Klassik-Stiftung Weimar durchforstet Bestände nach Raubgut

Geraubt, enteignet und meist weit unter Wert verkauft sind viele Erwerbungen der Klassik-Stiftung aus NS-Zeiten. Nun werden diese aufgearbeitet.

"Durch die Intensivierung unserer Arbeit werden wir ein enormes Stück voran kommen", ist sich Rüdiger Haufe, Provenienzforscher der Klassik-Stiftung, sicher. Archiv-Foto: Franziska Nössig 

 Stiftung Weimar

"Durch die Intensivierung unserer Arbeit werden wir ein enormes Stück voran kommen", ist sich Rüdiger Haufe, Provenienzforscher der Klassik-Stiftung, sicher. Archiv-Foto: Franziska Nössig Stiftung Weimar

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Weimar. Kurz nach dem sogenannten Anschluss Österreichs ans Dritte Reich fielen Gestapo-Leute in die Wohnung einer Wiener Jüdin ein. Von allem, was dann geschah, ist lediglich die Enteignung zweier Goethebriefe bekannt geworden. Weil beide Papiere in den Beständen des Goethe-Schiller-Archivs Weimar landeten.

Als der Kunstsammler Michael Berolzheimer aus Fürth 1938 in die USA emigrierte, musste er weite Teile seiner wertvollen Sammlung zurücklassen. Die Handzeichnungen, die er zusammengetragen hatte, wurden kurz darauf durch ein Münchner Auktionshaus versteigert. Einige davon landeten in Weimar, an den Stätten der Klassik. Inzwischen weiß man, dass längst nicht jedes Objekt auf sauberem Wege Einzug hielt in die Bestände.

Bestände nach nach Raubgut durchforstet

Vor vier Jahren hat sich die Klassik-Stiftung an die Arbeit gemacht, die Sammlungsbestände ihrer Häuser systematisch nach Raubgut zu durchforsten, das zu Zeiten der NS-Diktatur unrechtmäßig den Besitzer wechselte und direkt oder auf Umwegen nach Weimar kam.

Das Hauptaugenmerk von Rüdiger Haufe und den anderen Mitarbeitern in dem Team aus Historikern und einer Justiziarin liegt zunächst auf den Jahren zwischen 1933 und 1945, obwohl die Nachwirkungen der Enteignungen noch weit über das Kriegsende hinausreichten.

Mit den Vorarbeiten für die Restitution enteigneter Kunstgegenstände, Bücher und Dokumente begann Rüdiger Haufe bereits 2009. Dass ihm jetzt drei Kollegen zur Seite gestellt werden, zeigt, dass die Klassik-Stiftung ein ernsthaftes Interesse an der Klärung der Eigentumsverhältnisse hat.

Der Berg an Arbeit, der vor den Forschern liegt, ist immens. Für jeden einzelnen Gegenstand, der innerhalb der besagten zwölf Jahre nach Weimar gelangte, gilt es, die Herkunft zu klären. "Allein 35.000 Bücher wurden in dieser Zeit durch die Landesbibliothek Thüringen erworben." Weitere 800 Erwerbungen sind im Goethe-Nationalmuseum registriert, "vom Buch über die Münze bis zum Porzellankännchen".

Rüdiger Haufe hat die letzten vier Jahre damit zugebracht, Posten für Posten durchzusehen. "Etwa ein Viertel bis ein Drittel davon werden wir intensiver untersuchen müssen."

Einige Objekte wurden bereits rückübertragen

Manche Verdachtsfälle hatten sich bereits als Treffer erwiesen. Einige Gegenstände konnten schon rückübertragen werden. Darunter eine Sammlung barocker Glaspokale. Die Stücke stammten aus dem Besitz eines jüdischen Rechtsanwalts aus Sonderhausen, der kurz vor seiner Deportation Selbstmord beging.

Auch wenn die Klassik-Stiftung im Moment noch mit konkreten Zahlen arbeitet, könne davon ausgegangen werden, dass vier bis zehn Prozent aller Erwerbungen zwischen 1933 und 1945 restituiert werden müssen, sagt Haufe.

Zu den relativ sicheren Indizien einer unrechtmäßigen Herkunft zählt der Eintrag der Preußischen Staatsbibliothek in den Zugangsbüchern. "Unter ihrem Dach war die Reichstauschstelle angesiedelt, die intensiv in den Raub von Kulturgütern durch die Nationalsozialisten verwickelt war."

"NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter" lautet der formal korrekte Begriff für alles, was allgemein als Raubgut bezeichnet wird. Dinge, die den Menschen mit Gewalt entrissen wurden, sind damit ebenso gemeint wie jene Gegenstände, die unter Zwang - und meist auch weit unter Wert - verkauft werden mussten, etwa um die Emi­gration zu finanzieren.

"NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter"

Die Arbeitsgruppe um Haufe recherchiert Erben und Rechtsnachfolger der Enteigneten. Mit noch lebenden Betroffenen dürfte sie es nur in seltenen Ausnahmefällen zu tun bekommen. Wo sich gar keine Erben ausfindig machen lassen, wenden sich die Justiziare der Klassik-Stiftung an die Jewish Claims Conference, die Entschädigungsansprüche verfolgter Juden weltweit vertritt. Gegebenenfalls wird ein Wiederankauf der Gegenstände angeboten. "Was zählt, ist der Wille der Erben."

Mit rund drei Millionen Euro pro Jahr finanzieren die Bundesregierung und die Kulturstiftung der Länder die Provenienzforschung bundesweit. Die Klassik-Stiftung ihrerseits wendet weitere Mittel aus dem eigenen Etat auf, um diese Arbeit zu befördern. Ihr Forschungsprojekt zum NS-Raubgut ist damit eines der größten bundesweit.

"Durch die Intensivierung unserer Arbeit werden wir ein enormes Stück voran kommen", ist sich Rüdiger Haufe sicher. Wie lange sein Viererteam zu tun haben wird, um die unrechtmäßigen Erwerbungen aufzuklären? "Wahrscheinlich fünf Jahre."

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