Thüringer Handwerk leidet unter Fachkräftemangel - Prämie für alle Meister gefordert

Erfurt.  Für die Handwerksbetriebe in Thüringen wird der Fachkräftemangel zu einem immer größeren Problem. Was das für Gewerbe und Kunden bedeutet und wie das Land helfen kann.

Jan Schlennstedt, Brauer aus Erfurt und Natalie Rosner, Augenoptikerin aus Worbis sind die Gesichert des Handwerks.

Jan Schlennstedt, Brauer aus Erfurt und Natalie Rosner, Augenoptikerin aus Worbis sind die Gesichert des Handwerks.

Foto: Foto: Sascha Fromm

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Volle Auftragsbücher und längere Wartezeiten für die Kunden – den Thüringer Handwerksbetrieben fehlen Fachkräfte.

„In einigen Gewerken müssen die Kunden statt bisher acht inzwischen zwölf Wochen auf den Handwerker warten“, bestätigte der Präsident der Handwerkskammer Erfurt, Stefan Lobenstein, gestern in Erfurt. Natürlich gelte das nicht für Notfälle, bei einem Stromausfall oder Wasserrohrbruch komme der Handwerker sofort.

Die fehlenden Fachkräfte wirken sich laut Lobenstein auch auf die Investitionsneigung der Firmeninhaber aus, die weiter zurückgegangen ist. „Wer nicht weiß, ob er jemand findet, der eine neue Maschine auch bedienen kann, wird sie nicht anschaffen“, sagte Lobenstein.

Angesichts einer geringeren Erwartungslage der befragten Firmen sprach der Kammerchef von einer „gefühlten Eintrübung“ der Konjunktur. Die Gehälter der Thüringer seien gestiegen, die Konsumneigung sei hoch und die Binnennachfrage stabil, so Lobenstein.

Die Zahl der Betriebe sei in Nord- und Mittelthüringen leicht auf 14.002 zurückgegangen, die Beschäftigtenzahl dagegen auf 68.000 angestiegen. Das belege, dass die Marktlage größere Betriebe verlange. Die Kunden wollten einen Ansprechpartner, der alle Arbeiten erledige.

Die Talsohle bei der Ausbildung ist laut Thomas Malcherek, Hauptgeschäftsführer der Kammer, durchschritten. Die Zahl der Lehrlinge im Kammerbezirk ist wieder leicht auf 3634 angestiegen. Noch immer aber strebten zu viele junge Thüringer eine akademische Ausbildung an, kritisierte Malcherek eine Studienabbrecherquote von fast 40 Prozent. Lobenstein sieht in den wieder steigenden Ausbildungszahlen auch einen Erfolg der Imagekampagne des Handwerks, in die man kräftig investiert habe.

Handwerk fordert Prämie für alle Meister

Mehr Wertschätzung für den Meisterbrief erwartet Lobenstein von der Thüringer Landesregierung. 260 junge Meister erhalten im Februar ihre Briefe. Sie mussten — im Unterschied zu Studenten — ihre Ausbildung bezahlen. Diese fehlende Chancengleichheit verhindere, dass sich noch mehr Jugendliche für eine duale Ausbildung entscheiden.

Zwar sei es ein Erfolg, dass es inzwischen in Thüringen eine Prämie für Meister-Abschlüsse gebe, allerdings werde die lediglich an die Jahrgangsbesten jedes Gewerkes in den Kammerbezirken vergeben. Das bedeute, dass lediglich etwa 40 Meister diese Prämie in Höhe von je 1000 Euro bekommen. „40.000 Euro lassen sich im Landeshaushalt kaum darstellen“, sagte Lobenstein. Er forderte, die Prämie an alle erfolgreichen Absolventen des Meisterlehrgangs zu zahlen. Das sei in vielen anderen Bundesländern gängige Praxis. Der Kammerchef verwies etwa auf Sachsen, Brandenburg, Hamburg oder das Saarland.

In einigen Bundesländern würden noch höhere Prämien ausgezahlt, in Bayern seien es 2000 Euro für jeden Meister, in Bremen sogar 4000 Euro.

„Wir brauchen dringend mehr Meister“, so Lobenstein mit dem Blick auf 4000 Handwerksbetriebe in Thüringen, die in den nächsten zehn Jahren zur Nachfolge anstehen. Das sei rund jede dritte Firma im Kammerbezirk.

Lob für „Gesichter des Handwerks“

Als gelungen, bezeichnete Lobenstein auch die gemeinsame Aktion mit unserer Zeitung zur Wahl der Gesichter des Handwerks. Dieses Pilotprojekt habe zwölf junge Handwerker in den Mittelpunkt gestellt, deren Gesichter jetzt auch einen Jahreskalender des Handwerks für 2020 zieren.

Zu ihnen zählt Natalie Rosner aus Worbis. Für sie habe nach dem Abitur festgestanden, dass sie kein Studium antrete, sondern eine Ausbildung, erzählt die 28-jährige. Nach erfolgreicher Lehre als Augenoptikerin schloss sie die Meisterqualifikation an.

Mit ihrem Mann, der den gleichen Beruf erlernt hat, gründete und eröffnete sie schließlich das eigene Geschäft in der Innenstadt von Worbis. „Wir haben uns bewusst für diese Lage entschlossen, weil es in der Stadt viele ältere Menschen gibt, die einen Optiker benötigen“, sagt Natalie Rosner.

Er habe nach der Rückkehr aus den alten Bundesländern in seine Heimatstadt Erfurt sehr schnell bemerkt, dass hier ein regionales Bier fehle, so der gelernte Braumeister Jan Schlennstedt. „Mit der Handwerkskammer haben wir einen Businessplan für die Gründung einer Brauerei ausgearbeitet, aber keine Bank in der Region war bereit, das Projekt zu finanzieren“, sagt Schlennstedt.

Schließlich habe man in Baden-Baden eine Bank gefunden, die gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau die nötigen Finanzen bereitgestellt hat. Mittlerweile sei seine Firma seit drei Jahren am Markt und es hätten sich viele Leute gefunden, die das Konzept toll finden und es unterstützen.

Heftige Kritik richtete Lobenstein an den Bundesfinanzminister. Dessen Bonpflichtgesetz sei ein Generalverdacht gegenüber allen Unternehmern, so Lobenstein. Gerade in einem Land des Mittelstandes wie Thüringen sei diese Bonpflicht eine enorme zusätzliche Belastung, ohne konkreten Nutzen. „Unsere elektronischen Kassen erfassen doch ohnehin alle Verkäufe“, sagte Lobenstein. Die Bonpflicht sei daher auch aus Umweltaspekten völliger Irrsinn.

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