Berlin. Die Wirtschaftsexpertin Annahita Esmailzadeh gibt zu: Auch sie denkt manchmal in Schubladen. Doch Unternehmen warnt sie deutlich davor.

Annahita Esmailzadeh ist Führungskraft bei Microsoft, Wirtschaftsinformatikerin und eine der bekanntesten Business-Influencerinnen Deutschlands. Die 30-Jährige setzt sich vor allem für Diversität und Gleichberechtigung am Arbeitsplatz ein. Hier spricht sie, wie auch in ihrem neuen Buch, über Klischeebilder, Schubladendenken und welche Gefahr diese für unsere Wirtschaft darstellen.

Erwischen Sie sich selbst beim Schubladendenken?

Annahita Esmailzadeh: Ja, ständig. Und das, obwohl ich mich damit intensiv beschäftige und selbst betroffen bin. Wenn mir zum Beispiel ein Mann erzählt, dass er in Teilzeit arbeitet, um seiner Frau den Rücken beruflich freizuhalten, bin ich positiv überrascht. Wenn mir eine Frau das erzählt, wiederum weniger. Allein das ist doch schon bezeichnend.

Erstmals war 2012 die Rede vom "alten weißen Mann", das ist über zehn Jahre her. Diese Woche bringen Sie ein Buch zu dem Thema raus. Ist das nicht schon auserzählt?

Esmailzadeh: Ich finde es relevanter denn je, darüber zu sprechen. Das gesellschaftliche Klima rund um diese Klischeebilder ist aufgeheizt, und die Fronten verhärten sich. Wir denken nicht mehr miteinander oder verfolgen gemeinsame Ziele, sondern inszenieren Sündenböcke und werfen einander die Schuld zu. Dabei geht es auch um Macht und das Abgeben von Privilegien. Und das schürt diese Wut und den Widerstand. Wir sollten aber begreifen, dass wir keine Feindbilder schaffen müssen. Weder einen alten weißen Mann noch eine Quotenfrau.

Annahita Esmailzadeh ist Führungskraft bei Microsoft, Wirtschaftsinformatikerin und eine der bekanntesten Buisness-Influencerinnen Deutschlands.
Annahita Esmailzadeh ist Führungskraft bei Microsoft, Wirtschaftsinformatikerin und eine der bekanntesten Buisness-Influencerinnen Deutschlands. © Sapna Richter | Sapna Richter

Wie gefährlich sind Klischeebilder und Vorurteile für unsere Wirtschaft?

Esmailzadeh: Sehr gefährlich. Vorurteile sorgen dafür, dass wir Talenten auf dem Arbeitsmarkt keine Chance geben. Wir befinden uns in Zeiten des Fachkräftemangels. Die Babyboomer-Generation geht in Rente und hinterlässt eine klaffende Lücke. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen verstehen, wie sie Talente für sich gewinnen und halten können. Wenn sie ihnen keine Chance geben, nur weil sie keinen akademischen Abschluss haben, Deutsch nicht als Muttersprache sprechen oder davon ausgehen, dass Mitarbeiterinnen wegen ihres Alters bald schwanger werden, dann verlieren sie Potenzial.

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Hat sich in Bezug auf diese Vorurteile noch nichts getan?

Esmailzadeh: Doch. Das Bewusstsein über die Wichtigkeit von Diversität hat insgesamt stark zugenommen. Häufig haben wir aber nur die Geschlechtssituation im Blick. Das ist auch nachvollziehbar, diese Dimension betrifft nun mal 50 Prozent unserer Bevölkerung. Aber Diversität ist viel mehr als das. Sie besteht aus vielen Dimensionen, wie sozialer Herkunft, körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sexueller Orientierung oder Alter.

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Was raten Sie Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind?

Esmailzadeh: Sind Menschen selbst von Vorurteilen betroffen, ist es wichtig, dass sie gegen Diskriminierung vorgehen und sich Unterstützung holen. Dies können sowohl Instanzen innerhalb des Unternehmens wie beispielsweise der Betriebsrat, aber auch offizielle Stellen wie Antidiskriminierungsstellen sein. Betroffene sollten keinesfalls schweigen und Vorfälle ignorieren, da Verantwortliche auf diese Weise nicht zur Rechenschaft gezogen werden und sich der Teufelskreis damit weiter fortsetzt. Was ich nicht empfehle, ist, sich zu verbiegen, um bloß nicht in der falschen Schublade zu landen. So bin ich beispielsweise jedes Mal irritiert, wenn Frauen in Karriereratgebern geraten wird, sich möglichst dezent zu schminken und zu kleiden, um keine "Vorurteile" zu erzeugen. Die Lösung gegen Vorurteile ist nicht, dass wir uns ab jetzt alle verstellen, um bloß kein "falsches Bild" zu erzeugen.

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Warum scheuen sich Unternehmen vor mehr Diversität?

Esmailzadeh: Es ist unbequem und erzeugt Reibung. Wenn ich ein Team habe, das aus lauter "Mini-Mes" besteht, die alle so ticken wie ich, dann entstehen seltener Konflikte. Diesen natürlichen Hang zur Homogenität kann man Menschen nicht vorwerfen. Aber Diversität geht mit Innovationspotential einher. Homogene Teams könnten bestehende Schwächen im System und wichtige Trends schneller übersehen, weil es ihnen an Perspektiven mangelt.

Sollten Unternehmen das nicht längst wissen?

Esmailzadeh: Aus meiner Sicht zeigt sich eine große Lücke zwischen Lippenbekenntnissen und dem, was real umgesetzt wird. Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass sie sich in einem Arbeitnehmermarkt attraktiv machen müssen. Mitarbeitern ist es wichtig, in einem Unternehmen zu arbeiten, mit dessen Werten sie sich identifizieren können. Diversität ist so ein Wert. Doch nur weil Unternehmen einmal im Jahr ihre Logos in Regenbogenflagge färben oder Postings zu Diversitätsthemen machen, sind sie nicht unbedingt divers. Das Bild, das sich in der deutschen Wirtschaft abzeichnet, ist von echter Diversität noch weit entfernt.

Was fordern Sie? Gesetzliche Veränderungen?

Esmailzadeh: Genau. Mit Politik können wir Veränderungen erwirken. Es geht darum, dass wir Bedingungen schaffen, die Gleichberechtigung fördern. Zum Beispiel durch familienpolitische Reformen, wie einer Ausweitung der Partnermonate oder einer betrieblichen Kinderbetreuung. Uns fehlen aktuell über 400.000 Kitaplätze. Wenn wir diese Lücken schließen würden, könnten so viele Frauen wieder in den Beruf oder in eine Vollzeitbeschäftigung zurückkommen. Es muss Frauen möglich sein, einer Beschäftigung nachzugehen und gleichzeitig eine Familie gründen zu können. Bei unserem Fachkräftemangel brauchen wir sie mehr denn je auf dem Arbeitsmarkt.

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Stichwort Fachkräftemangel: Wie können wir unseren Arbeitsmarkt zukunftsfähiger machen?

Esmailzadeh: Wir befinden uns in einer schwierigen Zeit und das wird in den nächsten Jahren auch nicht besser. Aber wir haben unterschiedliche Hebel. Einer ist Migration. Wir müssen dafür sorgen, dass einwandernde Menschen qualifiziert werden und ihnen die Möglichkeit geben, sich bei uns aus- und weiterzubilden. Dafür und für die Stärkung von Frauen im Berufsleben sind die Schaffung von strukturellen Rahmenbedingungen und der Abbau von Stereotypen nötig.

Jeder Mensch hat Vorurteile und bildet Stereotype. Können wir überhaupt vorurteilsfrei sein?

Esmailzadeh: Nein, können wir nicht. Vorurteile sind evolutionär bedingt und fest in uns verankert. Unser Hirn kategorisiert Situationen und Menschen. So arbeitet es ressourcenschonend. Das muss es auch, sonst würden wir mit der täglichen Informationsflut völlig überfordert sein. Wir können das Schubladendenken nicht ablegen, aber wir können trotzdem akzeptieren, dass wir Vorurteile haben. Dann sind wir erst in der Lage, sie zu reflektieren und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Dann sollte man diesen Gefühlen auf den Grund gehen. Woher kommen die Vorurteile? Sind sie berechtigt oder wurde man in der Kindheit, durch das soziale Umfeld und die Medien so geprägt, dass eine Art Feindbild in einem aufgebaut wurde? Nachdem das einem klar geworden ist, sollte man in einem Gespräch mit den jeweiligen Menschen herausfinden, ob das Gefühl richtig war oder nicht.