Der digitale Arzt: Praxissoftware aus Jena überzeugt bundesweit

Jena  Praxissoftware Tomedo aus Jena in der 500ten Praxis installiert.

So könnte das virtuelle Sprechzimmer aussehen – die Tagesliste des Arztes mit allen Patienten des Tages .

So könnte das virtuelle Sprechzimmer aussehen – die Tagesliste des Arztes mit allen Patienten des Tages .

Foto: Zollsoft

Medizinische Wunder oder gar den sofortigen Termin beim Lieblingsarzt kann die Software der Firma Zollsoft GmbH nicht bewirken. Wohl aber macht sie den Praxisalltag für Mitarbeiter und Ärzte leichter. Zum 500. Mal hat das junge Jenaer Unternehmen seine Tomedo genannte Software installiert. Mario Zerbaum mit seiner hausärztlichen Praxis in Brandenburg ist der Jubiläums-Kunde.

Die Geschichte der Zollsoft GmbH ist ein Beispiel für die erfolgreiche Besetzung einer Marktlücke, die mit einem Ärgernis begann. Gründer sind das Ärzte-Ehepaar Christine und Philipp Zollmann, die jeweils eine große dermatologische und chirurgische Praxis mit mehreren angestellten Ärzten in Jena führen. Vor einigen Jahren ärgerten sich beide darüber, dass die in der Praxis eingesetzte Software nicht so funktionierte, wie erhofft. Das Thema wurde mit den beiden Söhnen besprochen.

In den Praxen der Eltern getestet

Andreas und Johannes Zollmann, beides studierte Informatiker, kümmerten sich. So einfach, wie sich die Ärzte das zunächst dachten, war die Lösung des Software-Problems aber nicht. Ein ganz neues Programm musste her. Und eine Firma.

"Mit 500 Praxen, die unsere Software einsetzen, hätten wir am Anfang nie gerechnet", sagt Johannes Zollmann. Gemeinsam mit Bruder Andreas initialisierten sie die Firma, in die sie als Chefentwickler Tobias Berg von der Uni Jena holten. Alle drei kannten sich schon seit Schülertagen aus dem Jenaer Carl-Zeiss-Gymnasium.

Die Software wurde zuerst im elterlichen Betrieb eingesetzt, der nach wie vor neue Softwareversionen testet, bevor sie der gesamten Kundschaft zur Verfügung gestellt werden. "Die direkten Rückmeldungen sind für uns sehr wertvoll", sagt Johannes Zollmann. Die Software wurde in der Apple-eigene Pro- grammiersprache geschrieben, damit die Anwen- dungen schnell und sta- bil laufen. Die Programmierer mussten zudem die Anforderungen der Kassenärztlichen Vereinigung für die Abrechnung erfüllen. Die Quartalsabrechnung ist aus kaufmännischer Sicht eine überlebenswichtige Operation in einer Arztpraxis. Darüber hinaus müssen vorhandene diagnostische Geräte mit Tomedo kommunizieren, auch Windows-Geräte, was problemlos gelingt.

Mittlerweile gehöre die Software zu den am schnellsten wachsenden Systemen am deutschen Markt. Dementsprechend stieg die Zahl der Mitarbeiter von 30 vor einem Jahr auf jetzt knapp 50. Diese arbeiten über- wiegend auf einer Etage des Postcarré am Engelplatz. Weil die von den Kunden gemietete Software kontinuierlich weiter- entwickelt wird, reißen die Aufgaben für die Software-Entwickler nicht ab.

Korrekterweise kann man bei Zollsoft von einer Kellerfirma sprechen, denn erste Programmierarbeiten erfolgten in einem unterirdischen Aufenthaltsraum am Aufgang A. Später zogen die Mitarbeiter in weiter oben gelegene Räume. Im Keller befindet sich heute ein Besprechungsraum und in einem Schrank stehen wie in einem Museum einige etwas betagtere Apple-Rechner.

Was macht der Arzt mit der Software? "Im Prinzip lässt sich damit der gesamte Praxisalltag organisieren", sagt Philipp ­Winklhofer, der sich im Unternehmen ums Marketing kümmert. Sei es die Terminvergabe, das Führen von Patientenakten, das Beifügen von Dokumenten. Urlaubs- und Dienstplanung, Aufgaben-Verwaltung mit E-Mail-Anbindung und Wartezimmer-TV gehören zu den weiteren Funktionen.

Die Tomedo-Entwickler konzentrierten sich dabei komplett auf die Apple-Sprache, weil die Affinität zu diesem US-Hersteller unter Ärzten besonders groß zu sein scheint. Ganz praktisch kann der Arzt sich so vor einem Patientenbesuch die Patientenakte mit zwei Klicks auf sein Handy oder Tablet laden, den Besuch beim Patienten dokumentieren und mit der Diktierfunktion den Arztbrief vorbereiten. Und was bringt es dem Patienten? Vordergründig nicht so viel, sagt Winklhofer und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Höchstens vielleicht einen etwas entspannteren Arzt". Allerdings setzen viele Praxen bereits die Online-Terminvergabe oder das von Zollsoft entwickelt Terminal für die Selbst-Anmeldung der Patienten ein. Thema der Zukunft könnte die Telemedizin werden. Im Moment ist die für Arztpraxen aus Abrechnungsgründen kaum machbar. Aber die Software bietet bereits eine voll integrierte Videosprechstunden-Funktion.

Nur eine Sache macht Tomedo nicht, auch wenn viele gern das Internet als medizinischen Informationsquelle nutzen. Mit "Dr. Google" ist programmseitig keine Konsultati- on vorgesehen. Da sind die Mediziner in den Praxen schon Experte genug.

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