Bewegende Geschichte Eugen Ruges Familie: Eis essen wird zum Verbrechen

Erfurt  Buch-Preisträger Eugen Ruge erzählt in „Metropol“, wie seine Großmutter in Moskau Stalins Terror überlebte.

Der Schriftsteller Eugen Ruge.

Der Schriftsteller Eugen Ruge.

Foto: Arne Dedert/dpa/Archiv

Als sie aus der „Prawda“ von der Verhaftung eines guten Bekannten erfährt, will Charlotte es nicht glauben. Sie ist mit Wilhelm vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen, im Jahr 1936 auf Schwarzmeerkreuzfahrt und findet keinen Schlaf mehr. Die nächste Zeitungsausgabe berichtet, dass der „Volksfeind“ im öffentlichen Gerichtsprozess gestanden hat, einen Mordanschlag auf den kommunistischen Führer Stalin geplant zu haben. Auch ihr Mann ist beunruhigt. Wie oft haben sie den Angeklagten getroffen? Haben sie ihm nicht ihr Grammophon verkauft? Und wie lässt sich, wenn man Kontakt zu einem Volksfeind hatte, die eigene Unschuld beweisen?

Acht Jahre nach seinem preisgekrönten Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ legt Eugen Ruge ein weiteres Buch über seine Familie vor. „Metropol“ erzählt die bewegende Geschichte seiner Großmutter Charlotte.

Dass sie in den 30er-Jahren einer Geheimorganisation der Komintern angehörte, deren Mitglieder im Zuge der stalinistischen Säuberungen nach und nach verhaftet und zum großen Teil liquidiert worden sind, davon hätte die Großmutter nie erzählt, erklärt der Enkel. Acht Jahrzehnte später begibt er sich auf Spurensuche, reist nach Moskau und wird im Russischen Staatsarchiv fündig.

Hauptschauplatz ist das Moskauer Hotel Metropol

Anhand von Charlottes Kaderakte, Spitzelberichten und zahlreicher anderer Dokumente rekonstruiert Eugen Ruge das Geschehen. Hauptschauplatz ist das Moskauer Hotel Metropol. Dort, wo sonst nur ausländische Gäste einquartiert wurden, werden die vom Dienst suspendierten Genossen untergebracht. Man sieht sich beim Frühstück, meidet jedoch das Gespräch, aus Angst, gegen den anderen könnte bereits ermittelt werden. Wenn sie nachts wach liegt und auf der Etage das Fahrstuhl-Relais klacken hört, weiß Charlotte, dass wieder einer am Frühstückstisch fehlen wird.

Auch wenn die Ereignisse lange zurückliegen, der Autor bringt sie so bedrängend nahe, dass man mit den Figuren leidet und auf einen glücklichen Ausgang hofft. Doch worauf können die zum Stillhalten und Abwarten Verurteilten noch bauen, wenn selbst der NKWD-Chef, der Hunderte von Volksfeinden entlarvt hat, als Volksfeind enttarnt und erschossen wird?

Charlotte und ihr Lebensgefährte haben 477 Tage im Hotelzimmer zugebracht, immer mit der Furcht, abgeholt zu werden. Zudem fand Ruge heraus, dass zwei Etagen tiefer mit Wassili Wassiljewitsch Ulrich jener oberste Militärrichter logierte, der die Moskauer Schauprozesse leitete. Und zeitweilig wohnte das Paar auch Wand an Wand mit dem als Prozessbeobachter angereisten Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der, Stalins Propaganda auf den Leim gehend, eine Jubelarie auf die Sowjetunion anstimmte.

In einem Klima der Angst schwindet das Vertrauen

Aus all diesen Fakten webt Eugen Ruge einen beklemmenden und künstlerisch überzeugenden Tatsachenroman. Nacherlebbar wird, wie in einem Klima der Angst Vertrauen schwindet, Freundschaften zerbrechen und Misstrauen um sich greift.

Charlotte distanziert sich von ihrem zum Tode verurteilten Bekannten. Als sie von der Verhaftung ihrer Freundin Isa erfährt, beginnt sie die schriftliche Erklärung im Geiste immer wieder zu überprüfen: Was hat sie ihrem Vorgesetzten über Isa mitgeteilt und was verschwiegen? Hat sie nicht die Anzahl ihrer Besuche gemildert, Nebensächlichkeiten unterschlagen, etwa die Umarmung beim Abschied, als die Freundin aus Deutschland abreiste? „Oder dass Isa sie von ihrem Eis abbeißen ließ… Ist das politisch relevant? Hätte ich das angeben müssen?“

Charlotte wird ihrerseits von einer guten Freundin, der Kommunistin Hilde Tal, denunziert. Deren Schicksal bildet den zweiten Erzählstrang des Romans. Und Ruge hat auch über Stalins willfährigen Vollstrecker, den Militärrichter Ulrich, recherchiert, der 30.000 Todesurteile unterschrieben haben soll, um seine eigene Haut zu retten. Dieser dritte Erzählstrang hilft zu begreifen, wie Stalins Terror funktionierte. Ulrich beruhigt sein Gewissen mit der Erkenntnis: „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. (…) Man muss sie gar nicht prügeln. Niemand wird einen Skandal machen. Niemand wird sich lossagen von der geliebten, der heiligen Partei.“

Während auch Hilde am 19. März 1938 erschossen wird, entgehen Charlotte und Wilhelm wie durch ein Wunder diesem Schicksal. „Warum sie, ausgerechnet sie?“, fragt sich der Enkel im Nachwort. Darauf geben die Dokumente keine Antwort. Es könnte Zufall gewesen sein, räsoniert Ruge, oder einfach nur Glück. Vielleicht habe es nach all den Verhaftungen irgendwann keinen mehr gegeben, „der ihre Sache mit Eifer verfolgte“. Charlotte und ihr Gefährte Wilhelm, der in Wahrheit Hans Baumgarten hieß, erhielten Schweizer Pässe und ein Visum nach Frankreich, von wo sie sich ins mexikanische Exil retten konnten.

„Die wahrscheinlichen Details sind erfunden“, schreibt Eugen Ruge, „die unwahrscheinlichsten sind wahr.“ Fakt ist: Charlotte Ruge blieb trotz allem dem Kommunismus treu. Sie starb 1986 in der DDR. Wassili Wassiljewitsch Ulrich lebte bis 1951 unbehelligt und mit zahlreichen Orden dekoriert in Moskau.

Zur Person

Eugen Ruge wurde 1954 im sowjetischen Soswa (Oblast Swerdlowsk) geboren. Sein Vater, der DDR-Historiker Wolfgang Ruge, war vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen, wo er deportiert und ins Straflager gesteckt wurde. 1956 gelang ihm zusammen mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen zweijährigem Sohn Eugen die Ausreise in die DDR.

Der diplomierte Mathematiker Eugen Ruge begann seine schriftstellerische Laufbahn mit Theaterstücken und Hörspielen. 1988 siedelte er in die Bundesrepublik über.

2011 erschien sein Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der den Deutschen Buchpreis gewann.

2012 gab er postum die Aufzeichnungen seines Vaters „Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion“ heraus.

Sein neuer Roman „Metropol“ (Rowohlt-Verlag, 432 Seiten, 24 Euro) kommt heute in den Buchhandel.

Der Autor ist am 28. Oktober, 19.30 Uhr, in der Aula des Ratsgymnasiums Erfurt Gast der Erfurter Herbstlese. Moderation: Hans-Dieter Schütt.

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