Jan Josef Liefers: „Nicht nur Halbwissen kann gefährlich sein“

Erfurt.  Radio Doria spielt bei den Autokonzerten auf dem Messegelände Erfurt. Sänger und Schauspieler Jan Josef Liefers über Kunst in der Corona-Krise, die Glaubwürdigkeit von Medizin und blaue Flecken nach dem Stagediving.

Jan Josef Liefers mit seiner Band Radio Doria.

Jan Josef Liefers mit seiner Band Radio Doria.

Foto: Joachim Gern

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Die Band Radio Doria spielt am Sonntag, 24. Mai, zum Abschluss der Autokonzerte auf dem Messegelände in Erfurt. Zuvor treten dort Karat, Revolverheld, Max Giesinger und Heinz-Rudolf Kunze auf. Wir sprachen mit Radio-Doria-Sänger und Tatort-Schauspieler Jan Josef Liefers über die Atmosphäre bei Autokonzerten, die Kunst in der Corona-Krise und die Glaubwürdigkeit von Medizin.

Wenn keiner vor der Bühne steht und tanzt oder mitsingt, sondern alle in ihren Autos sitzen und Applaus mit der Lichthupe geben – fehlt dem Künstlerherz nicht die Unmittelbarkeit?

Es fühlt sich auf jeden Fall bizarr an. Ich bin trotzdem sehr gespannt auf die blauen Flecke nach dem Stagediving! Immerhin wird es ein Live-Konzert und wir sind mal wieder zusammen mit echtem Publikum am selben Ort!

Konnten Sie im Vorfeld als Band proben, trotz der ganzen Kontaktbeschränkungen?

Wir haben noch ein paar Möglichkeiten zu proben, die nutzen wir bis zum Samstag vor dem Konzert.

Wie wollen Sie die Hygienevorschriften auf der Bühne umsetzen? Wird dort auch der 1,50 Meter-Abstand eingehalten und Mundschutz getragen?

Wir werden uns an die Vorschriften halten, die Kriterien werden ja auch täglich nachjustiert. Wir werden darauf achten, dass keiner sich theoretisch anstecken kann, auch wenn es uns praktisch allen hervorragend geht und wir uns fit wie Turnschuhe fühlen.

Das Konzept von Radio Doria in diesem Jahr heißt Zurückhaltung und Lagerfeueratmosphäre. Was hat es damit auf sich?

Wir wollen näher aneinander rankommen. Musikalisch differenzierter werden, etwas akustischer, vielleicht ein bisschen weniger Rabatz. Wir hatten nicht unbedingt ein Autokonzert im Kopf, als wir uns das vorgenommen haben. Aber die Vorstellung, ein Konzert in seinem Auto zu hören, passt zur Idee von Nähe.

Aufgrund der Corona-Krise hat sich die Kunst neue Wege erschlossen. Digitale Angebote boomen, weil es wenige Alternativen gibt. Ist das aus ihrer Sicht eine Chance für die Kunst? Oder eine Talsohle?

Jede Kunst ist sowieso dauernd in Veränderung. Da brauchten wir jetzt nicht unbedingt das Virus zu. Ja, es ist eine tiefe Talsohle für die Kunst. Vor allem, weil die Orte und Umstände, unter denen sie ihr Publikum fand, weggebrochen sind. Deshalb ist das Autokonzert in Erfurt auch so ein gutes Symbol!

Wie haben Sie die vergangenen Monate verbracht?

Wie die meisten hauptsächlich zu Hause. Mehr Sport gemacht, viel nachgedacht. Zeit mit der Familie verbracht.

Die Rolle des Mediziners haben Sie diverse Male eingenommen, nicht zuletzt als Karl-Friedrich Boerne im Münsteraner Tatort. Was würde die Figur der Gesellschaft in dieser Situation raten?

Man spricht in der Medizin von einem Placebo, wenn es zwar keinen Wirkstoff enthält, aber trotzdem heilt. Der eigentliche Wirkstoff ist dann die Einbildungskraft. Diese Kraft kann Berge versetzen, aber auch zerstören. Richten wir also unsere Einbildungskraft auf die Wiederherstellung unserer Freiheit und unserer sozialen Kontakte, zum Positiven also, statt auf Verschwörungen, neue Feindseligkeiten und Zwietracht.

In einem Interview haben Sie gesagt, Sie hätten ein „gefährliches Halbwissen, was Medizin anbelangt.“ Gerade scheinen viele Menschen davon überzeugt sind, dass sie mehr wissen als die Experten Wie bewerten Sie das?

Man konnte viel dazulernen in den letzten Wochen. Außerdem haben die Experten gezeigt, dass auch sie mehr als eine Meinung vertreten und verschiedene Schlüsse aus ähnlichen Fakten ziehen. Das ist zwar normal und dient letztlich der Wahrheitsfindung, führt aber auch zu verschiedenen Lagern, nach dem Motto: Bist du bei Drosten oder bei Kekulé oder Streeck? Nicht nur Halbwissen kann gefährlich werden, auch Vollwissen ist nicht ohne Sprengkraft.

Wie bewerten als Künstler die Maßnahmen in der Corona-Krise?

Man könnte auf allen Ebenen mit offeneren Karten spielen. Wir halten Einschränkungen sehr viel besser aus, je mehr sie uns einleuchten.

Was erwartet die Fans bei Ihrem Konzert in Erfurt?

Also, wir sind da und werden alles geben! Und eure Autos werden einmal alle Funktionen unter Beweis stellen, von Warnblinker bis Hupe und Scheibenwischer. Sie werden zum Leben erwachen und wir werden auch so miteinander reden können!

Eine außergewöhnliche Geburtstagsfeier: „45 Jahre Karat“ als Autokonzert

Das Programm der Autokonzerte auf dem Erfurter Messegelände:

  • Mittwoch, 20. Mai: Karat Donnerstag, 21. Mai: Revolverheld
  • Freitag, 22. Mai: Max Giesinger
  • Samstag, 23. Mai: Heinz-Rudolf Kunze
  • Sonntag, 24. Mai: Radio Doria Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Tickets gibt es unter www.ticketshop-thueringen.de

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