Die Spur der Keime (Teil 1): Mit „Geistlicher Arznei“ gegen die Pest

Gotha.  Ein Flugblatt auf Gothas Friedenstein sollte mit Magie vorm Schwarzen Tod schützen. Es wirkt heut ebenso gut wie vor 500 Jahren.

Das magische Zeichen gegen die Pest findet sich in der Flugblatt-Sammlung auf Schloss Friedenstein Gotha. Es wirkt als "geistliche Arznei gegen die grausam schreckliche Pestilenz" heute noch ebenso gut wie vor 500 Jahren.

Das magische Zeichen gegen die Pest findet sich in der Flugblatt-Sammlung auf Schloss Friedenstein Gotha. Es wirkt als "geistliche Arznei gegen die grausam schreckliche Pestilenz" heute noch ebenso gut wie vor 500 Jahren.

Foto: stiftung schloss friedenstein / Stiftung Schloss Friedenstein

Der erste Weg führt uns auf Schloss Friedenstein. Ein Mittel gegen die Pest? – Ulrike Eydinger weiß, Gott sei Dank, Rat. Die Kustodin des Kupferstichkabinetts zückt aus dem umfänglichen Gothaer Schatz von etwa 35.000 bis 40.000 grafischen Blättern einen Holzschnitt hervor, der die linke Seite eines Flugblattes ziert. Dort prangt ein magisches Zeichen gegen die Seuche. Aktuelles zur Corona-Krise lesen Sie auch in unserem Liveblog

Der Künstler ist unbekannt; nur anhand einer Initiale identifiziert man Friedrich Peypus zu Nürnberg als Drucker und datiert das Blatt auf die Zeit um 1525. Aus den Chroniken wissen wir, dass 1522 eine furchtbare Pestwelle in der Frankenmetropole anbrandete. Wer konnte, der floh. Auch Albrecht Dürer und der Humanist Willibald Pirckheimer nahmen Reißaus. Tausende fielen dem Schwarzen Tod zum Opfer; der Magistrat verwies die religiösen Geißler der Stadt, denn fruchtlos war offenkundig ihr selbstzerfleischendes Tun.

So tief gläubig wie medizinisch hilflos, kannten die Menschen keine rationale Erklärung für jegliches epidemische Geschehen. „Diese Krankheiten hat man immer als Strafgericht Gottes interpretiert“, sagt Eydinger. Glaube und Aberglaube gingen naturgemäß Hand in Hand; man hielt das Pestzeichen wahrhaftig für eine „geistliche Arznei“.

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In einem Medaillon aus drei Kreisen stehen der griechische Buchstabe Tau und seine hebräische Entsprechung, das Taw, der letzte des Alphabets. Außer zwei kleinen, schmückenden Engeln sehen wir vier Figuren in je einer Ecke abgebildet: (im Uhrzeigersinn) Gottvater, den (strafenden) Erzengel Michael sowie Moses und König David als Vertreter des „Alten Bundes“, also der Glaubensbeziehung zu Gott.

Die Unterschrift verweist auf die Heimsuchung Jerusalems, wie der Prophet Ezechiel sie im Alten Testament (Hesekiel 9, 4-6) schildert. Dort heißt es als Anweisung an die vermeintlichen Scharfrichter: „Erschlagt Alte, Jünglinge, Jungfrauen, Kinder und Frauen, schlagt alle tot; aber die das Zeichen an sich haben, von denen sollt ihr keinen anrühren.“ – Wer also das ominöse Zeichen trägt, bleibt als Gerechter unter den Sündern von der Strafe verschont.

Wie das Nürnberger Flugblatt nach Gotha gelangte, lässt sich heute nicht mehr aufklären. Ohnehin sind nur noch zwei weitere authentische Exemplare bekannt; sie werden in Berlin und in Nürnberg aufbewahrt. Freilich wird Friedrich Peypus seinerzeit gutes Geschäft damit gemacht haben. „Von einem Holzschnitt konnte man gut 1000 Abzüge drucken“, weiß Ulrike Eydinger, „und reisende Kolporteure verkauften sie auf den Märkten landauf, landab.“

Üblicherweise benutzte man solche magischen Zeichen nicht nur fürs heimische Domizil, sondern schlug sie auch an öffentlichen Stätten, etwa an Kirchenportalen oder in Gasthöfen, an. So mag, wer der modernen Medizin nicht vertraut, seine Haustür damit versehen; es wirkt heute noch ebenso zuverlässig wie damals, vor 500 Jahren.