Thüringer Landwirte mit vereinten Kräften für besseren Milchpreis

Knau  Der geringe Erlös für Milch beutelt zunehmend auch Thüringer Landwirte. Und bringt nun sogar bisherige Konkurrenz-Verbände an einen Tisch.

Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Bauernverbandes (links), diskutiert vor der Agrofarm Knau mit Romuald Schaber, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, über die nächsten gemeinsamen Schritte für eine Stabilisierung des Milchmarktes. Foto: Jens Voigt

Helmut Gumpert, Präsident des Thüringer Bauernverbandes (links), diskutiert vor der Agrofarm Knau mit Romuald Schaber, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, über die nächsten gemeinsamen Schritte für eine Stabilisierung des Milchmarktes. Foto: Jens Voigt

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Bislang waren der Bauernverband und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) nicht unbedingt Freunde; zu sehr divergierten die Interessen zwischen dem von Familienbetrieben geprägten BDM und dem Bauernverband mit vielen Großunternehmen. Die vom Bauernverband begrüßte Abschaffung der Milchquote, seit 1. April wirksam, hatte der BDM hartnäckig bekämpft. Doch nun scheint sich eine Annäherung abzuzeichnen, auch in Thüringen – der seit Monaten fallende Milchpreis zwingt die Landwirte zu neuen Allianzen.

15 Unternehmen stellten Milcherzeugung ein

Im Hof der Agrofarm Knau bringt Romuald Schaber den Traktor zum Stehen, auf dem Hänger prangt eine schwarzrotgoldene Kuh-Figur, Transparente zeihen die EU und Kanzlerin Merkel der Existenzvernichtung. Losgefahren ist er in Halberstadt (Sachsen-Anhalt), 220 Kilometer entfernt. Der BDM-Vorsitzende ist mit ein paar Mitgliedern auf Staffelfahrt durch Deutschland, im Norden, in Bayern oder Hessen versammelten sich hunderte Bauern mit ihren Schleppern an den Tour-Stationen. In Knau, dem einzigen Ziel in Thüringen, ist der BDM-Trecker der einzige weit und breit. Was nicht heißt, dass die hiesigen Milchbauern gelassener wären oder gar zufrieden. Seit Abschaffung der Milchquote drückt auch hier ein Überangebot den Preis, flankiert von Russlands Einfuhrverbot. Nur wenige Genossenschaftsmolkereien zahlen noch um die 30 Cent je Liter; Großverarbeiter wie die auch in Erfurt ansässige DMK-Gruppe liegen bei 26 Cent und haben weitere Abschläge signalisiert.

Um auskömmlich zu wirtschaften, bräuchten die Landwirte aber um die 35 Cent, laut BDM sogar 40. Anders ausgedrückt: Bleibt der Erlös zu tief, verliert der Bauer je Kuh um die 700 bis 800 Euro – so viel, wie er in der Anschaffung aufwendet. Die Folgen sind absehbar und auch in Thüringen bereits angekommen. Etwa 15 Unternehmen haben laut Walter Pfeiffer, Referent im hiesigen Bauernverband, ihre Milcherzeugung bereits eingestellt, Kühe verkauft oder geschlachtet. Andere gehen bis an die Schmerzgrenzen ihrer Kreditlinien. Etliche retten gerade noch die Strom-Einnahmen ihrer Biogasanlagen. „Statt von der Milch leben sie von der Gülle“, beschreibt Siegfried Stenzel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Saale-Orla, drastisch die Situation.

Im Speiseraum der Agrofarm kommt denn auch Hausherr Helmut Gumpert als Präsident des Thüringer Bauernverbandes am Tisch mit einem Dutzend Milchunternehmenschefs auch schnell auf den Punkt: „Wir haben eine Krise, alles andere ist Augenwischerei. Und außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Maßnahmen.“ Nötig sei eine Marktentlastung durch die Politik, indem die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland wieder normalisiert werden müssten. Zweitens müsse ein schnellstens Anreiz-System her, um den Milchausstoß zu senken.

Der Ausgleich für Produktionseinschränkungen könnte großteils aus der so genannten Superabgabe finanziert werden, rund 300 Millionen Euro, die deutsche Erzeuger als Strafe bei Überproduktion über ihre jeweilige Milchquote zu zahlen hatten und die bislang ohne Zweckbindung im EU-Haushalt verbucht werden. Drittens denkt Gumpert an so etwas Ähnliches wie die einstige Abwrackprämie für Autos, nur eben für Milchkühe, die geschlachtet werden.

Letzteres, erwidert Schaber, sei vielleicht keine so gute Idee: „Da gibt es immer Mitnahme-Effekte und der Schlachtpreis geht kaputt.“ Außerdem müsse man wohl einen Aufstand der Verbraucher und letztlich der Politik fürchten, wenn Bilder von massenhaft geschlachteten Milchkühen durch die Medien gingen.

Doch immerhin hat Gumpert mit dem Anreizsystem für eine befristete Milchproduktion „mit angezogener Bremse“ genau die zentrale Idee aufgenommen, mit der der BDM-Chef seit Wochen durch die Republik tingelt, bei den Entscheidungsträgern in den Ländern und beim Bund indes überwiegend auf taube Ohren stößt. „Die wollen ja noch nicht mal von Krise sprechen“, zürnt Schaber. Und ist sich in diesem Ärger über die Realitätsverweigerung bis hin zum zuständigen EU-Kommissar Phil Hogan schon wieder mit dem Bauernpräsidenten einig.

Nicht alle Anwesenden finden die Idee der freiwilligen Minderproduktion – es geht um zwei bis drei Prozent für etwa ein halbes Jahr – so richtig gut. Günter Tischendorf, Vorstandschef der Oettersdorfer Landwirtschaftliche AG, verweist auf die acht- bis zehnfach größeren Kuhbestände in Bayern oder Niedersachsen gegenüber Thüringen, wo mit 112 000 Tieren gerade einmal 2,6 Prozent der deutschen Milch erzeugt werden, nicht zuletzt wegen der einst merkwürdig verteilten Milchquote, die die Bestände aus DDR-Zeiten fast halbiert hatte.

"Statt von der Milch leben sie von der Gülle"

Siegfried Stenzel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Saale-Orla

Über Jahre habe sein Unternehmen in die Quote für 1000 Rinder investiert und sie mit jährlich 2,5 Millionen Liter fast punktgenau eingehalten – also Verzicht geübt. „Ich sehe nicht ein, dass wir jetzt weiter sparen sollen“, sagt Tischendorf.

Arnold Becker aus Schwabhausen bei Gotha aber sieht wie die meisten seiner Kollegen keinen anderen Weg, der zügig Linderung verspricht. „Ob Russland das Embargo aufhebt oder China wieder mehr Milch abnimmt, können wir nicht beeinflussen, Appelle an den Handel und die Molkereien bringen auch nichts.“

Die Bauernschaft müsse selbst initiativ werden und die Produktion einschränken. Denn zur Wahrheit gehöre eben auch, dass die Landwirte in den zwei vorangegangenen Jahren dank der kommoden Milchpreise nicht nur in Technik, sondern auch in weitere Kühe investiert hatten – mit aktuell 4,3 Millionen Milchkühen stünden nach seiner Schätzung etwa 30 Prozent mehr in den Ställen, als der normale Milchmarkt hergebe.

Am Ende sind die Platten mit Wurstbrötchen fast leer und beide Seiten relativ einig.

Bauernpräsident Gumpert versichert, die Übereinstimmung mit dem BDM in die politischen Kanäle einzuspeisen, damit vielleicht ein Körnchen davon ankommt am 7. September in Brüssel, wenn sich die EU-Agrarminister auf einem Sondertreffen mit der Milchkrise beschäftigen, die sie so noch nicht nennen wollen.

Romuald Schaber indes ist am Freitagmorgen wieder auf den Trecker gestiegen. Für die nächste Fahrt im Kampf für bessere Milchpreise ging es diesmal nach Tirschenreuth (Bayern), 120 Kilometer.

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