In der DDR gab es kein normales Leben – Ringvorlesung von Freya Klier in Erfurt

Erfurt.  Freya Klier, Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung, sprach im Rahmen der Ringvorlesung der Mediengruppe Thüringen und der Universität Erfurt.

Ringvorlesung mit Freya Klier zum Thema "Leben in der Diktatur" in der Universität Erfurt (15. 1. 2020).

Ringvorlesung mit Freya Klier zum Thema "Leben in der Diktatur" in der Universität Erfurt (15. 1. 2020).

Foto: Hanno Müller

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„Alltag in der Diktatur“ lautete das Thema der Ringvorlesung von Freya Klier in der Uni Erfurt. Das Leben, über das die Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung berichtete, ist das einer Widerständigen und Unangepassten. In den 1950ern hätten Schüler in der DDR oft noch das Glück gehabt, von Lehrern unterrichtet zu werden, die in der Weimarer Republik sozialisiert wurden. Das Glück der „guten Lehrer“ sei späteren Jahrgängen nicht mehr vergönnt gewesen.

„Die die Macht hatten, sorgten dafür, dass Menschen mit anderer Meinung ins Gefängnis kamen. In den 1950ern konnte man noch fliehen, später ging das nicht mehr“, sagt Klier. Vier Millionen Ostdeutsche hätten vor 1990 das Land verlassen, 2,5 Millionen davon vor dem Mauerbau. „Die Mauer sollte das völlige Erlöschen der DDR verhindern“, so Klier. Danach habe im Bildungssystem die Indoktrination zugenommen, wofür vor allem Margot Honecker verantwortlich war.

Schon ihre Eltern seien mit dem System in Konflikt geraten. Nachdem ein Passant die Mutter aus der fahrenden Straßenbahn schubste, war es zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit dem Vater gekommen. Weil sich der Passant als Polizist entpuppte, musste der Vater in den Uranbergbau, die Mutter in den Schichtdienst. Im Kleinkindalter kamen Klier und ihr Bruder ins Kinderheim, wo sie auf den Stalinismus eingeschworen werden sollten.

Im Vortrag erinnert Freya Klier auch an gescheiterte Fluchtversuche und die hohe Selbstmordrate in der DDR. Als drastisches Beispiel für die Bevormundung führt sie eine gewaltsame Haarschneideaktion an. Im Landkreis Pößneck wurden 1969 Langhaarige zwangsweise zum Friseur genötigt. Sie selbst erhielt 1985 Berufsverbot als Theater-Regisseurin, ebenfalls betroffen ihr Mann Stephan Krawczyk. Über einen Mordversuch der Stasi will sie demnächst ausführlich berichten.

In der Diskussion verweist ein Mann darauf, dass er normal in der DDR leben konnte. Klier stellt diese Normalität infrage. „Es gab kein normales Leben in der DDR. Es gab keine Wahlfreiheit, die Gefängnisse waren voll. Man wusste nicht, wer echte Freunde waren. Auf Stephan und mich waren 82 Stasispitzel angesetzt. Was also ist normal und für wen?“ Auch bei den Studenten stieß die Diskussion auf reges Interesse. Eine junge Frau fragte schließlich, wie man in einem Land wie der DDR leben konnte?

Die nächste Ringvorlesung hält am 19. Februar der Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Schäuble (CDU).

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