Doppelter Störfall: Günter Grass und die DDR

Günter Grass war für die Ost-Machthaber ein doppelter Störfall: als weltberühmter Autor mit gelegentlich unbequemen Werken und als politischer Einmischer, der permanent von der DDR und bei seinen Besuchen in der DDR politische und literarische Freiheiten einforderte.

Rückblick: Günter Grass vor einer Lesung im März in Berlin. Foto: Michael Gottschalk

Rückblick: Günter Grass vor einer Lesung im März in Berlin. Foto: Michael Gottschalk

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Erfurt. Grass bekam von seinen Feinden ein Denkmal gesetzt: in Form von Staatssicherheitsakten. Der Journalist Kai Schlüter legt es vor. Zahlreiche aktuelle Statements von auftauchenden Personen machen es leichter lesbar.

Die Namen der IM in den Akten von Grass sorgen für Schlagzeilen: vom Schriftsteller Hermann Kant bis zum Reclam-Verleger Hans Marquardt scheint der halbe Kulturapparat der DDR vertreten. Ihre Motive mögen verschieden gewesen sein, auch die Intensität ihrer Zuarbeit, peinlich bleibt sie allemal. Dennoch scheint die in vielen Meldungen auftauchende latente Empörung darüber leicht verlogen. Denn erstens waren aus anderen Studien alle Namen längst bekannt. Zweitens sollte die Tatsache, das sich bei Günter Grass niemand der Betroffenen zu einer Namensvertuschungsklage hinreißen lässt, für mehr als moralische Genugtuung sorgen.

Historische Analyse ist nach zwanzig Jahren gefragt. Sind mit der IM-Tätigkeit eines Hans Marquardt sämtliche seiner verlegerischen Verdienste im Reclam-Verlag getilgt? Bestimmt nicht. Und Arbeitsleistungen seit 1990 stehen noch einmal auf einem anderen Blatt und müssen doch in jedem Fall einzeln in Bezug zu dem Vorher gesetzt werden. Und es ist auch ein Unterschied, ob man sich Gedanken machte (Kant) wie man in Westberlin vor einer Tagung den jungen DDR-kritischen Schriftsteller namens Jürgen Fuchs möglichst unglaubwürdig erscheinen lässt oder ob man wie Marquardt mit Kulturfunktionären dealt, um Grass zu verlegen und auf Lesereisen zu begleiten. Was natürlich auch heißt, mehr Kontrolle über ihn zu haben und ihn nicht unabhängigen kirchlichen Einladern zu überlassen. Die Akten liefern eine Materialvorlage für einen machtpolitischen Psychostripp und Entblößungsanlass der DDR. Neben den Zuträgern muss auch das Wirken von Grass differenzierter betrachtet werden. Er blieb sich die ganze Zeit treu, aber er wirkte in jedem Jahrzehnt anders auf die sich permanent wandelnden politischen Bedingungen der DDR ein.

Nur einmal wurden Leute (auch) wegen des Kontaktes zu Grass verhaftet: Ende 1980, Lottumstraße in der Wohnung von Frank-Wolf Matthies. Der DDR-Kritiker Robert Havemann, der Poet Thomas Erwin, zahlreiche Lesungsbesucher, einige Vorbereiter in Westberlin und der Autor dieser Zeilen waren die Akteure dieses Brückenschlages einer entstehenden und sich formierenden Opposition am Prenzlauer Berg mit den realsozialismus-kritischen Autoren der Bundesrepublik. Vor allem mit Grass und Heinrich Böll, die die Zeitschrift „L76“(später L80) herausgaben. Die DDR verstand dieses Periodikum als Kriegserklärung und neues Zentrum eines sowjetfernen Reformsozialismus. Die Akademie für Gesellschaftswissenschaften plante 1977 oder 1978 eine eigene Tagung nur zu dieser Zeitschrift. Günter Grass las an dem Abend ganz bewusst seinen einzigen 1980 in der DDR legal erhältlichen Text – einen Buchauszug in der abonnierbaren Zeitschrift „Neue Literatur“ (Rumänien). Eine kluge Rücksichtsmaßnahme. Die Diskussion dagegen musste rücksichtslos und im Klartext verlaufen. Grass (Mitternacht mussten sein Begleiter Johanno Strasser und er über die Grenze zurück) stellte die Frage aller Fragen: Wie könnt ihr in der DDR polnische Verhältnisse herstellen und wie können wir euch aus dem Westen dabei unterstützen? In den Akten liest sich das eher unterkühlt – als schauderte es die Offiziere, dies zu multiplizieren. Und die DDR verhaftete Matthies und mich wegen der Grass-Lesung und entließ uns nach 10 Tagen und sperrte Grass und Strasser bis zum Ende der DDR aus. Aber die Zeiten waren nicht mehr so – auch durch die Proteste von Grass und seinen Schriftstellerkollegen wurde die einzige Verhaftungswelle wegen im Westen erschienener literarischer Bücher von DDR-Autoren beendet (bei Thomas Erwin dauerte es noch zwei Monate länger).

Grass meinte, die Stasi habe ihn überschätzt. Doch seine Funktion als Lackmuspapier, also Anzeiger von gesellschaftlichen Spannungen und ihr Katalysator, ging weit über das hinaus, was an (beträchtlichem) Interesse bei Grass selbst vorhanden war. Wir wurden auch nicht nur wegen Grass verhaftet. Es war die Kombination der ungenehmigten Westveröffentlichungen, die Bereitschaft zur Oppositions-Netzwerk-Bildung in der DDR und die versuchte grenzüberschreitende Gruppenbildung, die die Stasi kurz ausflippen ließ. Grass diskutierte dann noch mit Frank-Wolf Matthies einen Brief lang über die deutsche Kulturnation in „L80“. Ein Thema, das ihn damals umtrieb und das schon geeignet gewesen wäre, DDR-Identität an einer sehr wunden Stelle zu hinterfragen. Mich sprach er auch an, mir fiel nichts Wichtiges ein oder ich traute mich nicht. Die Passagen zur Mauer in dem Buch „Ostberlin“ (1987, Neuauflage 2006) vermochte ich erst 5 Jahre später zu schreiben. Wir waren im Grunde noch nicht reif für den gesamtdeutschen Brückenschlag. Mit der Kombination Solidarnocz-Polen und deutscher Kulturnation hatte Grass einen höchst subversiven Cocktail gemixt. Die reale und potienzielle Wirkung 1980 ist nicht mit seinen späten DDR-Reisen zu vergleichen. Nach dem Abgang von Matthies und Erwin (und Jürgen Fuchs oder Salli Sallmann 1978) begann der Dichter-Spitzel, FeindFreund Sascha Anderson zunehmend alle Fäden zu ziehen. Insofern wurde an diesem zitierten Abend ein subkulturell viel politischerer und oppositionellerer Prenzlauer Berg sichtbar. Und hätte sich weiter entwickelt – wenn es nicht zur Kappung dieser Energiezufuhr gekommen wäre.

Grass konnte ab 1983 in Ausnahmefällen doch wieder in die DDR einreisen, erinnert sei an seine Lesung in Erfurt. Da darf man die punktuelle Komik der Aktensprache bewundern. Wie umschreibt das MfS das Aufheben der weiter geltenden Einreisesperre für einen Tag? „Sie werden gebeten für den xxx die Einreisesperre . . .auszusetzen, die Fahndung einzuleiten und bei der Einreise des Grass die Übergabe an die HA VIII zu veranlassen.“ Man schrieb sich halt gern Macht zu, auch wenn die Übergabe damals nur noch darin bestand, ihn zu beobachten und weitere Akten anzulegen.

Günter Grass im Visier“, Links Verlag, 24, 80 Euro.