Wachrüttel-Aktion im Pößnecker Stadtzentrum

Pößneck  Rund dreißig Geschäfte in Pößneck verhüllen ab Samstag für eine knappe Woche ihre Schaufenster.

Katja Milev (links) und Ingvelde Schmidt präsentieren das Plakat, mit welchem Pößnecker Einzelhändler eine knappe Woche lang an den gesunden Menschenverstand und den Lokalpatriotismus der Einheimischen appellieren.

Katja Milev (links) und Ingvelde Schmidt präsentieren das Plakat, mit welchem Pößnecker Einzelhändler eine knappe Woche lang an den gesunden Menschenverstand und den Lokalpatriotismus der Einheimischen appellieren.

Foto: Marius Koity

Rund dreißig Pößnecker Läden verhüllen ab Samstag ihre Schaufenster. Eine knappe Woche lang wollen die Gewerbetreibenden mit der konzertierten Aktion einerseits darauf aufmerksam machen, dass es sie noch gibt, andererseits aufzeigen, wie viele so genannte tote Augen dem Stadtzentrum noch drohen, wenn nicht jeder etwas dagegen unternehme. „Kauf da ein, wo du lebst!“, lautet eine der zentralen Botschaften. Hinter dieser etwas anderen City-Werbung steht die Initiative der Selbstständigen „Unser Pößneck“. Unterstützt wird sie von der Stadt Pößneck, persönlich von Bürgermeister Michael Modde (parteilos), wie es heißt. Darüber informierten gestern die Einzelhändlerinnen Katja Milev und Ingvelde Schmidt.

An der Aktion machen vor allem inhabergeführte Geschäfte aus der Neustädter Straße, Breiten Straße, Schuhgasse, Krautgasse, vom Markt, aus dem Steinweg, der Poststraße, Saalfelder Straße und Gerberstraße mit. Handelskonzernfilialen wie Rossmann würden sich raushalten. „Wir wollen nicht jammern“, stellt Ingvelde Schmidt klar. „Mit individuellen Informationen auf den Aktionsplakaten wollen wir die Menschen aus Pößneck und Umgebung ermuntern, in unserem Stadt­zentrum einzukaufen, hier ins Café oder in die Gaststätte zu gehen, hier eine Dienstleistung zu bestellen“, so Katja Milev. Ziel der Bemühungen sei eine „gemütliche, lebendige Innenstadt“, und um dieses zu erreichen, seien nicht nur die Stadt und die Gewerbetreibenden gefragt, hier müssten sich auch die Verbraucher in Bewegung setzen, so die Geschäftsfrauen.

Internetgiganten zahlen in Pößneck keine Steuern

Die Aktion werde seit längerer Zeit vorbereitet. Man erfinde das Rad nicht neu, vielmehr setze man eine Idee um, mit der auch anderenorts in den neuen und alten Bundesländern versucht worden sei, die Bevölkerung wachzurütteln beziehungsweise die Menschen dafür zu sensibilisieren, was sie noch verlieren könnten, wenn sie nicht aktiv werden.

„Wir wissen, dass wir es mit Amazon & Co. nicht aufnehmen können“, sagt Ingvelde Schmidt. Den Kunden soll auch nicht der Spaß am Einkaufen auf der Couch oder in irgendwelchen Konsumtempeln verdorben werden. „Wir wollen aber daran erinnern, dass internationale Handelskonzerne keinen Euro Steuern in Pößneck zahlen.“ Wer im Internet einkaufe, helfe mitunter den Steueroasen.

In einer Art Manifest der einheimischen Einzelhändler heißt es: „Neue, moderne, ansprechende Ware kann nur angeboten werden, wenn genug Umsätze da sind.“ Und: „Kundenfreundliche Öffnungszeiten sind nur möglich, wenn gutes Personal von den Geschäften eingestellt und bezahlt werden kann.“

Die Händler hoffen geradezu, dass sie von Verbrauchern auf ihre Aktion angesprochen werden, um im Gedankenaustausch beispielsweise zu erörtern, ob der Einkauf am Computer wirklich günstiger ist als jener vor Ort. Mancher Mensch merke die Tricks der Internetgiganten gar nicht. Hinzu kämen die immer wichtiger werdenden Aspekte der Paketberge, die die Onlinehändler Tag für Tag auch nach Pößneck schicken, beziehungsweise der Retouren mit all den negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Milev und Schmidt verweisen auch auf den monatlichen Stammtisch der Gewerbetreibenden, an dem sich jeder Einheimische mit seinen Ideen für eine lebendigere Innenstadt beteiligen könne.

Nun werden ja die schärfsten Urteile über den Pößnecker Einzelhandel nicht von Angesicht zu Angesicht gefällt, sondern aus sicherer Distanz auf Facebook – wie wird die Initiative der Selbstständigen damit umgehen? Beschimpfungen werde man hinnehmen müssen, lautet die Antwort. Innerhalb der Gewerbetreibenden habe es freilich „unterschiedliche Meinungen“ zur Schaufensterverhüllungsaktion gegeben, räumt Ingvelde Schmidt ein. „Wir sind aber angenehm überrascht, dass am Ende doch so viele Händler mitmachen“, sagt Katja Milev.

„Ich finde diese Aktion gut und deshalb unterstütze ich sie auch“, erklärt Bürgermeister Michael Modde. „Wenn wir eine bestimmte In­frastruktur in der Stadt haben wollen, dann muss jeder seinen Beitrag dazu leisten.“ Was die Stadt an Rahmenbedingungen schaffen könne, das leiste sie längst auch.

Ab Freitag, 21. Juni, werden die Schaufenster wieder wie gewohnt die potenzielle Kundschaft ansprechen. Die Händler wollen zum Straßenmusikfest Fete de la Musique mit für ein ansprechendes Stadtzentrum sorgen, so Milev und Schmidt. Mehr noch – einige Geschäfte wollen aus Anlass des Musiknachmittages und -abends länger öffnen und damit den Pößneckern und ihren Gästen ein zusätzliches Angebot zum Verweilen unterbreiten.

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