Nach Russland-Embargo: Milchpreis sinkt fast an die Schmerzgrenze

Landwirte bemühen sich um Lebensmittelqualität und Tierwohl. Die Politik macht ihnen das jedoch bald unmöglich.

Seit gut einem Jahr stehen die Milchkühe und Jungtiere der Gönnataler Agrar eG im neuen, luftigeren Stall in Zimmern (Saale-Holzland-Kreis). Die Milchleistung der Kühe ist allein durch die besseren Haltungsbedingungen dort bisher um rund 1000 Liter gestiegen. Das Unternehmen hat 5,5 Millionen Euro in neue Kuhställe und neue Melktechnik investiert. Foto: Angelika Schimmel

Seit gut einem Jahr stehen die Milchkühe und Jungtiere der Gönnataler Agrar eG im neuen, luftigeren Stall in Zimmern (Saale-Holzland-Kreis). Die Milchleistung der Kühe ist allein durch die besseren Haltungsbedingungen dort bisher um rund 1000 Liter gestiegen. Das Unternehmen hat 5,5 Millionen Euro in neue Kuhställe und neue Melktechnik investiert. Foto: Angelika Schimmel

Foto: zgt

Schöps/Dornburg. Die 300 Milchkühe im Stall der Agrar eG Schöps (Saale-Holzland-Kreis) geben jeden Tag 7000 bis 8000 Liter Milch. Gute Milch. Sonst würde die "Herzgut"-Landmolkerei in Schwarza den Schöpser Bauern die Milch nicht abnehmen. Denn die Molkerei gibt ihren Kunden für ihre Produkte ein Qualitätsversprechen.

Um diese Qualität täglich garantieren zu können, widmen die Bauern der Tiergesundheit und einer stabilen Milchleistung große Aufmerksamkeit. Die Zeiten, in denen Kühen maximale Leistungen abverlangt wurden, seien vorbei, erklärt Lutz Fischer, Chef der Tierproduktion in dem Agrarbetrieb.

Eine Jahresleistung von bis zu 9000 Litern Milch pro Kuh sei in Ordnung. 10"000 Liter und mehr - wie noch vor einigen Jahren - seien nicht mehr das Ziel. "Kühe, die so viel Milch geben, bekommen meist gesundheitliche Probleme", erklärt Fischer. Ihre Lebenserwartung liege bei nur vier Jahren. Das sei zu wenig. Dafür sei die Aufzucht zu mühevoll und teuer.

Zwischen Kuhgesundheit und Rentabilität

Und Fischer macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: In ihrem so kurzen Leben bekomme eine Kuh höchstens drei Kälber. Rentieren würde sich die Aufzucht aber erst mit wenigstens vier Kälbern. Dafür müssen die Mutterkühe deutlich älter als nur vier Jahre werden.

Die natürlich begrenzten Reproduktionsmöglichkeiten der Rinder haben Folgen: "Es sind auf dem Markt derzeit keine Jungtiere oder Färsen zu bekommen", sagt Fischer. Im Prinzip benötigten die Landwirtschaftsbetriebe alle in ihrem Stall geborenen Tiere zum Erhalt der eigenen Herden.

Dass Landwirte genaue Rechner sein müssen, ist klar. Soll mit der Milchproduktion Geld verdient werden, müssen die Tierbestände eine gewisse Größe haben. 300 Milchkühe, wie im Altendorfer Stall der Schöpser Bauern, seien eine gute Größenordnung für das eigene Unternehmen, sagt Agrar-Chef Michael Graf. Mit weniger sei das Geschäft nicht rentabel.

Dabei schauen die Bauern derzeit sorgenvoll auf den Milchpreis, der seit geraumer Zeit auf Talfahrt ist. "Seit Anfang Oktober ist der Preis für den Liter Milch um zwei Cent auf jetzt 33 Cent gesunken", sagt Klaus Sammer, Chef der Gönnataler Agrar eG, in deren Stall rund 500 Milchkühe stehen. "Und wir müssen mit einem weiteren Absinken rechnen", ergänzt er. Der Milchpreis werde monatlich neu festgelegt - nach dem Angebot. Wenn die Entwicklung so weiter gehe, erreiche man bald die Schmerzgrenze. "Bei 32 Cent wird es kritisch, bei 30 Cent verdienen wir nichts mehr an der Milch."

Falls jemand abwinkt, um zwei Cent müsse man nicht so viel Wind machen - dem sei vorgerechnet, dass allein die Bauern in Schöps im Oktober rund 3200 Euro weniger eingenommen haben. Hochgerechnet aufs Jahr müssten sie einen Verlust von mehr als einer halben Million Euro verkraften.

Einen Grund für das Absacken des Milchpreises nennt Michael Graf: das Russland-Lebensmittel-Embargo. Zwar behaupten Berufsverbände und Politiker, dass nur wenig deutsche Milch nach Russland exportiert werde und ein Lieferstopp keine großen Auswirkungen habe. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: "Es gibt seit dem Embargo ein Milchüberangebot, vor allem holländische und französische Milch wird zu Spottpreisen von 22 Cent auf dem deutschen Markt angeboten", erklärt Graf. Damit würden natürlich die einheimischen Lieferanten unter Druck gesetzt.

Siegfried Stenzel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes im Saale-Holzland-Kreis, berichtet von Milchlieferanten aus den baltischen Ländern und aus Finnland, die seit dem Embargo auf den hiesigen Markt drängen.

"Wir haben in der EU nun einmal einen Binnenmarkt, den wollen wir ja auch", sagt er. Dennoch "vermuten wir, dass der Handel die Situation ausnutzt und die Preise drückt." Die vier, fünf großen Konzerne hätten große Macht. "Wenn einer seine Butterpreise senkt, ziehen alle anderen nach", beschreibt er die Situation. "Von der Politik verlangen wir, dass die zugesagte Unterstützung, um neue Exportmärkte zu erschließen, endlich kommt, zum Beispiel durch den Abbau bürokratischer Hürden", erklärt Stenzel.

Kann man mit Milch kein Geld mehr verdienen, müssen die Verluste innerbetrieblich ausgeglichen werden. Bei der durchwachsenen Getreideernte in diesem Jahr ist das aber schwierig. Die Kuhherden zu reduzieren, sei erst recht keine Option. "Es geht hier schließlich um Tiere, für deren Aufzucht viel Zeit, Mühe und Geld aufgewandt wurde", sagt Lutz Fischer. Mal schnell die Bestände reduzieren und später wieder ausbauen, funktioniere nicht.

Investitionen müssen erst verdient werden

Klaus Sammer ergänzt: "Wir haben im Vorjahr für einige Millionen Euro neue Ställe gebaut". Die Kredite müssten bedient werden. Die Kühe selbst "beteiligen" sich an der Refinanzierung. "Ohne dass wir etwas an Haltung oder Fütterung geändert haben, einfach nur durch die besseren Bedingungen im Stall, in dem die Kühe mehr Luft und Platz und Bewegungsmöglichkeiten haben, ist die Milchleistung deutlich gestiegen", erzählt er. Und die Gönnataler Bauern sind noch nicht fertig damit, für ihre Tiere bessere Lebensbedingungen zu schaffen.

Doch wenn der Milchpreis weiter sinkt, müssen die geplanten Investitionen ausgesetzt werden. Michael Graf und Lutz Fischer aus Schöps sagen: "Klar hätten wir auch gern solche modernen Ställe. Aber unter so unsicheren Vorzeichen kann man eine solche Investition nicht angehen".

Tierwohl sei für die Bauern nicht nur ein Schlagwort. Ob es auch für die Verbraucher mehr sei, werde man daran ablesen, "ob sie im Supermarkt zur billigen Milch und Butter greifen, oder bereit sind, die etwas teureren Milchprodukte aus der regionalen Erzeugerkette zu kaufen", sagt Graf.

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