Nach dem Abi in Bad Blankenburg an die Kreissäge

Bad Blankenburg  OTZ-Serie „handgemacht - Gib dem Handwerk (D)ein Gesicht“ Anni Reif lernt in Bad Blankenburg den Beruf der Tischlerin. In der Werkstatt ist sie die Exotin und froh darüber

Anni Reif absolviert zurzeit eine Ausbildung zur Tischlerin in der Firma Jahn GmbH in Bad Blankenburg.

Anni Reif absolviert zurzeit eine Ausbildung zur Tischlerin in der Firma Jahn GmbH in Bad Blankenburg.

Foto: Martin Hauswald

Eigentlich hätte Anni Reif den Weg wie so viele andere gehen können. Abitur und dann ab zum Studium an die Uni. Rein theoretisch für die 19-Jährige kein Problem: Das Abi hat sie in der Tasche. Mit einem Schnitt von 1,5 ist da auch schon eine Menge drin.

Heute steht die gebürtige Gothaerin aber in der Werkhalle der Jahn GmbH in Bad Blankenburg. Im hinteren Teil der riesigen Werkstatt sind Tischler damit beschäftigt, Platten in Form zu sägen, Möbelteile zu verleimen und zusammen zu setzen. Seit August gehört auch Anni Reif zum Team der Bad Blankenburger Firma und absolviert eine Ausbildung zur Tischlerin – Kein Studium, lieber ins Handwerk. „Ich hatte Lust auf einen Beruf, den ich auch in der Freizeit nutzen kann“, sagt Reif.

Vom Heimwerken zum Handwerken

Dabei ist die 19-Jährige das, was man einen Quereinsteiger nennen kann. Berührungspunkte gab es zum Handwerk vorher kaum. Höchstens ihrem Vater hat sie hin und wieder beim „Heimwerken“ geholfen. „Ansonsten hatte ich eher nichts mit dem Handwerk zu tun“, fügt Reif an.

Erste Erfahrungen hat sie erst im Schülerpraktikum gesammelt, in der Tischlerei des Erfurter Theaters. Es folgten weitere Praktika bei der Jahn GmbH bis am Ende der Berufswunsch stand – Tischlerin sollte es werden. Bei der Frage, warum gerade Tischler, geht die junge Frau kurz in sich: „Holz ist ein schöner Werkstoff.“ Für die 19-Jährige ist Holz warm, natürlich. Metall beschreibt sie dagegen als kalt.

Ihre Kollegen stehen an den großen Maschinen, leimen Kanten an die Möbelplatten. Mit Handwerksromantik hat das wenig zu tun. Große Maschinen dominieren das Bild, Abzugshauben saugen die Späne ab, der Boden ist fast steril, nur hier und da liegt doch ein kleines Holzstück herum. „Klar hat man am Anfang die Vorstellung einer Bilderbuchtischlerei vor Augen, mit Hammer und Hobel. Aber man stellt sich schnell auf die Arbeit mit den Maschinen ein“, klärt Reif auf.

Sie freut sich trotzdem immer wieder, wenn doch die Handarbeit wieder einmal überwiegt, die computergestützte Fräse oder Säge nicht im Vordergrund steht.

Etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben, das fasziniert die 19-Jährige: „Eine perfekte Schwalbenschwanzverbindung kriegt nicht jeder hin. Es reizt mich einfach, das Handwerkliche zu lernen.“

Anni Reif passt in die Werkstatt. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und Arbeitsschutzschuhe. In ihrer grauen Arbeitshose steckt der Zollstock, ein Stift zum Anzeichnen daneben. Mit ihren langen nach hinten gebunden Haaren bleibt sie aber trotzdem eine Exotin. Ist es manchmal nicht seltsam allein mit Männern zu arbeiten? „Das ist schon gut so. Wenn das alles Frauen wären, würde ich die Krise kriegen“ sagt Reif und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Sie spricht vom Betrieb, vom guten Umgang mit den Kollegen. Die 19-Jährige ist ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt. Das zeigt sich auch bei der Frage nach ihren Zukunftsplänen. Vielleicht doch noch ein Studium, Meister- oder Fachausbildung. „Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin ein spontaner Mensch, ich mach erst mal die Lehre fertig. Das ist das Schöne an der Ausbildung, weitermachen kann man immer“, sagt Reif.

Mehr Anreize für die Ausbildung

Auch wenn das nicht immer leicht sei, sagt Reif im Hinblick auf die Ausbildungsbedingungen. Sie arbeitet in Bad Blankenburg, Berufsschule ist in Hermsdorf, Lehrgänge gleich ganz woanders. Die langen Fahrtwege machen es nicht immer leicht für die Auszubildenden. „Überall wird geschrien, es fehlen Handwerker. Aber dann müssen auch Anreize geschaffen werden“, sagt Reif und bringt ein Azubi-Ticket für die Bahn ins Gespräch, vergleichbar mit dem Studententicket. Das würde zumindest ein Problem lösen.

Für ein anderes Problem sind die Azubis selbst verantwortlich: Körperliche Fitness. Trotz des technischen Fortschritts bleibt der Tischlerberuf anstrengend. Für die 19-Jährige kein Hindernis. Sie ist Turnerin. „Ich leite auch das Turntraining n Bad Blankenburg“, sagt die Auszubildende zum Abschluss.