Jenaer Kulturschaffende fluten den Nachtbriefkasten

Kein Platz mehr für die freie Szene? 500 Menschen demonstrierten am Mittwochabend in der Jenaer Innenstadt gegen den Abbau kultureller Vielfalt. Konkret geht es den Demonstranten um das Haus am Inselplatz 9a, das weiterhin für Konzertabende und politische Themenabende bereitstehen soll.

Die Demonstranten setzen sich für den Erhalt selbstgeschaffener, kultureller Orte ein. Das Haus am Inselplatz 9a soll weiterhin für Konzertabende und politische Themenabende bereitstehen. Momentan stehen die Zeichen für diese soziokulturelle Insel auf Abriss. Foto: Jördis Bachmann

Die Demonstranten setzen sich für den Erhalt selbstgeschaffener, kultureller Orte ein. Das Haus am Inselplatz 9a soll weiterhin für Konzertabende und politische Themenabende bereitstehen. Momentan stehen die Zeichen für diese soziokulturelle Insel auf Abriss. Foto: Jördis Bachmann

Foto: zgt

Jena. Wenn Oberbürgermeister Albrecht Schröter von seiner Berlin-Reise zurückkommt, dann hat er viele hundert Briefe zu öffnen: Am Mittwochabend hatte sich die freie Szene Jenas zu einer Demonstration am Inselplatz getroffen. Etwa 500 Menschen - Kulturschaffende und -konsumenten - hatten sich versammelt, um für mehr Freiräume in der Stadt einzutreten. Ihr Anliegen ist es, die Verdrängung von selbst geschaffenen Orten aufzuhalten, an denen, frei von gewinnorientierten Interessen, Kultur und geistiger Austausch stattfinden.

Nachtbriefkasten der Stadt geflutet

Fast alle Teilnehmer der Demonstration unterschrieben einen vorgedruckten Zettel, mit dem die Stadträte, die Stadtverwaltung und der Oberbürgermeister aufgefordert werden, nicht nur Lippenbekenntnisse abzugeben, sondern sich für den Erhalt soziokultureller Orte einzusetzen. Mit etwa 450 dieser Aufforderungen wurde der Nachtbriefkasten der Stadtverwaltung geflutet.

Konkret ging es bei der Demonstration um den Inselplatz und seine geplante Bebauung. Im Gespräch ist ein Universitätscampus. Die Veranstalter der Demonstration sind nicht grundsätzlich gegen eine Bebauung des Platzes, doch sie wünschen sich, die Entstehung eines belebten und für alle Bürger nutzbaren Ortes.

Opfer der bisherigen Bebauungspläne wäre vermutlich auch das Haus am Inselplatz 9a. In dieser Oase leben seit etwa zwei Jahren 18 Menschen. Sie stellen ihre Räume außerdem für Bands, Konzerte und politische Bildung zur Verfügung. Vor allem aber durch das Angebot der Volksküche hat das Haus Bekanntheit erlangt. Momentan stehen die Zeichen für diese soziokulturelle Insel auf Abriss. Während der Inselplatz der Stadt gehört, gehört das Haus der Abbe-Stiftung, mit der die Bewohner einen Mietvertrag abgeschlossen haben. Die Stiftung würde im Fall der Bebauung vermutlich das Haus verkaufen. Ausweichflächen für die jetzigen Bewohner und Bewirtschafter des Hauses sind in Jena kaum vorhanden.

Schon einige Male wurde die Volksküche aus ihren Domizilen verdrängt. Auch andere Orte der Soziokultur verschwanden aus dem Stadtbild. Symbolisch wurden am Mittwoch Kreuze aufgestellt, die an alle verdrängten Orte erinnerten: die alte Güterhalle Caleidospheres am Westbahnhof, hier musste der betreibende Verein, der Konzerte, Spiele-Abende, Theaterstücke und Ausstellungen organisierte, weichen, weil Schott als Eigentümer dies forderte. Das Haus in der Wiesenstraße als Volksküchen-Domizil wich einer breiteren Straße. Das Haus in der Hügelstraße - ebenfalls Volksküche - wurde verkauft. Auch in der Neugasse hatten die Kulturschaffenden zwischenzeitlich ein Domizil gefunden und etablierten hier das Neugassenfest.

Ohne Subvention, ohne Manager

Überall gestalteten die Kulturschaffenden ihre Räume selbst aus, ohne Subventionen, ohne Kulturmanager. Selbstbestimmt und selbstverwaltet schufen sie an den genannten Orten ein kulturelles Angebot für alle Interessierten und boten Räume zum Denken und Diskutieren. Schließlich sind sie auf ihrer "Insel" angekommen, wenn auch sie untergeht, wird der Platz für selbstbestimmte, soziokulturelle Projekte in Jena knapp.

Oliver Schubert als Bewohner des Inselplatzhauses sagte in seiner Rede während der Demonstration: "Wir sind motiviert und interessiert, kulturellen und sozialen Keimen einen Platz zu bieten. Der Mensch braucht Freiräume, in denen gesellschaftliche Missstände aufgegriffen werden. In der Durchführung von selbstinitiierten Projekten werden die Bedingungen für politische und kulturelle Bildung geschaffen. Die Gesellschaft wird aktiv mitgestaltet, eine bunte Vielfalt wird aufrecht erhalten." Jena werde immer "schöner, steriler, aufgeräumter, durchinstitutionalisierter, betongrau und keimfrei". Die freie Szene wandere ab, weil ihr keine andere Wahl gelassen werde, und sie hinterlasse eine Stadt, die ihre Vielfalt und Lebendigkeit verliere.

Zu den Veranstaltern der Demonstration gehörten unter anderem Stadtrat Martin Michel (Die Guten) und Kirsten Limbecker vom Ortsteirat Jena-Zentrum. Kirsten Limbecker bezeichnete die selbst gestalteten Orte der Soziokultur als "Embryonen der Freiheit". "Sie wollen wachsen, aber sie sind sehr zerbrechlich. Wir dürfen uns und diese Orte der Freiheit nicht brechen lassen."

Auch Benjamin Bock vom Phonton-Verein trat ans Mikro. Der Verein ist auf der Suche nach einer Alternative für Band-Proberäume, die bisher im alten Gewerbegebiet Jena-Göschwitz angesiedelt sind und dem Projekt Jena 21 weichen müssen. So führte die Demonstration alle zusammen, die sich in Jena von einer Stadtentwicklung bedroht sehen, die keinen Raum für freie Geister lässt.

Im Anschluss an die Demonstration auf dem Inselplatz zog ein Großteil der Beteiligten gemeinsam zum Kassablanca, um dort den Abend ausklingen zu lassen. Der Tross aus etwa 400 Menschen, der sich - begleitet von Trommlern - durch die ganze Innenstadt bewegte, sorgte dabei für die Aufmerksamkeit, die dem Anliegen sicher gebührt.

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