Kunstpause: In welchem Keller liegt die Leiche?

Frank Quilitzsch über eine Neuverfilmung von Fontanes Kriminal-Novelle „Unterm Birnbaum“.

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Sie drehen wie besessen. Sie drehen bis tief in die Nacht. Eigentlich war für letzte Woche ein Fototermin mit den Schauspielern im thüringischen Sülzfeld anberaumt. Doch er wurde kurzfristig verschoben und fiel dann ganz aus. Sie brauchen jede Minute. Zum Drehen.

Warum die Eile? Wir haben Theodor-Fontane-Jahr. Noch. Bis zum 30. Dezember. Da wurde vor 200 Jahren in Neuruppin der große Brandenburger Dichter geboren, dessen Werke schon mehrfach verfilmt worden sind: „Effi Briest“, „Stine“, „Frau Jenny Treibel“, „Irrungen, Wirrungen“ oder „Schach von Wuthenow“. Jetzt wagt sich das ZDF an eine Neuverfilmung seiner berühmten Kriminal-Novelle „Unterm Birnbaum“.

Das Drehbuch lieferte Léonie-Claire Breinersdorfer, die einst mit ihrem Vater Fred Breinersdorfer den saarländischen „Tatort“ neu konzipiert hat. Aus ihrer Feder stammen auch die Drehbücher für die zweiteilige Mankell-Verfilmung „Der Chinese“, den Kinofilm „Elser – Er hätte die Welt verändert“ und die TV-Historie „Die Glasbläserin“ über eine Handwerksfamilie in Lauscha. Jetzt hat sie Fontanes Psychodrama „Unterm Birnbaum“ aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart versetzt.

Es handelt von Großspurigkeit, Habgier und Verzweiflung – was auch heute noch weit verbreitet ist. Das Ehepaar Abel und Ursel Hradschek betreibt wie bei Fontane ein Landhotel im Oderbruch. Die Geschäfte laufen schlecht, und die Hradscheks leben über ihre Verhältnisse. Zumal Abel zur Spiel- und Trunksucht neigt und Ursel sich gern etwas gönnt. Als sich ein polnischer Gläubiger ankündigt, der die aufgelaufenen Schulden eintreiben will, geraten die Hradscheks gewaltig unter Druck.

Auch ohne den Dreharbeiten in Sülzdorf beigewohnt zu haben, kann ich mir ausmalen, wie die moderne Version aussehen wird. Statt mit dem Würfelbecher zu klappern, pokert Abel im Hinterzimmer. Seine Frau shoppt, um die triste Existenz im abgelegenen Dorf zu vergessen, exzessiv in der Stadt. Und der Pole reist natürlich nicht mit der Pferdekutsche, sondern im aufgemotzten Mercedes an. Aber die Triebfedern, die letztlich zur grausigen Tat führen, sind dieselben.

Uli Edel („Das Adlon“, „Der Baader Meinhof Komplex“) hat für das ZDF-Projekt die Regie übernommen und ein hochkarätiges Ensemble zusammengestellt: Fritz Karl und Julia Koschitz mimen das Verbrecher-Ehepaar, Devid Striesow ist der sich bis auf die Knochen blamierende Dorfpolizist, Katharina Thalbach die spionierende alte Nachbarin Mutter Jeschken. Schade, man hätte sie alle gern in Aktion erlebt. In Sülzfeld, wo die Szenen draußen vor der Gastwirtschaft gedreht wurden, oder in Mihla im Roten Schloss, wo in dieser Woche die Innenaufnahmen folgen.

Filmarbeiten sind bekanntlich nicht an einen Ort gebunden, man dreht überall dort, wo gefördert wird. Der vorgetäuschte Unfall an der Oder entsteht vermutlich im Oderbruch, und in Sülzfeld steht gewiss der Birnbaum mit seinem düsteren Geheimnis. Doch in welchem Keller liegt dann die Leiche?

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