Kunstpause: Der Krimi aus dem Rattenloch

Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch

Foto: Andreas Wetzel

Die Sonne stand tief, als wir die einsame Bucht entdeckten. Hier, sagte ich, können wir im Meer baden, so wie Gott uns erschaffen. K. blickte sich misstrauisch um. Ein verfallenes und ein noch halbwegs intaktes Urlauberdomizil, aber verlassen. Ein Steg mit einer Bank, die zum Sitzen einlud. Weit und breit kein Mensch.

Wir schwammen. Als ich aus dem Wasser stieg, saß K. auf der Bank und zeigte auf den Lattenrost zu ihren Füßen.

Siehst du das?

Etwas schimmerte rötlich unter den Brettern. Ein Buch. Es war wohl jemandem aus den Fingern geglitten.

Wir haben doch unsere Urlaubslektüre, erwiderte ich. Doch K. gab keine Ruhe, wollte wissen, wie es hieß.

Es!, dachte ich beklommen.

Nein, es war kein Stephen King. Sonst hätte ich nicht gewagt, mit dem Arm zwischen den Latten hindurch ins Dunkel zu greifen. Das Buch ließ sich nicht packen. Erst mithilfe einer leeren Flasche konnte ich es in meine Richtung bewegen.

Ich zog es ins Licht. Ein Krimi.

Zeig mal, rief K. Sie las, bis die Dämmerung die Buchstaben schluckte. Wir eilten zum Appartement zurück. Dort las sie weiter.

Als K. kurz unter die Dusche verschwand, schnappte ich mir das Buch.

Gib her!, rief sie.

Nur diese eine Seite.

Sie riss es mir aus den Händen.

Ich wartete, bis sie ihr Nachtlicht löschte, und las weiter.

Am Morgen hatte sie es wieder. Dann ich. Dann sie. Wir begannen, uns zu belauern …

Wie ist das zu erklären? Wir hatten Bücher eingepackt, die wir im Urlaub unbedingt lesen wollten. Die lagen jetzt herum, und unsere Begierde richtet sich nur auf das eine, den Krimi aus dem Rattenloch.

Es lag nicht nur am Inhalt. Es lag auch an seiner unbekannten, von Geheimnis umwitterten Geschichte. Wer hatte vor uns darin gelesen? Warum war er ihr oder ihm entglitten? Warum hatte niemand danach gestochert? War am Ende jemand gestorben …?

Als ich Kaffee kochte, angelte sich K. das Buch.

Gib her!, rief ich böse.

Nur über meine Leiche!