Eine nackte Schönheit hält Puppenbauer vom Theatrium ab

Erfurt.  Eine Nackte ist es, die unter anderem den Puppenschnitzer Martin Gobsch abhält, weiter am mechanischen Theater in der Marktstraße zu schnitzen.

„Rusalka“ hat Martin Gobsch geschnitzt und ihren Kopf sanft auf einen Lindenholzblock gebettet. 

„Rusalka“ hat Martin Gobsch geschnitzt und ihren Kopf sanft auf einen Lindenholzblock gebettet. 

Foto: Frank Karmeyer

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Mit ihren vollen Lippen und einer zierlichen Nase, blankem Busen, schmaler Taille, runder Hüfte und langen Beinen liegt sie ausgestreckt da. Nackt. Den Kopf sanft gebettet auf ein kantiges Kissen. Das ist aus Lindenholz wie die schlanke Schöne, die Puppenbauer Martin Gobsch davon abgehalten hat, weiter am Theatrium in der Marktstraße zu schnitzen. Dort, wo sich Szenen von Homers Odyssee in Bewegung setzen, sollen der Sommernachtstraum und die Nibelungen zwei weitere Anlässe zum Münzeinwurf und Staunen geben – doch frühestens ab 2022 wird Gobsch das Schnitzmesser dafür wieder in die Hand nehmen können.

Den Auftrag der Marionettenoper aus Lindau konnte er einfach nicht ausschlagen: 13 Figuren hat er für die Oper Rusalka von Anton Dvořák zu schnitzen. Die meisten davon sind schon fertiggestellt, warten in Kisten auf ihren Transport an den Bodensee. Rusalka, die Hauptperson der russischen Variante des Märchens von der Meerjungfrau, hat Gobsch gleich mehrfach gezeichnet und feingliedrig geschnitzt. Es gibt sie in der Oper mit dem Unterleib einer Nixe und als Frau, einmal auch als Irrlicht, in einigen Szenen ist sie nackt zu sehen. Wo sonst das Kostüm die Puppenkonstruktion, Gelenke und Drahtverbindungen verbirgt, ist hier jede Kurve ihres Körpers zart geformt. Noch fehlen die Fäden, doch einmal aufgenommen, bewegt sie sich bereits menschlich, wiegt sich sanft in der Hüfte, wackelt keck mit dem Bauch. Lange hat Martin Gobsch daran gefeilt, damit das alles so organisch lebensecht und feingliedrig passiert.

Sechs Wochen lang hat er allein an der nackten Rusalka geschnitzt. „Da bin ich eine Schnecke“, scherzt Gobsch, wissend, dass gut Ding einfach Weile haben will. Zeit, die er sich gerne nimmt, verschaffen ihm doch das mechanische Theater von „Schneewittchen“ auf der Krämerbrücke und die „Odyssee“ in der Marktstraße ein Auskommen, das diese Detailverliebtheit und Präzision bei allen technischen Herausforderungen erlaubt, wie er sagt. Am Anfang steht bei allem eine Zeichnung, oft selbst schon ein kleines Kunstwerk, die gleichzeitig technische Zeichnung und Gestaltungsentwurf ist. „Das Schnitzen ist dann nur noch Handwerk“, sagt Gobsch, bescheiden tief stapelnd.

2013 hat der Krämerbrücken-Handwerker schon einmal für die Lindauer gearbeitet, nun also der zweite Großauftrag, fünfstellig bemessen. Da der Lindauer Premierentermin noch nicht gesetzt ist, hat Martin Gobsch parallel dazu und ausnahmsweise einen weiteren, zweiten Auftrag angenommen: für das Puppentheater Waidspeicher, den ersten seit fast zehn Jahren wieder. „Krabat“, das Märchen von Ottfried Preußler, wird von Regisseur Matthias Thieme in Erfurt inszeniert. „Auch da konnte ich einfach nicht nein sagen“, so Gobsch. Premiere hat „Krabat“ im November dieses Jahres. Ein aufwendiges Modell der Bühne steht bereits in Gobschs Ladenwerkstatt auf der Krämerbrücke. Hier prüft er in Miniatur die Lage des zentralen Mühlsteins, Sichtachsen, Lichteinfall und Projektionen für die spätere große Bühne. Damit nicht genug: Auch für das Literaturmuseum in Heiligenstadt steht im kommenden Jahr ein mechanisches Puppenspiel von Theodor Storms Regentrude in den Gobschen Auftragsbüchern.

Viel Arbeit, wenig Zeit für Teil 2 und 3 des mechanischen Puppenspiels in der Marktstraße, das im November 2017 eröffnet wurde und auf Vervollständigung wartet. Wenigstens die Zahl der Nachfragen, wann es denn damit weitergehen wird, hofft Puppenbauer Martin Gobsch reduzieren zu können – mit seinem der Zeitung gewährten Einblick in seine Auftragsbücher.

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