Leutenberg: Konzentration aufs Kerngeschäft

Leutenberg  Bluechem-Group Leutenberg will internationales Geschäft ausbauen und in diesem Jahr Umsatz wieder steigern.

CTP-Mitarbeiter Rolf-Peter Klemm bedient und überwacht eine der vollautomatischen Abfüllanlagen für Fahrzeugchemie, in diesem Fall für Spray-Produkte.

CTP-Mitarbeiter Rolf-Peter Klemm bedient und überwacht eine der vollautomatischen Abfüllanlagen für Fahrzeugchemie, in diesem Fall für Spray-Produkte.

Foto: Jens Voigt

Alles redet von Elektroautos, der Volkswagen-Konzern hat gerade ein Milliardenprogramm dafür aufgelegt, bei Erfurt soll demnächst die erste wirklich große Batteriefabrik in Deutschland wachsen – aber Gabor Quoika mag noch nicht aufspringen auf den Hype: Mit Produkten eigens für Strom-Mobile hält sich die Chemisch-Technische Produktions GmbH (CTP) Leutenberg noch zurück.

„Möglicherweise in fünf bis zehn Jahren werden wir wissen, ob sich die Elektromobilität wirklich im Massenmarkt durchsetzt“, urteilt Quoika, kaufmännischer Geschäftsführer des Fahrzeugchemie-Herstellers. Noch sei längst nicht entschieden, ob am Ende Batterie-Gefährte oder solche mit der ressourcenschonenderen, aber eben noch leistungsschwächeren Brennstoffzelle das Rennen machen. Und für beide mangele es noch weithin am Lade- respektive Tanknetz. Er gehe davon aus, dass Verbrennungs- und Elektrosysteme noch lange parallel existieren.

Vom Entwicklerlabor in den Markt

Was nicht heißt, dass man bei CTP die Hände in den Schoß legt. Drei neue Mittel zur Reinigung und Leistungserhaltung speziell für Verbrennungsmotoren von Hybridfahrzeugen haben im vorigen Jahr den Sprung aus dem firmeneigenen Entwicklerlabor in den Markt vollzogen.

Für das Brennraum-Reinigungssystem „Carbon X“ wurde der CTP-Muttergesellschaft Bluechem-Group im vorigen Juni die hochrangige Auszeichnung „Winner in der Kategorie Excellence in Business to Business – Chemical Industry“ des German Innovation Award zuteil. Die Anerkennung, vergeben von unabhängigen Experten aus Industrie, Wissenschaft, Institutionen und Finanzwirtschaft vergeben, honoriere die überzeugende Entwicklungsleistung, die einen relevanten Mehrwert biete, eine entscheidende Differenzierung im Wettbewerb darstelle und erheblich zum Markterfolg beitrage, kommentiert Bluechem-Group-Präsident Werner Urban. Mit „Carbon X“, das ein gründliches Entfernen von Verkokungen und anderen Ablagerungen ohne das aufwändige Zerlegen des Zylinderkopfs ermöglicht, kam das Leutenberger Unternehmen zudem unter die drei Finalisten des letztjährigen Thüringer Innovationspreises in der Kategorie Industrie & Material. „Mit ‚Carbon X‘ sind wir zum perfekten Zeitpunkt gestartet, als sich mit den Modellen mehrerer Hersteller der Massenmarkt für Hybridfahrzeuge öffnete“, urteilt Marketingchef Wilhelm Wust. „Die Mitbewerber konnten ihre Produkte erst nach unserer Premiere nachschieben.“

Vorangekommen ist laut Quoika auch die internationale Präsenz der Bluechem-Group. Nach der mehrtägigen Erkundungs- und Präsentationsreise von Präsident Urban im vorigen Frühjahr konnte inzwischen in Gambia eine weitere Vertriebsgesellschaft gegründet werden, die zum Drehkreuz für Westafrika wachsen soll. Weitere würden sicherlich folgen, schon wegen der sprachlichen und ethnischen Hürden auf dem Kontinent. Nigeria als bevölkerungsreichstes Land käme dafür ebenso in Betracht wie Äthiopien mit dem stärksten Wirtschaftswachstum und seiner nun auch demokratischen Öffnung. Ebenfalls verstärken wolle man sich in Mittel- und Südamerika, wo man etwa in Brasilien bereits interessante Partner gefunden habe.

Dass die Expansion gen Afrika und Südamerika auch eine Reaktion auf Hemmnisse und Unsicherheiten anderswo ist, verhehlt der Geschäftsführer nicht. „Es läuft, aber es ist schwieriger geworden“, urteilt Quoika über das traditionell starke Export-Segment der Firma. Trumps Strafzoll-Lavieren, das US-Embargo gegen den Iran inklusive dessen Ausschluss vom internationalen Bankenverkehr, die täglich neuen Brexit-Aufregungen – all das mache das internationale Geschäft schwieriger, desgleichen der zunehmende Protektionismus. Das unfreundliche Marktumfeld hinterlässt auch in Leutenberg Spuren: Mit knapp 11 Millionen Euro hat der Umsatz 2018 im Vergleich zum Vorjahr eine merkliche Delle erfahren, die hiesige Mitarbeiterzahl verharrt um die 60, die noch vor einem Jahr von Urban avisierte neue Halle zwecks Verdopplung der Produktionskapazitäten ist erst einmal aufgeschoben.

Auf dem Schirm bleibt sie aber, versichern Quoika und Wust. Denn das Unternehmen steuert in neue Felder, die das Wachstum wieder befeuern sollen, und auf geplante 13,7 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr. Ein Stichwort heißt Carsharing, im Unterschied zur Elektromobilität ein klar ausmachbarer Trend, wie das Zusammenlegen der Sparten von Daimler und BMW anzeigt. Eine Menge Autos, die wegen ständig wechselnder Nutzer besonderen Wartungs- und Pflegeaufwand brauchen, zumeist erledigt von den Herstellern selbst oder deren Tochterfirmen.

Joint-venture in China soll ausgebaut werden

In diesen Markt der Originalausrüstungshersteller (OEM) will die Bluechem-Group, bislang bevorzugt Ausrüster der gepflegten Fachwerkstatt, mit den bei CTP gefertigten knapp 400 unterschiedlichen Produkten hinein. „Wir sind in intensiven Verhandlungen mit einigen OEM“, bestätigt Wust. Wichtige Voraussetzung ist die Zertifizierung nach den aktuellen ISO-Normen für ein durchgängiges Qualitäts- und Umweltmanagement. Beide Standards wurden CTP unlängst bestätigt.

In China wiederum soll das dortige Joint-venture zu einer Werkstatt-Kette im Premiumbereich ausgebaut werden, die von der simplen Wartung bis zur passenden Versicherung alles aus einer Hand anbietet, verknüpft mit digitalen Services. Und natürlich tüfteln die CTP-Entwickler weiter, aktuell an verbesserten Produkten für Benzin-Direkteinspritzer. Denn solange noch Verbrennungsmotoren weiter entwickelt werden, wollen die Leutenberger das passende Produkt parat haben. Schließlich ist das ihr Kerngeschäft seit über 20 Jahren.