Überall Gegacker: „Romulus der Große“ am DNT

Weimar  „Romulus der Große“ am DNT: Dannemann „ergänzt“ die Dürrenmatt-Komödie mit Gags und billigen Effekten

Noch ein Ei vom Germanen-Huhn Odoaker: Ingolf Müller-Beck Foto: Candy Welz

Noch ein Ei vom Germanen-Huhn Odoaker: Ingolf Müller-Beck Foto: Candy Welz

Foto: zgt

„Salve! Salve!“ rufen die Diener. „Salve! Salve! Salz!“ erwidert Romulus und verlangt sein tägliches Morgen-Ei. Roms letzter Herrscher frühstückt vergnügt im EU-Parlament, das er zum Hühnerstall umfunktioniert hat. Überall Gegacker. Überall Stroh und Mist. Ein mit Pfeilen gespickter Bote überwindet den drei bis vier Meter hohen Grenzzaun und schaut suchend hinter die Pulte: „Herr Schäuble? Herr Gysi?“ Nein, nur Romulus. Doch der kümmert sich nicht um sein Reich, gegen das die Germanen zu Felde ziehen, der füttert seine Hühner. Zwar betet er später mit seinen Ministern für den Erhalt des Imperiums, doch er tut – nichts. Schließlich werden Romulus‘ Gattin und die Tochter vor den Barbaren in einem Schlauchboot übers Mittelmeer flüchten. Romulus wird sich zur Nachtruhe niederlegen und mit der Europa-Fahne zudecken.

Schäuble, Gysi, Schlauchboot, Europa-Fahne – Hä? Besorgt fragte man sich am Sonnabend bei der Premiere von Friedrich Dürrenmatts „Romulus der Große“ am Deutschen Nationaltheater Weimar, was den Regisseur bewogen haben könnte, den Text des Schweizer Dramatikers mit derlei Mätzchen zu „bereichern“. Traute er dem Stück nicht? Oder glaubt er, dass man heute zusätzlich mit Gags und Anspielungen auf sich aufmerksam machen muss? Besonders ärgerlich wird es immer dann, wenn die Zutaten nur Effekt, aber keinen Sinn machen oder lediglich provozieren wollen, wie das Schlagwort „Untergang des Abendlands“ oder der zynische Einwurf: „Pack deine Rettungsweste ein, es ist viel los auf dem Mittelmeer.“

Mag ja sein, dass die Politiker damals wie heute überfordert erscheinen. Doch wo, bitteschön, gibt es eine ernsthafte Parallele zwischen dem plündernden und brandschatzenden Germanenheer zu Zeiten der Römer und den Wellen von Kriegsflüchtlingen, die heute Europa – und insbesondere Deutschland – überschwemmen?

Dürrenmatt (1921-1990) hat „Romulus der Große“ 1948 als unmittelbare Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg verfasst, und es wurde sein witzigstes und – man mag es kaum glauben – heiterstes Werk. Nur ist sein Witz nicht von jenem Niveau, mit dem die Weimarer meinten, es für eine Wiederaufführung anreichern und würzen zu müssen. Das Stück bedarf keiner billigen Aktualisierungs- oder gar Deutungsversuche; im Gegenteil: Es spricht besser für sich.

Dürrenmatts in geschliffener, teils absurd-komischer Sprache gefasstes Gleichnis setzt dem ungebremsten Größenwahn der Herrscher und herrschenden Konzerne einen Moment der Windstille und Besinnung entgegen, nennen wir es eine Utopie von rousseauistischem Format. Nur im Verweigern liege noch eine Chance. Nur die Besinnung auf das Unehrgeizigste und Nichtpatriotische, wie es etwa eine Rückkehr in die Agrargesellschaft verspricht, bringe vielleicht Rettung.

Das ist natürlich eine Illusion. Aber wenn sie so vergnüglich, so brillant vorgetragen wird, wie in dieser „ungeschichtlichen historischen Komödie“ (Dürrenmatt), dann darf man schon mal einen Abend über einen Ausstieg aus der Geschichte nachdenken oder davon träumen.

Denn darum geht es diesem Romulus, der, statt das zerfallende Weltreich zu retten und den Germanen Widerstand entgegenzubringen, beherzt aufs Nichtstun setzt: „Man steckt eine Welt nicht in Brand, die schon verloren ist“, sagt er und: Rom sei „ein Weltreich geworden und damit eine Einrichtung, die öffentlich Mord, Plünderung, Unterdrückung und Brandschatzung auf Kosten der anderen Völker betrieb, bis ich gekommen bin“.

Man hätte diesen Text, so wie er ist, einfach nur spielen brauchen, meinethalben in diesem parlamentarischen Hühnerstall (Bühne: Heike Vollmer), und er hätte seine Wirkung nicht verfehlt. Doch Thomas Dannemann, der in Weimar schon „Schuld und Sühne“ frei nach Dostojewski inszenierte, vermurkst ihn lieber. Warum? Wenn er etwas Substanzielles zur Flüchtlingskrise mitzuteilen hat, sollte er besser selbst ein Stück verfassen.

So ist es einfach nur schade, dass die selten gespielte Dürrenmatt-Komödie derartig verschenkt wird. Zumal mit dem zwar manchmal ein wenig nuschelnden und permanent Fruchtzwerge löffelnden, doch gestisch souverän und urkomisch agierenden Ingolf Müller-Beck die Hauptrolle adäquat besetzt ist. Auch Sebastian Kowski als Germanenfürst Odoaker verleiht dem Komödiantischen Gewicht – sogar im doppelten Sinne –, und es ist eine Augenweide, wie sich die beiden staatsmännischen Aussteiger in liebevollen Umarmungen zu Boden ziehen.

Nicht nachvollziehbar erscheint, warum gestandene Charakterdarsteller wie Elke Wieditz und Christoph Heckel in Dienerrollen gesteckt werden, während Nadja Stübiger als Romulus‘ Gattin, Max Landgrebe als Kaiser von Ostrom und Dascha Trautwein als stöckelnde Kriegsministerin à la Ursula von der Leyen eher blasse Typen abgeben. Wenigstens darf Heckel als Hosenfabrikant Rupf zeigen, was in ihm steckt, und Landgrebe liefert als Kunsthändler Apollyon, der die von Romulus verramschte Beutekunst nach Griechenland schleppt, eine muntere Kabarettnummer.

l Nächste Vorstellungen: 13., 19. November, 11. Dezember

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