„Vom Gießen des Zitronenbaums“ – Film über die Absurdität der Welt

Jena.  „Vom Gießen des Zitronenbaums“: Kein Film über den Frieden im Nahen Osten. Die Komödie kommt am Donnerstag in die Kinos.

Vorerst steht Elia Suleiman mit leeren Händen da: In Paris versucht er, Fördergelder für seinen Film „Vom Gießen des Zitronenbaums“ zu akquirieren. Dank seiner präzisen Wahrnehmung erlebt er – nicht nur in der französischen Metropole – eine menschliche Komödie.

Vorerst steht Elia Suleiman mit leeren Händen da: In Paris versucht er, Fördergelder für seinen Film „Vom Gießen des Zitronenbaums“ zu akquirieren. Dank seiner präzisen Wahrnehmung erlebt er – nicht nur in der französischen Metropole – eine menschliche Komödie.

Foto: Neue Visionen Filmverleih/dpa / dpa

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Oh, verrückte Welt! Irgendwie muss die alte Ordnung aus dem Lot geraten sein. Seltsam verhalten sich die Menschen, und sogar auf die Naturgesetze ist kein Verlass mehr. Elia, der Filmemacher, nimmt all das mit größtmöglicher Gelassenheit zur Kenntnis. Er hat seine eigenen Sorgen, muss sich um die Finanzierung seines neuen Werks kümmern – was für einen Palästinenser in Nazareth nicht einfach ist. Irgendwie wird es ihm geglückt sein, denn bei den Festspielen in Cannes feierte Elia Suleimans „Vom Gießen des Zitronenbaums“ 2019 Premiere und kommt diesen Donnerstag in unsere Kinos.

Elia redet nicht viel. Er schaut nur. Beobachtet seine Umwelt mit dem wachen Blick eines Moralisten, verzieht aber kaum eine Miene über all die Merkwürdigkeiten, die ihm alltäglich begegnen. Zum Beispiel, dass ein Nachbar sich seines Zitronenbaumes bemächtigt, obwohl das Gewächs zweifelsfrei in seinem Garten steht. Frech erntet er die leuchtend gelben Früchte, beschneidet und gießt allerdings auch den Baum. Elia lässt es geschehen, er raucht, trinkt eine Brause. Und schweigt zu alldem. Logisch, gar vernünftig sind die Menschen wohl nicht. Jedenfalls nicht in Nazareth, nicht in Palästina. Also wundert es nicht, dass Elia alsbald in Paris landet. Erst sitzt er stundenlang auf der Straße vorm Café und schaut den attraktiven, modebewussten jungen Frauen nach.

Der tägliche Wahnsinn tobt über die Boulevards von Paris

Blicke sagen mehr als tausend Worte. Einen Elia kann so leicht nichts erschüttern. Nicht, dass Streifenpolizisten auf Rollerblades durch die Vorstadt düsen, dass eine Altglas-Armada sich skulptural vorm Container stapelt oder dass ein Rettungswagen mit Sanitätern anhält, um einen Clochard mit Speis und Trank zu versorgen. Solcherlei Barmherzigkeit mutet seltsam an in einer Stadt, da Düsenjäger ihren Himmel pflügen und schwere Kampfpanzer durch ihre Straßen kreuzen.

Lauter Verwirrte, Desorientierte. Die Boulevards fast menschenleer, die Metro verwaist. Alles uns eigentlich Vertraute wirkt, als sei es in einen surrealen Kontext versetzt: fremd, ja absurd. Lakonisch, fast ohne Dialoge erzählt Elia Suleiman seine Komödie, deren Originaltitel „It must be Heaven“ eigentlich alles erklärt. Wer’s leicht schräg mag oder streng existenzialistisch oder beides: Hier kommt er auf seine Kosten.

„Nicht palästinensisch genug“, befindet der Experte von der französischen Filmförderungsanstalt über Elias Projekt. Auch das durchs offene Hotelfenster zugeflogene Sperlingsfräulein weiß keinen Rat. Sie stört aber hartnäckig bei der Arbeit am Laptop, bis er ihr die Balkontür weist. Der afrikanische Taxifahrer ist schier aus dem Häuschen, als er von seiner Herkunft erfährt, und erlässt ihm den Fahrtpreis. Schwer bewaffnete Passanten... – nein, das war nur geträumt, oder?

Als wäre er ein moderner Nachfahre des Voltaire’schen Candide, bricht Elia schließlich nach New York auf. Im Big Apple muss gerade so etwas wie Karneval sein. Lauter bizarre Gestalten begegnen Elia. Er beobachtet, wie vier Streifenpolizisten im Park einen Engel festzunehmen versuchen. Die junge Frau mit den zerzausten Flügeln entkommt auf wunderliche Weise, nur ihr Federkleid bleibt zurück. Ein Beduine erbricht auf der Straße, King Kong kapert eine knallrot livrierte Hotelangestellte, und ein Sensenmann mampft Döner am Schnellimbiss.

Elia erträgt alle Sinnwidrigkeit mit geduldigem Schweigen

„Are you a perfect stranger?“ fragt der Dozent im Filminstitut. Elia spricht wenig. Zieht höchstens die Augenbrauen hoch. Er fragt nicht, während die Welt vernunftwidrig schweigt. Er erduldet sie. Filmkritiker haben Elia Suleimans Erzählweise mit der Jacques Tatis und Buster Keatons verglichen. Aber man versteht sie auch so, da das Absurde nicht verstanden sein muss. Ein bisschen Langmut, vielleicht gar Humor macht es erträglicher. Dieser Film ist eine Schule fürs Leben.

Oh, die Welt ist verrückt! Wenn man sich nur die Zeit nimmt, ihr zuzuschauen.

Der Film ist ab Donnerstag im Erfurter Kinoklub am Hirschlachufer und im Jenaer Kino im Schillerhof zu sehen.

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