Beobachtungen bei der Jenaer Messe: „Um den Flüchtling buhlen x Firmen“

Jena  Die Messe „Bauen – Wohnen – Energie“ ist für die einen ein Ort, um sich vorzustellen und den Kunden Beratung zu bieten, für die anderen ist es eine Gelegenheit, um das Auftragsbuch zu füllen. Der Fachkräftemangel ist und bleibt jedoch das Thema Nr. 1 bei den Handwerkern.

Raumausstatter Christian Seyfahrth und seine Frau Josefine Heinrich-Seyfarth auf der Jena-Messe „Bauen – Wohnen – Energie“. Bei der Wandgestaltung würden die Leute mehr und mehr auf das schlichte Weiß setzen, sagt das Ehepaar. Es gehe den Kunden um Funktionalität. Trend beim Fußboden? Das legendäre Laminat sei nicht mehr so gefragt.

Raumausstatter Christian Seyfahrth und seine Frau Josefine Heinrich-Seyfarth auf der Jena-Messe „Bauen – Wohnen – Energie“. Bei der Wandgestaltung würden die Leute mehr und mehr auf das schlichte Weiß setzen, sagt das Ehepaar. Es gehe den Kunden um Funktionalität. Trend beim Fußboden? Das legendäre Laminat sei nicht mehr so gefragt.

Foto: Thomas Stridde

Wieso eigentlich? Ein allgemeines Handwerker-Problem besteht doch heutzutage darin, vor lauter Aufträgen kaum hinterherzukommen. Und dann ein großer werbender Stand auf der Jenaer Messe Bauen – Wohnen – Energie in der Sparkassen-Arena?

Der Jenaer Christian Seyfarth ist mit seinem Raumausstatter-Betrieb zum dritten Male auf der Jenaer Messe dabei. Und ja, sagt er, es stimme, „mir geht es hier nicht um Aufträge. Unsere Bücher sind voll.“ Im Schnitt fünf, sechs Wochen müsse ein Kunde schon warten zwischen Erteilung eines Auftrags und Umsetzung. „Wir wollen aber etwas für die Wiederkennung tun, einfach ansprechbar sein. Manch einer kennt uns doch nur als Maler und Fußbodenleger“, sagt Seyfarth, der den Betrieb in dritter Generation führt und großen Wert legt auf den programmatisch gemeinten Slogan „Raumausstatter aus Leidenschaft“. Auch Seyfarth kann seine Strophe zum Klagelied von den fehlenden Fachkräften anstimmen. – Einen Lehrling habe er im neuen Ausbildungsjahr wieder einmal nicht gewinnen können. Im Alltag stehen ihm vier Angestellte zur Seite, „und der Chef arbeitet mit“. Tatsächlich könne man glatt Angst bekommen, eines Tages die Leute nicht mehr bedienen zu können. Und bezeichnend: Ein junger Flüchtling mit guten Deutsch-Kenntnissen beginnt jetzt bei Christian Seyfarth ein Praktikum. „Ich weiß, um den jungen Mann buhlen schon x Firmen.“

Lassen sich anhand der Kunden-Wünsche in der Branche bestimmte Trends ausmachen? – Klares Ja von Christian Seyfarth! Zum Beispiel sei der gute alte Laminat-Fußboden nicht mehr gefragt; es werde bevorzugt auf neue Technologien gesetzt, auf „heterogene PVC-Beläge“ etwa. Auch würden in nicht mehr so großem Maß Farben an den Wänden und aufwändige Tapeten-Gestaltungen nachgefragt. „Die weißen Wände sind in; Funktionalität will der Kunde haben.“ Und klar, Produkte für das digitalisierte intelligente Wohnen, die unter das Schlagwort „Smart Home“ fallen, die verbaue seine Firma auch, sagt Seyfarth.

Messe als Quelle für lukrative Aufträge

Nur Fahne zeigen, nein, das ist für Uwe Mimietz nicht der einzige Zweck seines Standes auf der Messe. Er ist mit seinem Bürgeler Meisterbetrieb für Heizung, Lüftung, Sanitär zum 14. Male bei „Bauen – Wohnen – Energie“ vertreten. Und möge auch bei ihm für das normale Austauschgeschäft längst ein Auftragsvorlauf von einem halben Jahr vonnöten sein, so sagt er sich dennoch: „Man kann nicht genug Aufträge haben.“ Zudem habe er die Erfahrung gesammelt, dass die Jenaer Messe ihm besonders lukrative Aufträge beschert, sagt Mimietz, der sechs Angestellte hat und „in diesem Jahr gesegnet ist: Wir haben einen Lehrling gefunden“.

Auf einem anderen Blatt steht, dass mitunter auch ein Meisterbetrieb wie Uwe Mimietz‘ 20 Jahre bestehende Firma nicht sofort helfen kann. Vor Weihnachten habe ihn der Notruf einer Familie ereilt: Heizung explodiert! Da gerade die Kapazitätsgrenze des Herstellers ausgereizt war, habe die Familie einige Wochen ohne Heizung auskommen müssen, berichtete Mimietz.

Auch Jüngere sollten beim Bauen ans Alter denken

Wäre neben der technischen Havarie noch zu reden über die ganz normale Katastrophe des Altwerdens. Eva-Maria Voigt war mit ihrer seit 2011 im Pflegestützpunkt, Goethe-Galerie, untergebrachten Wohnberatung Jena ebenfalls auf der Messe vertreten. Über die Hälfte ihrer alltäglichen Beratung beziehe sich auf Fälle, in denen jemand krankheits- und vor allem altersbedingt umziehen muss. Insofern sei es ihre Messe-Mission gewesen, auch jüngere Leute zu erreichen und für ein frühzeitiges altersgerechtes Bauen zu werben. Froh ist Eva-Maria Voigt, dass sie jetzt auf eine digitale Wohnraumbörse für rollstuhlgerechte Unterkünfte verweisen kann, die als Link unter der Internetadresse www.wohnberatung-jena.de zu finden ist. „Dort können Vermieter Wohnungen einstellen; Details und Ansprechpartner finden sich dort.“

Wohnberatung Jena, getragen vom Awo-Regionalverband, hat Sitz im Pflegestützpunkt, Goethe-Galerie. Büroaufgang B, 2. OG, Dienstag und Donnerstag 14 bis 18 Uhr, Mittwoch im Stadtteilzentrum Lisa (Werner-Seelenbinder-Straße 28a) von 9 bis 12 Uhr. Internet: www.wohnberatung-jena.de