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Die Kunst des Toastings

| Lesedauer: 2 Minuten

Virtuose Ansager gibt es nicht nur bei der Tagesschau. Christian Werner über das Album „Dread in a Babylon“ von U-Roy.

Alben zum Wiederhören

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Foto: Christian Werner

Wenn der Regierungschef sein Beileid zum Tod eines Musikers twittert (und nicht Donald Trump heißt), dann war der Verstorbene wahrscheinlich nicht irgendjemand. „Wake the Town and tell the People!“ (Wecke die Stadt und erzähle es den Menschen) zwitscherte Jamaikas Premier Andrew Holness digital am Donnerstag und zitierte damit einen der berühmtesten Songs von Ewart Beckford, den er einen „Riesen der Musikindustrie“ nannte und den seine Heimat einen Tag zuvor verloren hatte.

Beckford war am Mittwoch in einem Krankenhaus in Kingston mit 79 Jahren verschieden. Bekannt wurde er unter seinem Künstlernamen U-Roy, auf den Inseln (Jamaika und das seit jeher reggae-affine Großbritannien) wurde er ehrfürchtig auch „The Originator“ oder „Father of Deejaying“ genannt. Der Mann der vielen Titel gehört zu den Begründern des Reggaes und des Dubs, manche meinen, er sei einer der Väter des Hip-Hops.

Erste Aufnahmen Ende der Sechziger

Relativ spät, im Jahr 1975, veröffentlicht er sein erstes Album, „Dread in a Babylon“. U-Roys Karriere dauert zu dem Zeitpunkt schon eine gefühlte Ewigkeit: Seine ersten Stücke nimmt er Ende der Sechziger auf, seine Laufbahn startet er bereits Anfang des Jahrzehnts als DJ in einem Soundsystem. Als sogenannter Toaster sagt er die Songs an – in Jamaika ein Wettstreit mit fast sportlichen Ausmaßen und eine Kunstform, die sich immer weiterentwickelte.

Später legt er seine Texte, seinen Sprechgesang und in der Folge auch echten Gesang auf fremde, fertige Stücke und wird in seiner Nische zum Star. Einen kleinen Einblick in die Kunst des Toastings gibt auch „Dread in a Babylon“. Die Entwicklung des Reggaes, wie er die Charts eroberte, ist schon weit fortgeschritten, doch Stücke wie der Titelsong oder „Silver Bird“ zeigen noch das Röhren, das Raunen und den stellenweise schwer zu durchdringenden Wortschatz, die sich lautmalerisch in den Song einpassen.

Einige von U-Roys Texten sind nicht frei von sexistischen Anspielungen – immer wieder ein diskussionswürdiger Aspekt von Genres wie Reggae oder Hip-Hop. Man muss diese Inhalte nicht goutieren. Aber es geht bei U-Roy eben auch um Kritik an politischen Zu- sowie gesellschaftlichen Missständen und: energiegeladene Musik, die zum Klassiker ihrer Art gehört.

Reinhören!

Wir haben die Playlist zum Krisen-Modus. Hören Sie unsere Auswahl an Songs für die Heimarbeit, zur Kurzweil oder für andere Ablenkungen in Selbstquarantäne.