Staatsarchive und Denkmalpflege: Zorn über Zusammenlegung

Es ist jetzt ein Jahr und einen Monat her, dass die Expertenkommission Funktional- und Gebietsreform ihren Bericht vorgelegt hat. "Das blaue Wunder" wird mit spöttischem Unterton das knapp 240 Seiten fassende Werk seither genannt - und das liegt nicht nur an dem strahlend blauen Einband.

Zornig wegen des Unverstandes , den er hinter den Plänen vermutet, ist Volker Wahl, der lange Jahre das Hauptstaatsarchiv Weimar geleitet hatte. Foto: Peter Michaelis

Zornig wegen des Unverstandes , den er hinter den Plänen vermutet, ist Volker Wahl, der lange Jahre das Hauptstaatsarchiv Weimar geleitet hatte. Foto: Peter Michaelis

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Weimar/Gotha/Greiz/Meiningen/Rudolstadt/Altenburg/Erfurt. Ein blaues Wunder sieht auch die Fachwelt der Archivare in diesem Bericht, denn auf den Seiten 81 und 82 wird verdeutlicht, dass die Zeit der Staatsarchive in jetziger Form ein Ende haben soll. Es hat ein Jahr gedauert, bis sich ihr Protest formiert. Jetzt aber machen sie deutlich, dass sie sich mit der Zielrichtung, Archive, Denkmalpflege und Archäologie unter einem Dach zusammenzufassen und dieses neue Landesamt als Teil des Landesverwaltungsamtes zu etablieren, nicht werden anfreunden können. Und Staatsarchivdirektor a.D., Professor Volker Wahl, bringt die aktuelle Lage auf den Punkt: "Politiker und Beamten kommen und gehen, das Archiv bleibt."

Das, was von der Expertenkommission vorgegeben wurde, bedeutet die Zusammenlegung der Thüringischen Staatsarchive mit dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Die "Süddeutsche Zeitung" hat dies jüngst spöttisch "Archiväologie" genannt - eine Disziplin, die es nicht gibt und für die wohl keine Präsident zu finden sein wird, der alle beteiligten Fachgebiete vertreten kann. Das jedenfalls sagen die Experten aus dem Archivwesen.

Die Landesregierung dagegen verspricht sich davon nicht nur eine gemeinsame Verwaltung, die Personal sparen hilft, sondern auch weitere Synergien, wie es heißt. Beispielhaft werden eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die Betreuung der IT-Technik und eine Zusammenführung von Leistungen der Werkstätten genannt. Zugleich wurde auf die jetzt eingehenden Brandbriefe aus dem Kulturministerium "versichert, dass der Landesregierung die Fortsetzung der erfolgreichen Arbeit seiner Staatsarchive ein Anliegen ist und deshalb in der neuen Struktur die Rahmenbedingungen für diese Tätigkeit geschaffen werden." Aus Sicht der Archiv-Fachleute aber ist dieser Idee der "Archiväologie" - also der Zusammenfassung schriftlicher Zeugnisse mit Denkmalpflege und Archäologie - so gar nichts abzugewinnen. An ihrer Seite: Michael Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach: Er nennt die Idee im Gespräch mit unserer Zeitung "überflüssig und sinnlos". Den Sinn, vor allem auch den betriebswirtschaftlichen, vermag er nicht zu sehen.

Klare Ablehnung signalisiert

Starke Worte für ihre Ablehnung finden der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, sowie dessen Landesverband; vertreten durch die Bundesverbandsvorsitzende Irmgard Christa Becker, sowie Jens Riederer und Christiane Wolf aus Thüringen. Professor Eckart Lange, Präsident des Thüringer Kulturrats, und die Mitgliedsverbände des Kulturrats unterstützen diese Stellungnahme, in der gefragt wird: "Geht es lediglich um das politische Argument, man habe zahlenmäßig Behörden abgebaut? Den Grundregeln eines 'Lean Management' folgt die Reform jedenfalls nicht, wenn eine zusätzliche Verwaltungsstufe geschaffen wird."

Beispiellos sei das, was nun für Thüringen geplant wird nicht: "Aus den schlechten Erfahrungen, die man in Mecklenburg-Vorpommern als einzigem Bundesland mit einer ähnlichen Verwaltungskonstruktion gemacht hat, zog man in Rheinland-Pfalz unlängst die Konsequenz, die Landesarchivverwaltung nicht wie zunächst beabsichtigt in die 'Generaldirektion kulturelles Erbe' einzugliedern", sagen die Archivare. Die Absicht, die bisher sechs selbstständigen Staatsarchive zu einem Landesarchiv zusammenzufassen, folge formal dem Vorbild anderer Bundesländer - "und ist nachvollziehbar", wie es in der gemeinsamen Stellungnahme an Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) heißt.

Allerdings sei bei den jetzigen Reformvorschlägen wohl nicht beachtet worden, "dass die Thüringer Staatsarchive in den vergangenen zehn Jahren die hierdurch beabsichtigten Synergie-, sprich Einspareffekte, durch Organisationsänderungen sowie durch Auslagerung sachfremder Funktionen wie Liegenschaftsverwaltung ohnehin bereits realisiert haben". An den Aufgaben der Staatsarchive vor allem auch im Interesse der Bürger werde sich aber auch durch eine Zusammenlegung nichts ändern. Die Rechtswahrung, also beispielsweise der Nachweis erlittenen Unrechts, der Beleg von Schulabschlüssen oder Beschäftigungszeiten oder der Zugang zu Informationen für private, ortsgeschichtliche oder wissenschaftliche Forschungen sichern Gesetze des Landes, des Bundes und der Europäischen Union, werden als Beispiele genannt.

"In mehrfacher Hinsicht bedenklich" sei die "faktische Herabstufung des Archivwesens" bei der in Aussicht genommenen Zusammenfassung im Landesamt für Archivverwaltung, Denkmalpflege und Archäologie. So rangiere das Archivwesen künftig "nicht mehr unter direkter Obhut der Landesregierung als Intergraler Bestandteil jeglicher Verwaltung, sondern wird künftig als eine Kultureinrichtung unter anderen wahrgenommen, was seiner rechtsstaatlichen Pflichtstellung keineswegs entspricht und gerecht wird", so die Vertreter des Archivverbandes im Einklang mit dem Kulturrat Thüringen. Ihre Befürchtung: "Die Leitung liegt zudem in sachfremder Hand.

Schon dies ist im digitalen Zeitalter, das völlig neue fachliche und rechtliche Herausforderungen an das Archivwesen stellt, überaus problematisch", heißt es in dem Schreiben von Bundes- und Landesverband. Sie treibt eine weitere Sorge um: Wenn das Land seine Archivierungspflicht künftig enger auslegen sollte, könnte dies auch bei Kommunen und wissenschaftlichen Einrichtungen negative Folgen haben. "Insgesamt zeichnet sich damit für das Kulturland Thüringen im Informationszeitalter ein substanzieller Kulturverlust ab", so die Einschätzung von Irmgard Christa Becker, Jens Riederer und Christiane Wolf sowie Professor Eckart Lange.

Auch die "Historische Kommission für Thüringen" unter Leitung von Professor Werner Greiling, hat sich in dieser Sache an die Ministerpräsidentin gewandt. Dabei geht es auch um die Frage, wer Chef eines solchen Zusammenschlusses von Behörden sein könnte, die im Bereich höchst unterschiedlich ausgerichteter Wissenschaften tätig sind. Dabei wird auf "die wenigen Bundesländer" verwiesen, die sich an einem solchen oder ähnlichen Modell versucht haben. Es sei dort zu "schwerwiegenden fachlichen Fehlleistungen gekommen, die bundesweit Aufsehen erregten", warnt Greiling. Die "Historische Kommission für Thüringen" sieht bei der geplanten Zusammenlegung die bisherige fachliche Kompetenz in der Leitung auf Dauer "nicht als gegeben an". Und auch dies gibt Professor Greiling zu bedenken: "Die sechs thüringischen Staatsarchive hüten die im letzten Jahrtausend vor Ort entstandenen Geschichtsquellen. Sie stellen den wichtigsten 'Speicher' für alle auf dem Gebiet der Landesgeschichte tätigen Personen dar." Dazu zählen neben den Mitgliedern der "Historischen Kommission" auch jene der mehr als 100 Geschichtsvereine im gesamten Freistaat, macht er deutlich.

Gefahr für das Kulturgut?

Professor Volker Wahl, Staatsarchivdirektor a.D. in Weimar, wird auf Anfrage unserer Zeitung hin noch sehr viel deutlicher: "Man könnte zornig werden über den Unverstand und das Schielen nach falschen Vorbildern, wenn man die Planspiele in Thüringen zur Kenntnis nimmt, das Archivwesen mit der Denkmalpflege und der Archäologie zusammenzubinden. Der gemeinsame Nenner - für die Bewahrung von Kulturgut auf dem und im thüringischen Boden verantwortlich zu sein - reicht für ein solches staatliches Neuordnungsprogramm einfach nicht aus", so seine Einschätzung.

Es sei "eben etwas anderes, wenn in Bibliotheken einzelne Exemplare eines vervielfältigten Mediums, in Museen einmalige Sachzeugen des Alltags und in Archiven die singulären Aufzeichnungen des Verwaltungshandelns und anderer menschlicher Betätigungen als historische Quellen für die Nachwelt aufbewahrt werden", macht er deutlich. Wahl spielt dabei keine Profession gegen die andere aus: "Jedes dieser Institute braucht seine Fachleute und deren Professionalität. Aber nun auf Landesebene die Zuständigkeit für die Sicherung der schriftlichen, audiovisuellen und digitalen Aufzeichnungen in den Staatsarchiven mit der Verwaltung für bauliche Sachzeugen der Geschichte und Vorgeschichte in eine Hand legen zu wollen, macht keinen Sinn", sagt er.

Zudem kenne er "keinen Experten, der eine solche Multifunktion professionell bewältigen könnte. Abgehobene Präsidenten über dem Boden der Tatsachen braucht man indessen nicht", so seine Einschätzung. Und dann geht es zurück in die Geschichte: "Nach der thüringischen Landesgründung von 1920, als aus selbstständigen Fürstentümern ein neuer Bundesstaat in Deutschland geschaffen wurde, bekam das Landesarchivwesen eine optimale Grundstruktur, indem die archivalischen Quellen in ihren historisch gewachsenen Kulturräumen verblieben und die Staatsarchive als sichtbarer Ausdruck einer traditionellen Geschichtslandschaft nahe an ihren Nutzern waren", so Wahl.

"Nach der Überwindung des zentralistischen Archivwesens der DDR, das seinen staatlichen Archivfonds anders verwaltete und zuletzt sogar bisherige Staatsarchive zu internen Struktureinheiten degradierte, wurde bei der Neugründung des Landes 1990 an die historischen Traditionen des thüringischen Archivwesens mit sechs Staatsarchiven wieder und erfolgreich angeknüpft. Nach fast einem Jahrhundert Existenz eines in Deutschland anerkannten Landesarchivwesens in Thüringen jetzt ohne Not fachfremd zu experimentieren, muss einfach Widerstand herausfordern", so der Staatsarchivdirektor a.D., dem zudem wichtig ist, auf eine Weimarer Besonderheit hinzuweisen. In der Kulturstadt, in der sich das heutige Thüringische Hauptstaatsarchiv seit 1547 befindet, "ist dieses Archiv die älteste selbstständige kulturelle Institution, älter als die hier vorhandenen Bibliotheken, Museen, Theater und Hochschulen. So etwas kann man nicht einfach wegdekretieren, ohne vor der Geschichte haftbar gemacht zu werden", erklärt Wahl.

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