Kunsthaus Apolda entführt in die ungeheuerlichen Bildwelten Albrecht Dürers

Apolda.  Die 500 Jahre alten, sensiblen Blätter nur selten ins schummrige Licht der Öffentlichkeit. Umso spektakulärer gestaltet sich die Apoldaer Ausstellung.

„Die Melancholie“, 1514, Kupferstich von Albrecht Dürer, 24 x 18,8 Zentimeter.

„Die Melancholie“, 1514, Kupferstich von Albrecht Dürer, 24 x 18,8 Zentimeter.

Foto: Albrecht Dürer/© Stift Stams, Zisterzienserabtei

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Mit einer spektakulären Schau graphischer Werke von Albrecht Dürer eröffnet das Kunsthaus Apolda dieses Wochenende den Ausstellungsreigen der womöglich goldenen zwanziger Jahre. Unter den 118 Blättern versammeln sich viele der weltbekannten Hauptwerke, darunter etwa die Zyklen der drei großen Bücher: „Apokalypse“, „Marienleben“ und „Grosse Passion“. Sie bilden gut drei Viertel des Dürer-Bestands aus dem Tiroler Zisterzienser-Stift Stams – und sind exklusiv bis 13. April in der kleinen Kunsthochburg des Weimarer Landes zu sehen.

Denn aus konservatorischen Gründen rücken die 500 Jahre alten, sensiblen Blätter nur selten ins schummrige Licht der Öffentlichkeit – zumal in dieser famosen Fülle. Die ebenfalls beträchtliche Dürer-Sammlung der Klassik-Stiftung zum Beispiel wurde zuletzt vor fast 20, die Stamser vor zwölf Jahren gezeigt. Wie Kuratorin Susanne Flesche die Mönche für ihr Anliegen gewann, bleibt fast so rätselvoll wie die Umstände, unter denen dieses Kunst-Konvolut einst in die Abtei unweit Innsbrucks gelangte. So viel ist klar: Bei den allermeisten dieser originalgraphischen Blätter handelt es sich um Abzüge, die sicher in Dürers Werkstatt unter seiner Aufsicht entstanden.

Reise vom Paradies bis in die Apokalypse

Wir stehen und staunen, atemlos geradezu, vor diesen ungeheuerlichen Bildwelten. Hören im Geiste das Dröhnen und Malmen, unter dem die apokalyptischen Reiter alles irdisch-eitle Leben austilgen, finden nach diesem gefünfzehnteilten Höllensturz nach der Offenbarung Johanni etwas Trost und innere Einkehr in der guten, eigentlich bürgerlich-trauten Stube des Marienlebens oder kiebitzen ganz stiekum hinein in die Klause eines ebenso gottesfürchtigen wie naturkundlich versierten Gelehrten: „Der Heilige Hieronymus im Gehäuse“. Träumen uns milde ins Paradies und weiden uns an den vitruvisch proportionierten Menschlein Adam und Eva in ihrem Idyll, bewundern ehrfürchtig den mythischen Muskelprotz Samson, wie er den Löwen maulwärts aufreißt, und stürzen sogleich wieder in die vergrübelte Seelenschlucht unergründlicher Traurigkeit, die „Melencolia“. Was für eine Augenweide, was für ein Fest!

Da lohnt es, sich Zeit zu nehmen, um Details zu studieren. Wir bewundern die so eminente handwerkliche Delikatesse des genialen Meisters, seinen feinen, charakteristischen Strich, der unter der genretypischen Abstraktion erst recht Geltung gewinnt, den Bildaufbau, seine Lichtführung. Oft hat Flesche nach motivischen und entstehungsgeschichtlichen Kriterien Holzschnitte neben Kupferstiche gehängt, und jene wirken kaum gröber als diese. Albrecht Dürer revolutionierte zu Anbeginn des Buchdruckzeitalters auch die Techniken. Er gilt als „Erfinder“ des sogenannten graphischen Mitteltons, also der Kunst, mittels Kreuz- oder Parallelschraffuren Hell-Dunkel-Kontraste oder -Übergänge zu schaffen. Da gerät Susanne Flesche noch immer ins Schwärmen: „Dürer war so toll in der Technik. Einfach unglaublich!“

Die Plastizität und Lebendigkeit seiner Figuren springen den Betrachter schier an, und fasziniert saugen wir ihre Geschichten, die sich so unmittelbar mitteilen, in uns auf. Dürer kreierte fast ausnahmslos Individuen – als wäre er der erste Mensch der Renaissance. Natürlich war er ein Kind seiner Epoche, die wir heute leichtfertig nach ihm benennen: einer Sattelzeit zwischen Mittelalter und Aufbruch ins Neue, zu kolumbischer, magellanischer Welt-Entdeckung, zu technisch revolutionären Entwicklungen wie dem Nürnberger Ei oder Gutenbergs Buchdruck und zu erstarkender Bürgerlichkeit in den durch Handel prosperierenden Städten.

Jedes Genie hat seine eigenen, unerklärlichen Gründe

Dadurch lässt sich manches erklären: etwa Dürers Sinn fürs Plastische und seine handwerkliche Kompetenz, geschult in der Goldschmiede des Vaters und der Malwerkstatt Michael Wohlgemuts in seiner Heimatstadt Nürnberg. Oder sein merkantiles Gespür, dass er unter den wohlhabenden Bürgern der Stadt – und weit darüber hinaus – Abnehmer fände für exquisite, Identifikation stiftende Bildwerke mittels des neuartigen und erschwinglichen Mediums. Oder sein kritischer, philosophisch geschulter Geist, der sich mit Luthers Schriften auseinander zu setzen wusste. Nur lässt Dürers Genie sich dennoch nicht als Koinzidenz glücklicher Umstände erklären.

Dieser Kerl ist nach einem anderen Gesetz angetreten. Er schuf, wie Flesche aufzählt, das erste Aktbild nach lebendem Modell, das erste Tier- und das erste Blumenstillleben. Und das erste typografische Logo, das allezeit modern ist und bleibt, sein „AD“ als das Markenzeichen für seine Werkstatt. Einen wie Dürer erfasst niemand von uns in seiner Gänze. So ist unstrittig eindeutig, dass einer, der von 1471 bis 1528 gelebt hat, Avantgardist war und ist und das kleine Kunsthaus Apolda durch seine Anwesenheit adelt. Dürer war so prägend für unsere westliche Hemisphäre, dass, wer gar nichts von ihm weiß und kennt, wohl nicht im Abendland gelebt haben kann. Oder sich einen Ignoranten schimpfen lassen muss. – Also auf nach Apolda!

12. Januar bis 13. April, Di – So 10-17 Uhr. www.kunsthausapolda.de

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