Gera hat endlich wieder eine Kulturamtsleitung - Interview mit Claudia Tittel

Gera.  Im Interview spricht die neue Chefin Claudia Tittel über drängende Aufgaben beim Geraer Kultur- und Kongresszentrum, den Museen und über die regionale Vernetzung.

Claudia Tittel, neue Kulturamtsleiterin in Gera.

Claudia Tittel, neue Kulturamtsleiterin in Gera.

Foto: Ulrike Merkel

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Seit einigen Jahren gab es in Gera keinen eigenständigen Kulturamtsleiter beziehungsweise Leiter des Fachdienstes Kultur mehr. Mit Beginn des neuen Jahres übernimmt die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Claudia Tittel diesen Posten. Ein Gespräch mit der neuen Kulturamtschefin.

Frau Tittel, der Bereich Kultur wurde in den vergangenen Jahren in Gera stiefmütterlich behandelt. Was werden Sie als Erstes angehen?

Es gibt so viel zu tun. Eine Sache, die relativ leicht umzusetzen ist, ist der Start der neuen Homepage der Museen. Sie ist schon weit gediehen. Es gibt jedoch noch Probleme mit dem Programm. Als Zweites möchte ich mich bei meinen Mitarbeitern vorstellen und eruieren, was deren drängendste Fragen sind. Ein wichtiges Thema ist sicherlich das Kultur- und Kongresszentrum (KuK).

Das KuK muss saniert werden. Es stand auch schon vor der Schließung...

Wir müssen es auf jeden Fall als Stadthalle erhalten, müssen aber auch über neue Konzeptionen nachdenken. Es ist ästhetisch ein Genuss, das Foyer zu betreten, trotzdem ist der Eingangsbereich eine riesengroße Verkehrsfläche. Man muss schauen, wie man klug damit umgeht. Außerdem wird das Kultur- und Kongresszentrum seinem Namen momentan nicht gerecht. Denn genau genommen können da gar keine Kongresse stattfinden. Es gibt neben dem großen Saal zu wenige Räume dafür.

Wollen Sie das Foyer verkleinern, um zusätzliche Kapazitäten zu gewinnen?

Nein, das Foyer darf man nicht in seiner Struktur zerstören. Man könnte beispielsweise darüber nachdenken, ob man dort Glaskuben hineinsetzt. In einem solchen Kubus könnte etwa die Touristinformation ihren Sitz haben. Aber das sind erst einmal nur Ideen.

Die städtischen Museen kranken nicht nur an ihrer schlechten Internet-Präsenz. Das Museum für angewandte Kunst und das Otto-Dix-Haus benötigen neue Konzepte und Dauerausstellungen.

Unbedingt. Eine neue Museumskonzeption für Gera steht auf meiner Agenda. Das Museum für angewandte Kunst ist als Gebäude zwar vor dem Verkauf an einen Investor bewahrt worden, aber nun muss der enorme Investitionsstau angegangen werden. Vom Otto-Dix-Haus und dem Naturkundemuseum ganz zu schweigen. Den Geraer Museen und dem Museum für angewandte Kunst im Besonderen fehlt auch eine gute Sammlungsstrategie. Es fehlen Depots... Da ist einiges zu tun.

Die Stadt möchte ein neues Kulturentwicklungskonzept erarbeiten. Was wären neben KuK und Museen weitere Kernpunkte, die Eingang finden müssten?

Für mich ist Kultur ein Motor für Stadtentwicklung. Das heißt, ich muss mir auch die Stadtstruktur ansehen, wo möchte ich Schwerpunkte setzen. Darüber hinaus ist mir kulturelle Bildung sehr wichtig, weil ich glaube, dass Kultur bildet und stark macht.
Im Rahmen der Geraer Kulturhauptstadt-Bewerbung wurde ein Kulturentwicklungsplan für Gera entworfen, der eher ein Kulturvernetzungsplan ist. Den möchte ich weiterdenken. Wir müssen uns stärker in den Museen, aber auch mit den einzelnen Vereinen vernetzen. Es gibt in Gera ein unglaubliches bürgerschaftliches Engagement. Ich wünsche mir auch eine bessere Zusammenarbeit mit dem Theater. Bei Vernetzung denke ich aber auch an die Region. Auch das wurde in der Kulturhauptstadt-Bewerbung bereits mit dem „Regionet“ angedacht. Ein Beispiel: Das Altenburger Lindenaumuseum schließt wegen Sanierung. In dieser Zeit machen sowohl die Nationalgalerie in Berlin als auch die Kunstsammlung in Chemnitz Ausstellungsprojekte mit dem Museum. Aber wir als unmittelbarer Nachbar machen das nicht? Ich möchte mit den umliegenden großartigen Institutionen zusammenarbeiten.

Sie wollen so die Bekanntheit der Region erhöhen?

Genau. Hier gibt es tolle Sachen, aber keiner kennt sie, weil sie nicht zusammen auftreten. Das gilt für ganz Thüringen. In Sachsen ist man sich seines gemeinsamen kulturellen Erbes viel bewusster.

Welche weiteren Ideen wollen Sie nach dem Geraer Kulturhauptstadt-Aus aus dem Konzept aufgreifen?

Die Idee des Depots, das sich mit der Geschichte der Wismut auseinandersetzt, erachte ich für sehr wichtig. Das Depot wäre eher eine Wissenschaftsinstitution, die sich darüber hinaus mit Themen wie dem heutigen Umgang mit den Ressourcen und dem Klimawandel beschäftigt. Und dann würde ich gern die große Ausstellung zu „100 Jahre Neue Sachlichkeit“ umsetzen. Wir haben in Gera – abgesehen von Otto Dix – mit der Fotografin Aenne Biermann, dem Architekten Thilo Schoder und der berühmten Tänzerin Yvonne Georgi bedeutende Künstler der Neuen Sachlichkeit. Wir haben also, obwohl es keiner weiß, die wunderbarsten Voraussetzungen, solch eine Ausstellung zu machen. Mein Wunsch wäre, dass 2025 die Welt nicht nur auf die Kulturhauptstadt Europas schaut, sondern auch auf Gera.

Sie haben die Häselburg als neues kulturelles Zentrum in Gera initiiert. Glauben Sie nicht, dass eine Doppelfunktion als Kulturamtsleiterin und Häselburg-Chefin zu Interessenkonflikten führen könnte?

Ich habe keine Doppelfunktion inne. Ich habe schon vor Längerem Vorkehrungen getroffen und die Geschäftsführung der Häselburg an meinen Mann abgetreten.

Biografisches

  • 1973 in Jena geboren; aufgewachsen in Kahla
  • 1988 bis 1992 Musikgymnasium in Zwickau
  • 1992 bis 1999 Studium der Kunst- und Kulturwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und der Pariser Sorbonne
  • 2000 bis 2001 Volontariat am Podewil-Center for Contemporary Arts in Berlin
  • 2004 Promotion
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin an deutschen Hochschulen wie der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, der Universität Jena und der Bauhaus-Uni Weimar
  • Zahlreiche freie kuratorische Projekte, zum Beispiel für die Akademie der Künste, die Nationalgalerie Vilnius, das Klinger-Forum Leipzig, die Klassik Stiftung Weimar und Geraer Museen
  • Lebt seit 2011 mit ihrer Familie in Gera
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.