Männer in Frauenkleidern: Osteuropas Königinnen in Weimar

Weimar  Ein Thüringer Fotograf präsentiert Bilder von Drag Queens aus sechs osteuropäischen Ländern im Bahnhof

Bis zum 1. Juli wird eine Auswahl von 19 Bildern des Projekts im Bahnhof von Weimar präsentiert.

Bis zum 1. Juli wird eine Auswahl von 19 Bildern des Projekts im Bahnhof von Weimar präsentiert.

Foto: Sebastian Franke

Nahezu 20.000 Kilometer reiste der Thüringer Fotograf und Filmemacher Sebastian Franke innerhalb eines Jahres – mit Fernbuslinien fuhr er in sechs verschiedene Länder Osteuropas und dokumentierte die Lebenswelt von Männern, die sich in Frauenkleider hüllen und auf der Bühne ihre Verwandlung kunstvoll präsentieren.

Über die sogenannte Drag-Queen-Szene in Osteuropa, die stark mit der homosexuellen Szene verflochten ist, wurde in der Vergangenheit nur sehr wenig bekannt. „Das hat sowohl historische, kulturelle als auch politische Gründe und hängt nicht zuletzt mit der prekären Situation zusammen, der sich homosexuelle Menschen in weiten Teilen Osteuropas bis heute ausgesetzt sehen“, sagt Franke.

In vielen osteuropäischen Ländern sei Homosexualität nach wie vor ein Tabu-Thema, und Betroffene seien noch immer starker Diskriminierung ausgesetzt. Wie also wird und wurde diese Subkultur in den Ländern des ehemaligen Ostblocks gelebt? Dieser Frage geht Franke in seinem Fotoprojekt „Queens Of Eastern Europe“ (Königinnen Osteuropas) nach.

Lettland, Polen, Ungarn, Serbien, die Ukraine und Russland bereiste Franke bisher. „Kontakte in die Szene knüpfe ich vor allem über das Internet. Aber auch vor Ort habe ich oft durch Zufall interessante Persönlichkeiten getroffen.“ So wie Andrzej (81), den Franke in Warschau kennenlernte. „Als Kind einer jüdischen Familie 1938 in Warschau geboren, überstand er den Terror der Nazizeit und entdeckte als junger Mann die Leidenschaft für die Verwandlung zur Frau. Die ersten Kleider teilweise noch aus Gardinen genäht, erschuf er die Drag-Figur Lulla und wurde damit schnell bekannt in der Warschauer Homosexuellen-Szene. Seine Auftritte fanden auf privaten Partys der Künstlerszene statt, denn im kommunistisch geprägten Polen gab es keine offiziellen Clubs oder Bars, in denen Drag Queens auftreten konnten“, berichtet Franke.

Franke will mit seiner Arbeit keine Antworten auf politische Fragen geben. Er wolle die Szene vielmehr abbilden, sie sichtbar machen. „Das Thema muss im öffentlichen Diskurs lebendig gehalten werden. Mit der Dokumentation will ich auch zeigen, dass wir in Bezug auf Homosexuellenrechte und Toleranz in Deutschland bereits einiges erreicht haben.“

Mit der verhältnismäßig späten Abschaffung des „Schwulen-Paragrafen“ 175 vor 25 Jahren endete im Juni 1994 die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Menschen in Deutschland. Auch bei der „Ehe für alle“ (seit 2017) war Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten spät dran. Dänemark erlaubte bereits 1989 standesamtlich registrierte Partnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare, seit 2012 können die Paare sich auch in Kirchen trauen lassen. 2001 erlaubten die Niederlande die „Homo-Ehe“.

Frankes Bilder sollen Schicksale erzählen. „Die Shows auf den Bühnen sind unglaublich bunt. Es wird gesungen, getanzt, es gibt Comedy-Einlagen“, sagt Franke. „Viele der Drag Queens hoffen selbst im höheren Alter noch auf den großen Durchbruch, auf eine Karriere als Künstler beziehungsweise Künstlerin. Viele haben Erfahrungen mit Gewalt gemacht, wurden misshandelt. Die Wenigsten führen eine feste Partnerschaft oder ein funktionierendes Familienleben. Drag Queens schlagen sich oft mit Gelegenheitsjobs durch. Drogen spielen mitunter eine Rolle, auch Prostitution. Für viele ist ein normaler Beruf nicht mit ihrer Persönlichkeit vereinbar.“

Über Boris (34) aus St. Petersburg beispielsweise berichtet Franke: „Er hat zwar Modedesign studiert, übt jedoch keinen festen Job aus. Er näht hin und wieder Kleider für andere Drag Queens, was jedoch kaum etwas einbringt.“ Obwohl Boris’ Mutter bereits einen Auftritt ihres Sohnes in Frauenkleidern miterlebt habe, wisse sie nicht, dass ihr Sohn mit einem Mann zusammenlebt.

Franke dokumentiert die Szene mit analogen Kleinbild- und Mittelformatkameras. „Für mich ist die Digitalkamera ein Symbol für das Schnell-Verfügbare. Das ist nicht mein Stil. Wenn man analog fotografiert, hat man pro Film nur 36 beziehungsweis 15 Bilder. Man muss sehr genau beobachten, den richtigen Moment abwarten.“

Bis zum 1. Juli wird – noch vor den offiziellen Ausstellungen – eine Auswahl von 19 Bildern des Projekts im Bahnhof von Weimar präsentiert. Außerdem plant Franke bereits einen Dokumentarfilm, der sich der Drag-Szene in Osteuropa widmet.

Ausstellung „Queens Of Eastern Europe“ noch bis zum 1. Juli im Hauptbahnhof Weimar Weitere Infos im Internet unter: www.queensofeastern europe.com

Zu den Kommentaren