Basteln am allwissenden Elektroauto

Jens Voigt
| Lesedauer: 6 Minuten
Volkmar Schau lädt vor dem Erfurter Lager des bundesweiten Elektrogroßhändlers BTF eine Trommel mit 500 Metern Brandmeldeleitung, die ein Kunde bestellt hat, in den elektrisch betriebenen Renault Kangoo. Der Jenaer Informatiker ist mit Kollegen der Friedrich-Schiller-Universität am Forschungs- und Entwicklungsprojekt "Smart City Logistik Erfurt" beteiligt, das unter anderem ein Fahrerassistenz-System zur optimalen Auslastung und Routenwahl von Elektro-Transportern entwickeln soll. Foto: Jens Voigt

Volkmar Schau lädt vor dem Erfurter Lager des bundesweiten Elektrogroßhändlers BTF eine Trommel mit 500 Metern Brandmeldeleitung, die ein Kunde bestellt hat, in den elektrisch betriebenen Renault Kangoo. Der Jenaer Informatiker ist mit Kollegen der Friedrich-Schiller-Universität am Forschungs- und Entwicklungsprojekt "Smart City Logistik Erfurt" beteiligt, das unter anderem ein Fahrerassistenz-System zur optimalen Auslastung und Routenwahl von Elektro-Transportern entwickeln soll. Foto: Jens Voigt

Foto: zgt

Zwei Thüringer Forschungs- und Entwicklungsprojekte zur Elektromobilität tun sich zusammen, damit das Bangen um Reichweite und die nächste Ladesäule bald ein Ende hat.

Erfurt. Nein, absolut still ist es nicht in diesem Auto. Geräusche von außen dringen herein: Das Klingeln der Straßenbahn, das Husten eines Mannes an der Haltestelle, das Dieselnageln eines Transporters neben uns. Nur unser Fahrzeug schweigt. Kein Motorgeräusch, kein Radiogedudel. Dafür ist es knackig kalt hinterm Steuer. Willkommen in der automobilen Zukunft.

"So", sagt Volkmar Schau und rastet den Hebel in die Fahr-Position, "jetzt müsste es losgehen". Ein leises Piepen ertönt, das Blinker-Relais klackert wie ein Turmuhrwerk, der Renault Kangoo Z.E. setzt sich in Bewegung. Z.E. steht für "zero emission", also ein Elektrofahrzeug. Schau, Informatiker an der Universität Jena, forscht seit Juli 2013 innerhalb des Projekts "Smart City Logistik Erfurt" (SCL) an einer Software, die unabhängig vom jeweiligen Hersteller die akute Leistungsfähigkeit von Elektro-Transportern abbildet und dem Fahrer Empfehlungen gibt, in welcher Abfolge und auf welchen Routen er beispielsweise Kuriersendungen ausliefern sollte, um die von der Batterie limitierte Reichweite seines Fahrzeugs optimal zu nutzen und möglichst noch vor dem letzten Watt im Akku die nächste Ladesäule zu erreichen. Schau hat schon etliche E-Cars ausprobiert, auch bei Langstreckentests zwischen Jena und Weimar, wahrscheinlich ist ihm deshalb die batterieschonende Fahrweise bereits zur Gewohnheit geworden: Heizung aus, Licht nur bei absoluter Notwendigkeit, möglichst wenige Starts und Stopps. Und um es milde zu formulieren: Mit dem promovierten Zahlenmenschen am Steuer presst es einen nicht gerade in die Sitze.

Wir fahren von der Erfurter Innenstadt hinaus nach Vieselbach ins Gewerbegebiet, laden bei einem Elektrogroßhandel eine zentnerschwere Rolle mit 500 Metern Brandmeldeleitung ein, die ein Unternehmen im Erfurter Nordwesten bestellt hat. Es ist ein echter Kundenauftrag, zu realisieren unter ebenso echten Bedingungen, nur eben ausnahmsweise mit einem Akademiker am Steuer. Um zu zeigen, was elektrische Transporter schon können. Und gleichzeitig erahnen zu lassen, was noch zu leisten ist, damit sie zum Frommen der Umwelt ihre bislang übermächtige spritsaufende Konkurrenz verdrängen können.

Wege zur effizienteste Fahrweise finden

Worum es geht, das haben vor unserer Lieferfahrt diverse Herren in der Laborhalle der Erfurter Fachhochschule zu erklären versucht: Da ist das Logistik-Projekt SCL, das auf den effizienten Einsatz von Elektro-Transportern im innerstädtischen Bereich zielt. Es stützt sich vor allem auf Daten der jeweiligen Fahrzeuge und soll am Ende nicht nur in Echtzeit abbilden, wo gerade welche Bestellung unterwegs ist und wann beim Kunden eintrifft, sondern auch dem Fahrer Empfehlungen geben, in welcher Reihenfolge und auf welchen Wegen er am besten ausliefern sollte. Das zweite Projekt namens "Smart Mobility Thüringen" (SMT) bezieht auch den individuellen Elektro-Verkehr ein und soll quasi Auto, Straßen- und Leitungsnetz miteinander verbinden. Im Idealfall weiß das Auto irgendwann auf Basis seiner eigenen Technik-Daten, von Wetterinformationen und dem aktuellen Verkehrslagebild aus dem städtischen Großrechner, welche Strecke entweder am schnellsten oder am batterieschonendsten zum Ziel führt, wo vielleicht ein Lade-Zwischenstopp angeraten wäre und zur Verfügung steht. Und andersherum ließen sich Fahrzeuge so besser ins Verkehrssystem integrieren, Staus vermeiden, aber auch die Überlastung des Stromnetzes beim Laden der Auto-Akkus.

Darüber hinaus wird auch das ganze Verkehrsmanagement der Region inklusive des öffentlichen Personentransports einbezogen, wie Carsten Stiller von der Jenaer Firma TAF mobile erläutert: "Wir wollen, dass die Fahrer von E-Cars dann auch Empfehlungen bekommen, wie sie ihr Ziel mit dem nächsten Bus erreichen, während ihr Auto sich an der Ladesäule erholen kann." Beteiligt ist auch das Saalfelder Unternehmen Elektronik & Präzisionsbau (EPSa), das vor allem am automatisierten Sammeln und Aufbereiten sämtlicher Daten arbeitet, die Einfluss auf den jeweiligen Energieverbrauch der Fahrzeuge haben.

Die Informationen sollen in Hinweise an den Fahrer umgemünzt werden, erklärt EPSa-Mitarbeiter Detlef Heydenreich: "Nicht nur so Klassiker wie das Reduzieren der Klimaanlage, sondern vor allem zur effizientesten Fahrweise." Die nämlich habe laut den bisherigen Untersuchungen den stärksten Einfluss auf die Ausdauer der Akkus. "Gelassenheit schafft Reichweite", so Heydenreich.

Per Kooperationsvertrag haben sich nun beide Projekte zusammengetan, man hofft auf Synergien und das Vermeiden von Parallelarbeit sowie das effizientere Ausnutzen der öffentlichen Mittel. SCL und SMT umfassen zusammen rund 17 Millionen Euro an Projektvolumen, davon etwa zehn Millionen aus Fördermitteln des Bundes. Und obwohl bei der Vorstellung in Erfurt viel von Visionen die Rede war, sollen konkrete Ergebnisse schon bald auf den Tisch respektive ans Armaturenbrett kommen: Ab April will SMT in Feldtests die Navi-App für Elektroautos im Raum Erfurt sowie das netz- und tarifgesteuerte Laden erproben. Und das Jenaer Softwareunternehmen Dako, wo laut Geschäftsführer Thomas Becker ein Dutzend Beschäftigte am SCL-Projekt tüftelt, hat bereits für den kommenden Juni Logistiker aus dem ganzen Bundesgebiet zu einem Kongress geladen, der sich mit den Möglichkeiten der IT-Optimierung von Elektro-Transportern beschäftigen soll. "Das Interesse daran ist riesig, wie die Anmeldungen zeigen", so Becker.

Assistenzsystem soll auf Cebit präsentiert werden

Auch Volkmar Schau und die Jenaer Uni-Informatiker geben Gas.

Demnächst, so Schau, werde man einen E-Car-Simulator aufbauen, um für die Forschung nicht jedes der inzwischen zahlreichen - und teuren - Fahrzeuge ausprobieren zu müssen. Und auf der kommenden IT-Messe Cebit soll zumindest ein Demonstrationsmodell des künftigen Fahrerassistenzsystems für Transport-Stromer präsentiert werden. Allerdings wird auch das wohl nicht den Auslieferungs-Klassiker schlechthin verhindern können, der uns am Ende der Erfurter Testfahrt ereilt: Keiner da unter der angegebenen Lieferadresse, nur mittels mehrerer Anrufe lässt sich der eigentliche Firmensitz ermitteln, wo wir die Kabeltrommel endlich loswerden. Eigentlich könnte man eine automatische Jemand-zu-Hause-Anfrage gleich mit in die neue E-Transporter-App bauen, sinniert Schau. Und ist so begeistert, dass er auf der Rückfahrt sogar die Heizung aufdreht. Aber nur ein bisschen.