Kunst braucht keinen Kunstverstand - Erfurter Kunsthalle zeigt Odermatt-Fotos

Erfurt.  Die Erfurter Ausstellung präsentiert „Arnold Odermatt – Polizist, Photograph, Schweizer“.

Eine ganze Reihe von Seilbahn-Motiven gehört zur Odermatt-Serie  „Feierabend“. Dieses stammt von 1993.

Eine ganze Reihe von Seilbahn-Motiven gehört zur Odermatt-Serie „Feierabend“. Dieses stammt von 1993.

Foto: Arnold Odermatt / Kunstmuseen Erfurt

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Ein VW Käfer liegt schief und verbeult im Wasser, wie zur Ruhe gebettet. Sein Fahrer, der mit dem Auto von der Straße abkam und im Vierwaldstättersee endete, ist verschwunden. Er hat den Unfall kaum überlebt. Hinter dem Wrack und vor wolkenverhangenen Bergen schwimmt ein Schwan, weiter hinten eine Autofähre. Links, am Ufer, ein Mensch mit Hund unter einer großen Trauerweide.

Dieses minutiös ins Licht und in den Schatten gesetzte und durchkomponierte Bild aus Buochs anno 1965 erzählt von der Zeit nach einem Ende, in der alles stehen geblieben scheint und sich doch spürbar veränderte. Dieses Bild, inzwischen eine Ikone der Fotografie, ist ein Kunstwerk. Sein Schöpfer aber verstand sich die längste Zeit seines Lebens durchaus nicht als Künstler. Erst im hohen Alter wurde er dazu gemacht; seitdem kokettiert er munter damit.

Arnold Odermatt, inzwischen 94 Jahre alt, war seit 1948 Polizist im abgeschiedenen Schweizer Kanton Nidwalden. Weil er nicht zeichnen konnte, überredete er seine Dienststelle zu tun, was heutzutage gang und gäbe ist: Unfallorte mit der Kamera zu dokumentieren.

Seit 2001 international mit Ausstellungen präsent

Fotografie wurde seine große Obsession, der er nicht nur immer und überall akribisch, sondern nahezu pedantisch folgte. Neben den Dienstbildern entstanden mit einer Rolleiflex immer auch private Varianten: „ungewöhnliche Motive in einer sonst sehr aufgeräumten Schweizer Landschaft“, so Daniel Blochwitz.

Der aus Ilmenau stammende und in der Schweiz lebende Kurator verantwortet in der Erfurter Kunsthalle jetzt seine zweite Odermatt-Ausstellung. Seit 2001 im Schweizer Pavillon der Biennale Venedig 32 Karambolage-Bilder des fotografierenden Polizisten hingen, gab es international viele solcher Ausstellungen. Mehrere große Bildbände gibt es auch.

Daran ist der Sohn schuld: Filmemacher Urs Odermatt, der ein schwieriges Verhältnis zum Vater hat. „Wir mögen uns beide nicht, auf Augenhöhe“, sagt er. Er floh einst vor dem Wehrdienst nach Deutschland und wurde steckbrieflich gesucht. Das war der große Bruch. Erst als Journalist und Fotograf begegnete er dem Vater wieder: weniger als Sohn denn als „Komplize“. Das Verhältnis war nun „nicht mehr privat“, wurde aber intim.

1993 drehte Urs Odermatt den Spielfilm „Wachtmeister Zumbühl“, in dem Michael Gwisdek gleichsam seinen Vater spielte. Im Zuge dessen durchforstete er das heute 60.000 Negative umfassende Archiv Arnold Odermatts. „Was willste denn mit dem alten Krempel“, soll der gefragt haben. Doch der Sohn sah mit professionellem Blick die künstlerische Bedeutung eines Werkes, das ein Autodidakt gänzlich ohne Einflüsse und Vorbilder schuf, „in einer geschlossenen Gesellschaft“. Ein Künstler ohne Kunstverstand.

Wenn überhaupt, verstünde sich der Vater als Künstler nur „in den Arbeiten, die wir nicht zeigen“, so Urs Odermatt. Das wären dann wohl Postkartenmotive mit Schönwetter-Landschaften. Der Vater sei stets harmoniesüchtig und konfliktscheu gewesen. Es ging ihm immer um Schönheit.

„Arnold Odermatt – Polizist, Photograph, Schweizer“ heißt die Ausstellung, die an diesem Samstag eröffnet wird. Die Schwarzweiß- und auch Farbbilder aus der Berliner Galerie Springer entstammen Werkgruppen, die Urs Odermatt zusammenstellte: neben „Karambolage“ heißen sie „Im Dienst“, „In zivil“ oder „Feierabend“. Arnold Odermatt knipste nicht, er fotografierte: jedes seiner Motive ein einziges Mal. Dafür brauchte er mitunter Stunden, bis jedes Detail stimmte. Mitunter blieb eine Straße, nach Unfällen, dann eben länger gesperrt.

Odermatts inszenierte Bilder erzählen Geschichten

Die Bilder sind allesamt Inszenierungen der Wirklichkeit und gehen über sie hinaus. Sie erzählen Geschichten, um die es dem Autor gar nicht zu tun war. Ihm ging es um Licht und Linien. Sein, gewiss auch untertreibendes, Credo: „Ein gutes Bild muss scharf sein.“ Das setzt aber, so zeigt die Ausstellung, einen geschärften Blick voraus.

Seinen allerersten Film zerrte er einst aus der Boxkamera, um zu sehen, ob schon was drauf war. Also war dann nichts mehr drauf; er war belichtet. Dem 91-Jährigen passierte das 2016 versehentlich noch einmal. Beide liegen jetzt in einer Vitrine und stehen für Anfang und Ende: aus dem Nichts gekommen und dorthin zurückgekehrt, so der Sohn.

Daneben lüftet Filmproduzentin Jasmin Morgan gleichsam den Vorhang zu Odermatts winziger, aber mit Geräten und Utensilien vollgestopfter Dunkelkammer: Sie hat sie in einer Installation rekonstruiert.

Die Ausstellung spielt schon im Titel, so Direktor Kai Uwe Schierz von den Erfurter Kunstmuseen, mit Klischees, die sich vor den Bildern überprüfen lassen. Und sie fragt nach den „Beiträgen genialer Autodidakten zur Fotografie des 20. Jahrhunderts“.

Sie blickt, in der Kunsthalle, aber auch auf unseren Begriff von Kunst. Sie kann offenbar ein Ergebnis sein, obwohl sie nie das Ziel gewesen ist.

Die Ausstellung wird am Samstag, 15. Februar, 18 Uhr, eröffnet. Zu sehen bis zum 26. April, Di-So 11-18 Uhr, Do 11-22 Uhr. Im Begleitprogramm präsentiert Urs Odermatt eine Filmreihe.

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