Ein Kerl, der weiß, was er will: Kirill Karabits‘ Antrittskonzert in Weimar

Weimar  Lang und sehr warmherzig applaudierte das Publikum der Staatskapelle Weimar und ihrem neuen Generalmusikdirektor Kirill Karabits – vielleicht eine Spur weniger frenetisch, als zu diesem Anlass erwartet.

Der Generalmusikdirektor und Chefdirigent Kirill Karabits (39) arbeitet nun am Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar. Foto: Peter Michaelis

Der Generalmusikdirektor und Chefdirigent Kirill Karabits (39) arbeitet nun am Deutschen Nationaltheater und der Staatskapelle Weimar. Foto: Peter Michaelis

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Lang und sehr warmherzig applaudierte das Publikum der Staatskapelle Weimar und ihrem neuen Generalmusikdirektor Kirill Karabits – vielleicht eine Spur weniger frenetisch, als zu diesem Anlass erwartet. Das jedoch mag der Überwältigung der Sinne nach einer steilen Bergtour geschuldet sein: Mit einer fulminanten "Alpensinfonie" von Richard Strauss krönte der 39-jährige Ukrainer sein Antrittskonzert und startet äußerst verheißungsvoll in die mindestens drei Jahre währende neue Ägide.

Karabits ist Vollblut-Dramatiker, ein Mann voller Ehrgeiz und Leistungswillen, der die enormen Möglichkeiten seines "Instruments", der Staatskapelle, prompt erfasst hat und auszureizen gewillt ist. Dabei ist er internationale Standards gewohnt und besitzt das intellektuelle Format, werkgerecht – also im guten Sinne kapellmeisterlich – zu gestalten und auf billige Effekte zu verzichten. Völlig klar, sachlich und unprätentiös dirigiert er, ist schlagtechnisch brillant und entfaltet offensichtlich ein Charisma, das die Musiker mitreißt.

Das Malmen des Schicksalsrads

All das glückt schon mit "Mazeppa", einer der in Weimar komponierten Programmmusiken Franz Liszts, die freilich nicht zu dessen tiefgründigsten zählt. Der Held, später als ukrainischer Hetman geschichtsmächtig, soll als Page am polnischen Hofe zur Strafe für eine unstatthafte Liebschaft von einem Pferd zu Tode geschleift werden, überlebt jedoch die Tortur des wilden, schier endlosen Ritts durch die Wüste und wird von Kosaken gesundgepflegt.

Für Karabits barg dieser west-östliche Brückenschlag vor allem Symbolkraft. Er mindert Liszts überbordendes Pathos, macht das Schlagen der Hufe in rasanten Streicherfiguren plastisch und zelebriert das Wunder der Rettung elegisch. Über das rein Lautmalerische hinaus gewinnt der Hörer eine Idee von dem unerbittlichen Malmen des Schicksalsrades und der Apotheose des Glücks.

Leicht und ätherisch stellt der Dirigent Ravels "Schéhérazade" dagegen und entführt mit diesen drei selten gespielten Orchesterliedern in eine farbig irisierende, orientalische Welt. Da kostet er harmonische und chromatische Reize, verliert darüber nicht die nötige Stringenz aus dem Blick und erweist sich als aufmerksamer Begleiter, ja einfühlsamer Lotse Johanni van Oostrums, die mit sensiblem Parlando vorträgt und besondere Stärken in glutvollem Forte beweist.

Doch all das war nur Aufgalopp zum ersehnten Hauptwerk: Karabits erschuf eine "Al­pensinfonie"-Interpretation in einer mustergültigen Kombination von Dramatik und Klangsinn. So wundervoll austariert, farbprächtig durchhörbar und sinfonisch durchdacht hat man das Paradestück der Spätromantik in Weimar selten erlebt. Straffen Schritts gewinnt da der aus Kiew gebürtige Bergwanderer an Höhenmetern und kostet die Opulenz an naturhaften Eindrücken ohne langes Verweilen: das muntere Plätschern eines Bachlaufs, heiteres Vogelgezwitscher, das volltönend präzise Echo des Fernorchesters, das Kuhglockengebimmel auf der Hochalm.

Der dramatische Aufbau kulminiert in einem Gewittersturm, der, so elementar und scheinbar zufällig er hereinbricht, doch ungemein klug, akkurat und geschmackvoll aufgebaut ist. Auch hier ist die Apotheose das Ziel, die Verklärung im Widerpart von Mensch und Natur. Da darf die Weimarer Riesenstaatskapelle mit ihrer Kantilenenmacht voll und ganz glänzen, zumal sie im Aufstieg zuvor bereits die intonatorische Kompetenz ihrer Solisten gezeigt hat (stellvertretend sei Solo-Oboistin Brigitte Horlitz gepriesen). Eine Irritation gleich beim allerersten Einsatz und ein paar durchaus ungewohnte Wackler sprechen da eher nur für eine Übermotivation der Musiker.

Den Zauber des Anfangs hat Kirill Karabits mit Bravour eingelöst. Noch ist alles mehr Verheißung als schon Erfüllung. Noch befinden das Orchester und er sich in einer Phase des Kennenlernens. Aber man spürt, dass aus dieser Verbindung Großes zu entstehen vermag. Denn so sanftmütig er im persönlichen Umgang auch wirkt: Da ist ein Kerl, der weiß, was er will.

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