Dritte Generation lädt Pfingsmontag in die Ruhmühle Ebersdorf

Müllermeister Frank Rosenkranz betreibt seine Getreidemühle in Ebersdorf in dritter Generation und lädt zum Mühlentag am Pfingstmontag zum Besuch ein.

Im Stausee versunken: die alte Ruhmühle im Saaletal.

Im Stausee versunken: die alte Ruhmühle im Saaletal.

Foto: zgt

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Bevor 1926 mit dem Bau der Bleilochtalsperre begonnen wurde, erwanderten die Heimatfreunde Robert Hensel und Bruno Behr noch einmal jene Orte und Siedlungen, die nach dem Anstau der Saale von der Landkarte verschwinden würden. Dazu gehörte auch das rund 20 Hektar große Areal der Ruhmühle, das von den Autoren in der Publikation "Die Saaltalsperren" als "die einsamste Siedlung im Saaltal überhaupt" beschrieben wurde.

Gelegen am Flusslauf der Oberen Saale und unterhalb des Waldwärterhauses Silberknie, war die Wassermühle seinerzeit nicht nur gefragter Produktionsstandort für die Flur Zoppoten, sondern auch beliebtes Ausflugsziel. Hensel und Behr notieren: "Die Gebäude bilden eine saubere fränkische Hofanlage mit weißen Mauern und blauen Schieferdächern. Am Eingang zur Mühle halten zwei große Bäume mit weiten Kronen Wache."

Diese Ruhmühlen-Siedlung mit ihren Gebäuden und Bäumen und verbunden mit unzähligen Erinnerungen ist inzwischen im Thüringer Meer versunken, dem größten Stausee Deutschlands. Mühlengeschichte aber wird noch heute geschrieben. Müllermeister Frank Rosenkranz betreibt die Mühle unter dem traditionellen Namen in dritter Generation am neuen Standort in Ebersdorf.

Seine Getreidemühle, angetrieben durch Elektromotoren, ist die letzte noch produzierende im Ostthüringer Oberland. Gemahlen werden Roggen, Weizen und Dinkel, nebenher betreibt der Müller einen Handel mit Naturkostprodukten auf Mühlenmärkten in Neustadt/Orla, Schleiz und Bad Lobenstein. Vom Mehl allein könne das Familienunternehmen, in dem Tochter Josefina mitarbeitet, nicht existieren, sagt Frank Rosenkranz und ist dennoch Müller aus Leidenschaft. "Müller ist kein beliebiger Beruf", erklärt er. "Er ist innig mit der Natur verbunden, jedes Erntejahr fällt ja anders aus. Die Bäcker machen wunderbare Sachen aus dem Mehl, nirgendwo sonst in der Welt gibt es so viele unterschiedliche Brotsorten wie in Deutschland. Außerdem ist Müller einer der ältesten Handwerksberufe überhaupt."

Übernommen hat der studierte Bauingenieur die Ruhmühle nach der Ausbildung zum Müllermeister 1993 von Vater Gerhard, der wiederum hatte 1958 den Handwerksbetrieb von seinem Vater Karl übertragen bekommen. Die Geschichte der Ruhmühle aber reicht 400 Jahre zurück, was derzeit mit einer Ausstellung im Ebersdorfer "Comenius-Zentrum" gewürdigt und am heutigen Pfingstsamstag mit einer Festveranstaltung im Bürgerhaus gefeiert wird.

"Keiner weiß mehr, wer den Mut, aber auch den gesunden Blick gehabt hat, die Ruhmühle zuerst zu erbauen und hier zu siedeln", zitiert Frank Rosenkranz die Autoren Hensel und Behr. Und weiter: "Aber Sinn für Freiheit war ihm sicher eigen, und sein Fleiß ist heute noch zu spüren." Eine der ersten schriftlichen Überlieferungen geht auf eine Urkunde aus dem Jahr 1612 zurück, in der ein Hans Lehe als Müller erwähnt wird. Seine Mühle war dem hiesigen Rittergut lehnspflichtig, und neben dem Erbzins von fünf Groschen und sechs Pfennigen hatte Hans Lehe dem Besitzer des Gutes alles Mehl umsonst zu mahlen.

Im Jahr 1748 wird dann ein Johann Erhard Kuhn als Ruhmühlen-Müller genannt, rund 100 Jahre später Johann Christoph Heinrich Ritter, der die Mühle seinem Schwiegersohn Zorn vererbt. Hier nun beginnt die Mühlengeschichte der Familie Rosenkranz: 1911 kommt Karl Rosenkranz als Geselle in die Mühle im Saaletal, kauft sie zwölf Jahre später und baut sie nach dem Anstau der Saale 1931 "auf der Brandruine der ehemaligen Schallerschen Mühle" in Ebersdorf, heute Saalburg-Ebersdorf, neu auf.

Frank Rosenkranz hat zum Jubiläum, vor allem aber aus Respekt vor den Leistungen seiner Vorfahren, die Geschichte der Ruhmühle akribisch recherchiert. Ein Glücksfall war, als er beim Stöbern in alten Unterlagen auf dem Dachboden das handschriftliche "Lebenswerk" seines Großvaters entdeckte. Die eng beschriebenen Seiten in altdeutscher Schrift, die Frank Rosenkranz erst einmal mühsam entschlüsseln musste, erzählen die persönlichen Geschichten hinter den Zahlen und Fakten.

Der Großvater beschreibt, wie er als 19-jähriger Geselle die Mühle betritt und sich die Getreidesäcke der Bauern bis vor die Tür stapeln. Ohne viele Worte wird er in die Arbeit eingewiesen und legt nach einem harten Arbeitstag die acht Kilometer lange Strecke zu Fuß zum Elternhaus zurück. Großvater Karl erzählt, wie schmerzhaft die Nachricht ist, dass seine erst wenige Jahre zuvor erworbene Mühle dem Stauseebau weichen muss und unter welchen schwierigen Bedingungen der Neubau in Ebersdorf beginnt. "Ich gab Gold für Eisen", notiert er und umschreibt damit den Start in eine ungewisse Zukunft. Richtig ans Herz geht seine Freude, als am 27. Oktober 1957 "Stammhalter Frank" geboren wird und er hofft, dass der Enkel in die Fußstapfen von Vater und Großvater tritt, damit die Mühlenfahne weiter wehen kann.

Großvater Karls Wunsch ist Wirklichkeit geworden. Zum Mühlentag Pfingstmontag erwartet Müllermeister Frank Rosenkranz die Besucher mit dem alten Müllergruß "Glück zu", der seinen Ursprung in jener Zeit hat, als die freigesprochenen Müllergesellen auf Wanderschaft gingen. Pünktlich 10 Uhr wird Stefan Bauch, Geschäftsführer des Thüringer Landesvereins für Mühlenerhaltung und Mühlenkunde e. V., in der Ebersdorfer Ruhmühle den traditionellen Mühlentag eröffnen. Ein kleiner Handwerkermarkt ist aufgebaut, Kinderbuch-Autorin Angela Carl liest Mühlengeschichten, und Vereine aus Ebersdorf sorgen für das leibliche Wohl der Besucher. Auch die Ausstellung im Begegnungszentrum "Johann Amos Comenius" in der Lobensteiner Straße 10 ist geöffnet. Dort sind neben historischen Fotografien, Tagebuchaufzeichnungen, einem Modell der alten Mühle und anderen Dokumenten originale Exponate wie eine Gattersäge, Buttermodeln und Werkzeuge zu sehen, die Karl Rosenkranz seinerzeit aus der alten Ruhmühle gerettet hat.

Ganz wichtig: Müllermeister Frank Rosenkranz lädt persönlich zu Führungen durch seine Ruhmühle ein, erklärt die interessante Mühlentechnik und wird, bei Interesse, vielleicht auch über die spannende Mühlengeschichte plaudern.

Pfingstmontag, 10 bis 18 Uhr, Ruhmühle Ebersdorf, Mühlenweg 8

Mühlengeschichte rund um Saalburg

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