Wenn die Installation mit dem Betrachter Ping Pong spielt

Mit Luther, Raufaser-Tapete und Schwimmnudeln spielt die Künstlerin Verena Issel in ihren Installationen, eigens für das Kunsthaus geschaffen.

Verena Issel stellt unter dem Titel "Soundsoviele Thesen" im Kunsthaus aus und fügt Ziegelsteine, Bilder von Bäumen zu einem einzigartigen Setting zusammen. 

Verena Issel stellt unter dem Titel "Soundsoviele Thesen" im Kunsthaus aus und fügt Ziegelsteine, Bilder von Bäumen zu einem einzigartigen Setting zusammen. 

Foto: Frank Karmeyer

Verena Issel hat die Räume des Erfurter Kunsthauses in begehbare Gemälde verwandelt: Im Keller wartet der Luther-Keller als Kneipe des Reformators auf Besucher, die erste Etage schmückt Erfurter Raufasertapete wie ein Fries griechischer Amphoren die Wände und im Obergeschoss bekommen Bäume Augen. Und überall entdeckt man Schwimmnudeln. Was wirr klingen mag, hat hingegen ein klares Konzept. Die in Deutschland lebende Künstlerin, die aus Norwegen stammt, lange Zeit in Asien gelebt hat, verwandelt die Räume mit Objekten und Bildern in größere Zusammenhänge. Ein einmaliges Setting im Kunsthaus, das noch bis zum 13. Dezember unter dem Titel „Soundsoviele Thesen“ dort zu sehen ist.

„Ich habe die Geschichte von Erfurt aufgegriffen“, sagt Verena Issel. Da führt kein Weg an Luther vorbei. Und da es einst im Keller des Kunsthauses eine Kneipe gegeben haben und der Reformator auch kein Kostverächter gewesen sein soll, lag für sie nahe, Luthers Bar zu gestalten. Mit Flaschen an dem Wänden, die mit brauner Farbe auf dem Gipskarton vortäuscht, aus Ziegeln zu sein. Kritisch setzt sich Verena Issel mit dem Ausspruch Luthers auseinander, wonach Frauen nur ein Gefäß seien, indem sie die Wände mit abstrakten Blumenvasen schmückt. Luthers Latschen, sein Porträt, die Form eines Hinterns finden sich wieder. Und das Bild eines Berges neben einem Hain – was den Techno-Club Berghain assoziieren lässt in Berlin, dem Wohnort der weit gereisten Künstlerin.

Groß und grün sind die vier Bilder gleich am Eingang: Bunt und fröhlich wirken sie einerseits, andererseits bekommen mit dem Titel „WeChat“, den Augen und greifenden Händen eine dunkle Bedeutung. Über die App dieses Namens nämlich sammeln Chinesen Bewertungen – die mit ihrer Koppelung ans Staatssystem im Negativ-Fall dazu führen, dass ihnen Auslandsreisen oder Berufschancen verwehrt bleiben.

Handgemachte Raufasertapete lässt sich im ersten Obergeschoss ertasten, darauf abstrakte, comicartige Bilder, die über ihre Ränder hinaus und damit hinein ragen in den friesartigen Hintergrund. Der Entstehungsprozess eines abstrakten Wandbildes für einen Münchener Kindergarten lässt sich in der Etage darüber nachvollziehen. Bäume bekommen Augen, werden zu „Talking Trees“, aus einem braunen Baum wächst gewissermaßen ein Kachelhaufen. So wird der Betrachter zwischen den Elementen wie im Ping Pong hin und her geschubst, um gedankliche Assoziationsketten zu bilden - und im Anschluss, so wünschte es sich die Künstlerin, die Welt anders wahrzunehmen. „Es geht ums Sehen und ums Anderssehen“, sagt sie und tritt vehement dafür ein, dies wild und unvoreingenommen zu tun.

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