Von de-facto-Pleite zum Marktführer: SHK-Sparkassen-Martin Fischer geht nach 18 Jahren

Nach 18 Jahren gibt Martin Fischer heute die Leitung der Sparkasse Jena-Saale-Holzland ab. 1994 übernahm der 62-Jährige eine Pleite-Bank, die jetzt wieder Gewinne einfährt und Vertrauen genießt.

Foto: zgt

Jena. Anlässlich einer Kundenveranstaltung in Dornburg wird sich heute Martin Fischer als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Jena-Saale-Holzland verabschieden. 18 Jahre lang trug der 62-Jährige die Hauptverantwortung für das Kreditinstitut und führte den einstigen Pleite-Kandidaten nicht nur aus der Krise. Die Sparkasse ist wieder Marktführer in Jena.

Herr Fischer, alle reden von der Eurokrise. 1994, als Sie nach Jena kamen, schrieben die Zeitungen vom "Jenaer Sparkassenskandal". Durch riskante Kreditvergaben hatten Ihre Vorgänger rund 300 Millionen D-Mark verbrannt. Sehen Sie Parallelen?

Die Situation war durchaus vergleichbar, natürlich lokal begrenzt. Aber die Jenaer Sparkasse war de facto pleite, wie Griechenland.

So wie heute der Staat, sprangen damals Stadt und Landkreis ein. Wieviel Geld haben die Gewährsträger eigentlich in die Sparkasse gepumpt?

Stadt und Kreis mussten mit 100 Millionen Euro antreten, weil sie die Tochter Sparkasse zuvor nicht richtig beaufsichtigt hatten. Da wurden Geschäfte gemacht, die nicht gut gehen konnten. Im Gegensatz zur Euro-Finanzkrise wurden damals aber feste Regeln aufgestellt, die mir auch nicht immer gepasst haben. Wir steckten jahrelang in einem sehr engen Korsett. Dazu gab es aber keine Alternative. Zu dieser Zeit flogen die Hunderttausender nur so aus dem Fenster bei der Sparkasse und ich war froh, wenn ich den einen oder anderen Hunderttausender halten konnte. Wir mussten die Schotten dicht machen, haben keine Kredite mehr vergeben und versucht, das Chaos zu ordnen. Ich habe das damals "Management by Schneepflug" genannt. Die Situation war so verfahren, da half nur eine Schneise schieben und anschließend aussteigen und schauen, was hinten rechts und links weggeflogen ist.

Mit so einem Kahlschlag macht man sich bei der Kundschaft nicht beliebt.

Die Sparkasse Jena hatte damals keine Position mehr auf dem Markt. Egal ob im Firmenkundenbereich, bei der Immobilienfinanzierung oder im Privatkundengeschäft. Wir hatten nur eine Masse treuer Kunden, die zum Glück nicht wechselten. Es gab kein Vertrauen mehr in die Sparkasse. Das mussten wir uns in zäher Kleinarbeit über die Jahre erarbeiten.

Was haben Stadt und Landkreis die groben Fehler Ihrer Vorgänger unter dem Strich gekostet?

Von den 100 Millionen D-Mark, die beide Gewährsträger aufbringen mussten, haben wir 20 Millionen D-Mark benötigt. Der Rest wurde zurückgezahlt bzw. ruht als stille Einlage. Dafür bekommen Stadt und Landkreis heute noch 500 000 Euro Zinsen. Jedes Jahr und Euro!

Die öffentliche Hand macht also gar kein Minus?

Nein, ganz im Gegenteil. Stadt und Landkreis machen Plus. Rechnen Sie mal mit: Die Sparkasse Jena war 1994 nichts wert. 100 Millionen D-Mark haben beide Gewährsträger damals einsetzen müssen, um die Bank zu retten. Heute sind wir mit 130 000 Kunden und einer Bilanzsumme von über 1,6 Millarden Euro etwa 150 Millionen Euro wert, nicht D-Mark.

Andere Sparkassen haben unter wesentlich besseren Voraussetzungen fusioniert. Sie haben das immer abgelehnt. Weshalb?

Statistisch gesehen ist die Sparkasse Jena heute die Durchschnitts-Sparkasse in Deutschland, was Bilanzsumme, Personal, Kreditvergabe etc. betrifft. Dieser Durchschnitt ist von der Größe her lebensfähig und wird noch eine Weile allein durchhalten. Wenn wir als Schwerkranker angekommen wären, hätte man uns bei einer Fusion untergebuttert. Heute würde ich mich nicht mehr gegen Fusionsgespräche stemmen. Allerdings aus der Stärke heraus. Nicht als schutzbedürftiger Juniorpartner. Und meine persönliche Meinung: Ich kann mir Jena und den Saale-Holzland-Kreis ohne eine selbstständige Sparkasse schwer vorstellen.

Heute Abend übergeben Sie die Geschäfte an Ihren langjährigen Vorstandskollegen Erhard Bückemeier, den der Verwaltungsrat zu Ihrem Nachfolger bestellt hat. Am Freitag ist offiziell Schluss. Was machen Sie ab Montag?

Ich fahre nicht in den Urlaub. Den Ausstieg aus dem Beruf stellt man sich ja ein Leben lang so vor und wenn es dann soweit ist, sieht die Welt doch etwas anders aus. Nach 20 Jahren Commerzbank und 18 Jahren Sparkasse Jena bin ich so etwas wie ein Sportler, der abtrainieren muss. Dazu führe ich die Geschäfte der Sparkassen-Immobilien in Jena weiter, deren Geschäftsführer ich schon 18 Jahre lang war. Mit 62 hat man schließlich noch nicht das reguläre Rentenalter erreicht. Aber ich trete deutlich kürzer.

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