Nötige Debatte über eine Staatsbibliothek Jena

Die ThULB strebt nach höheren Weihen. Heftige Widerstände formieren sich dagegen. Matschies Ministerium hat eine Arbeitsgruppe und sucht den ergebnisoffenen Diskurs.

Historisch wertvoller Sonderbestand in Jenaer Universitätsbibliothek: Die Bibliotheca Electoralis steht Besuchern nur nach Anmeldung offen. Den Bücherschatz rettete Fürst Johann Friedrich 1549 aus Wittenberg nach Jena. Foto: Peter Michaelis

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Jena/Erfurt/Gotha. Eine magische Wirkung besitzt die Vokabel "Staatsbibliothek" zurzeit in Thüringen. Es bringt jeden, der im Wissenschaftsbetrieb oder im Büchereiwesen Verantwortung trägt, augenblicks zum Verstummen. Selbst Sabine Wefers, die es ja ganz unmittelbar angeht, sagt nur trocken: "Davon weiß ich nichts." So ganz unschuldig klingt dieser Satz nicht. Offenbar fürchtet die Chefin der Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) Jena Konsequenzen. Dabei sind die Vorbereitungen, ihr Haus in den Rang einer Staatsbibliothek zu versetzen, bereits in vollem Gange.

Ein Gutachten des Landesrechnungshofes, das in eingeweihten Kreisen kursiert, aber offiziell noch nicht vorliegt, gibt den Anstoß dazu. Denn es konstatiert, dass die ThULB längst Aufgaben erfüllt, die das ihrem Status gemäße Spektrum klar überschreiten. Zum Beispiel betreibt Wefers' Einrichtung eines der fünf größten Digitalisierungszentren an deutschen Bibliotheken. Nicht nur, um eigene historische Bestände im virtuellen Netz zugänglich zu machen. Sondern auch der Museumsverband mit seinem neuen Online-Portal und die Thüringer Staatsarchive zählen zur "Kundschaft". Selbst die Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar lässt gerne bei Wefers scannen.

Denn dank der in Jena selbst entwickelten Software namens UrMEL (Universal Multimedia Electronic Library) ist die elektronische Aufbereitung, Inventarisierung und Präsentation der Digitalisate gleich mit im Paket. Besonders verlockend wirkt, wie Wefers dann doch bereitwillig erklärt, dass dabei die historischen Kontexte der Quellen gleich mitgeliefert werden - egal, ob es sich um die Schedelsche Weltchronik aus eigenen Beständen, um ein Botticelli-Gemälde aus dem Lindenau-Museum oder eine Urkunde aus dem Rudolstädter Staatsarchiv handelt. 30 Millionen Zugriffe auf UrMEL von 1,3 Millionen Online-Nutzer habe man 2010 registriert, sagt Wefers.

Der digitale Bedarf ist umstritten

Ob aber derlei Dienstleistungen den Aufstieg zur "StaBi" rechtfertigen? In Thüringer Bibliothekskreisen zieht man darob verkniffene Mienen. In ein paar Jahren habe die ganze Digitalisiererei sich ohnehin erschöpft, sagen ungenannt bleiben wollende Experten. Dann seien die Zimelien, auf die Forscher und interessierte Laien aus aller Welt online zugreifen wollten, sämtlich erfasst. Nur der "StaBi"-Status bleibe noch übrig.

Was das eigentlich ist, eine Staatsbibliothek, das vermochte am Mittwoch selbst beim Deutschen Bibliotheksverband niemand präzise zu definieren. Zumal von Bundesland zu Bundesland recht unterschiedliche Modelle existieren. Jedoch treffen drei Charakteristika für die beiden großen Häuser in Berlin und München ebenso wie für die kleineren etwa in Göttingen und Dresden zu: Sie erfüllen übergeordnete Funktionen, sie fußen auf kostbaren historischen Beständen, und sie sind direkt dem Land zugeordnet.

Vor allem das dritte Kriterium sorgt allseits für arges Nervenflattern. In Jena befürchten Wissenschaftler, dass die Universität jeglichen Enfluss auf "ihre" Bibliothek verliert. Zumal Wefers in den vergangenen Jahren eigenbrötlerische Tendenzen entfaltet habe, sich etwa mit Forschungsprojekten oder in der Öffentlichkeitsarbeit verselbstständige. Eine druckfrische ThULB-Image-Broschüre, die noch nicht verbreitet wird, belegt das. Ein Statement der Universitätsleitung war am Mittwoch aus dem Rektorat nicht zu erhalten - wohl der fulminanten Magie der StaBi-Vokabel halber.

Und bei den Bibliotheken ist man in Sorge, dass das für Kultur, Bildung und Wissenschaft zuständige Ministerium Christoph Matschies dann vielleicht auch Funktionen wie den Buch- und Zeitschriftenerwerb in Jena zentral organisieren wolle. Damit verlören die wissenschaftlichen Bibliotheken in Weimar, Erfurt, Ilmenau und anderswo de facto ein Gutteil ihrer Eigenständigkeit und stünden unter Wefers' Diktat. Das zwickt umso ärger, als die promovierte Historikern nicht nur in diesen Kreisen offenkundig einen fragwürdigen Nimbus genießt.

Und die wertvollen Alt-Bestände? Da unternimmt Wefers' neue Broschüre hochglänzende Anstrengungen, um die Bedeutung der Bibliotheca Electoralis - jener Uni-Bücherei, die anno 1549 aus Wittenberg herkam - sowie weiterer, weniger prominenter Gelehrtenbibliotheken herauszustreichen. Mehr Gewicht im Kreise der deutschen Staatsbibliotheken hätte eine erdenkliche in Jena ohne Zweifel, wenn es ihr gelänge, sich noch die Gothaer Friedenstein-Forschungsbibliothek einzuverleiben. Nur gibt die Universität Erfurt, die diesen Bücherschatz betreut und erschließt, ihn partout nicht freiwillig her.

Ob der stets konsensual gepolte Minister das per Federstrich regelt, scheint fraglich. Man wolle jetzt einen fachlichen Diskurs über Effizienz und Synergien an Hochschulen - auch an ihren Bibliotheken - in Gang setzen, erklärte gestern ein Sprecher Matschies. Man rede über mögliche "Kooperationen" - ohne Vorfestlegungen, aber bereits in einer internen Arbeitsgruppe. Und auch die hat die Besonderheiten der Jenaer ThULB erkannt. "Dabei strapazieren wir das Wort ,Staatsbibliothek' nicht", betont Matschies Sprecher. So wirkt halt der magische Bann bis ins Ministerium. Selbst wenn man noch nicht über letzte Konsequenzen reden will: Glatt ginge eine "Operation StaBi" sicher nicht über die Bühne. Zu groß sind - noch - die Widerstände dagegen.

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