Tollers Eunuchen in Meiningen

Meiningen.  Tobias Rott gräbt für die Kammerspiele „Hinkemann“ aus, ein Stück von 1923. Es passte damals in die Zeit. Mit Abstand passt es immer noch.

Vivian Frey als "Hinkemann" im gleichnamigen Stück von Ernst Toller, inszeniert von Tobias Rott an den Kammerspielen in Meiningen. Im Hintergrund: Yannick Fischer, Björn Boresch und Georg Grohmann.

Vivian Frey als "Hinkemann" im gleichnamigen Stück von Ernst Toller, inszeniert von Tobias Rott an den Kammerspielen in Meiningen. Im Hintergrund: Yannick Fischer, Björn Boresch und Georg Grohmann.

Foto: Marie Liebig

Sechse gucken in die Welt, dann prusten sie los. Es ist einfach zu lächerlich: ein entmannter Mann. Der, der ihn uns vorstellen wird, Vivian Frey, lacht lauthals mit. Sein Hinkemann würde ja auch lachen, wäre ein anderer die lächerliche Figur.

Andererseits: Traurige Lachnummern sind sie alle doch. „Diese Zeit hat keine Seele“, wird Hinkemann sagen. „Ich hab kein Geschlecht. Ist da ein Unterschied?“ Das ist rhetorisch gefragt. Da ist keiner, soll das heißen. Eugen Hinkemann, der hier Hosenträger, aber seit dem großen Krieg nichts mehr in der Hose trägt, leidet stellvertretend. Er ist eine allegorische Figur: für den Zustand einer Gesellschaft, eines Landes.

Das war damals, 1923 und folgende, und ist auch heute Stärke und Schwäche des Stücks zugleich. „Hinkemann“, im Gefängnis geschrieben, in das das Ende der Münchner Räterepublik den Sozialisten Ernst Toller spülte, ist ganz und gar ein Stück in seiner und für seine Zeit. Ein erstes Zeitstück: noch etwas expressionistisch, ein bisschen naturalistisch, sehr politisch. Es stellt den Menschen gleichsam vor den Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, aber der will ihn nicht sehen.

Doppelt zeitgenössisch, in Tollers und unserem Sinne

Lieber lässt er sich hängen, so wie in den Meininger Kammerspielen, wenn dem einen der müde Kopf auf die Brust des anderen sackt oder in dessen Handschale. Erschöpfung im Hamsterrad. Da könnte man sich schon nach vermeintlich alter Stärke zurücksehnen, nach Zukunft in Vergangenheit: Deutschland, Deutschland über alles. Und ruft nicht gerade einer dieses Kalibers, fällt uns da ein, wieder präpotent über Thüringer Marktplätze: „Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken.“ So ist das Stück, wie es Schauspieldirektor Tobias Rott inszeniert, doppelt zeitgenössisch: in Tollers und in unserem Sinne.

Obwohl recht modern in der Form, schimmert seine eigene Zeit immer durch. Man muss ja auch nicht immer alles kurzsichtig zu sich heranholen. Rott bewahrt Weitsicht.

Kerstin Jacobssen kleidet das Ensemble in Rothaarperücken und blaue Jeans-Kostüme. Proletarierkluft. Christian Rinke skizziert einen abstrakten Raum auf weißem Bodentuch, das sich nach hinten zur Rampe aufschwingt. Eine weiße Wand mit drehbaren Teilen wie im Spiegelkabinett; das Stück führt uns auf den Jahrmarkt. Eine alte Spüle, ein paar Stühle, ein Rohr von der Decke, aus dem auf halber Höhe Wasser platscht und für eine Lache sorgt: als lache es die Spieler aus.

Der Blick von außen aufs Hamsterrad

Freys Hinkemann ist ein kräftiger Kerl, aber kein Kraftprotz, kein Berserker; Heinrich George spielte das einst. Er ist einer mit Druck im Kessel, mit Weltekel und Selbstekel und auch Selbstverleugnung. Wir werden seine arg befleckte Unterhose sehen. Wir sehen aber vor allem seine arg befleckte Seele. Dieser Hinkemann ist erniedrigt und beleidigt. Frey spielt ihn fiebrig, er schwitzt alle Hoffnung heraus. Er bekennt sich zum Außenseiter. Und von außen blickt er aufs Hamsterrad.

Traurige Eunuchen sind sie alle. Nora Hicklers Grete, Hinkemanns Frau, spült wie bekloppt die Spüle, wäscht sich Hand und Seele wund. Sie flieht ihren Mann, flüchtet sich in die Arme Pauls (Björn Boresch), der nicht liebt. Er fickt nur, weil ihn das Leben fickt. Potent als Mann, impotent als Mensch. Die Hickler wird groß, wenn in ihr die Sehnsucht nach Liebe schreit.

Ganz groß, in kleinen Rollen: Peter Bernhardt mit Pagenkopf, der in aller Ruhe einen siebenjährigen Jungen und Hinkemanns alte Mutter lebendig werden und innerlich schon gestorben sein lässt. Alle sind immer da, 105 Minuten lang wie abwesend in Anwesenheit; das sind die Figuren, von denen jeder außer Frey eine Handvoll spielt. Das verlangt die besondere Präsenz eines potenten Ensembles. Damit können die Meininger dienen. Sie können tote Hose spielen, weil sie so gar keine toten Hosen sind.

Wieder am 15. November, mit langer Toller-Nacht im Anschluss, sowie am 12. Dezember.

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