stahlwerk über das Vorhaben sowohl im Saalfelder Bauausschuss wie auch in dem von Unterwellenborn informiert. Während die Planer aus der Kreisstadt ohne weitere Anhörung ihr Okay erhielten, ließen sich die Unterwellenborner die Sache ausführlich erklären. Und fragten nach. So etwa zur eventuellen Staubbelastung. Dafür habe man eine Prognose machen lassen, die zudem durch ein Fachgutachten der Landesbehörde geprüft wird, erklärte Michele-Naussed den Gemeinderäten.

Da das Deponie-Material „fast erdfeucht“ entnommen werde, sei Staub kaum zu befürchten. Auch die Windsichter, also die Großgebläse zur Abfalltrennung, seien gekapselt. Zusätzlichen Lkw-Verkehr werde das Aufarbeiten der Monodeponie kaum verursachen. „Maximal ein Lkw pro Tag“ werde Metallreste über die Gemeindestraßen transportieren; etwa vier Lkw täglich würden das nicht verwertbare Siebgut zur benachbarten Abprodukte-Deponie karren.

Insgesamt drei Jahre werde die Aufbereitung der Monodeponie benötigen, wobei es wohl eher um Halbjahre geht: Weil zu hohe Nässe die Trennung erschwert, wird sich das Aufbereiten auf jeweils fünf bis sechs Monate beschränken, so Udo Wecke: „Wir wollen es lieber sicher und sauber statt schnell.“