Kunstpause: Dialog mit der Urenkelin (15)

Frank Quilitzsch
Frank Quilitzsch.

Frank Quilitzsch.

Foto: Andreas Wetzel

Frank Quilitzsch über Kohle, die mal Gold war.

Filipas Antwort aus ferner Zukunft hat mich hart getroffen. Ich verstehe ihre Wut, denn wir tun ja nicht mal das Nötigste. Doch frage ich mich zugleich, was meine 2057 geborene Urenkelin über unser Leben weiß.

„Liebe Filipa, wir werden euch, wenngleich sehr spät, eine saubere und nachhaltige Energieversorgung überlassen, ein Netz von Solaranlagen, Windparks und – da gibt‘s noch Gegenwehr – sicheren Kernkraftwerken. Das ist meine Hoffnung. Aber Hitzewellen, Gletscherabbrüche, Überschwemmungen, Dürren, Klimaflüchtlinge – all das haben wir, Kinder des fossilen Zeitalters, euch eingebrockt. Wir könnten die Folgen mildern, wenn wir radikal unser Leben änderten. Dazu fehlt derzeit die Bereitschaft. Aber weißt Du überhaupt, wie wichtig die Kohle einst für uns war? Du drehst deine Fußbodenheizung an und hast es im Winter warm, Filipa. Mein Großvater musste die Zimmer mit Holz und Briketts beheizen. Gekocht hat Großmutter auf dem Kohlenherd. Zur Hochzeit meiner Eltern haben sie eine Kiepe Koks mitgenommen, um den Kneipensaal warm zu bekommen. Ja, war klimaschädlich und ungesund wegen der Rauchgase. Doch es half uns zu überleben. Fast die gesamte Industrie wurde mit Kohle gefüttert. Großvater hat mir stolz die Schaufelradbagger gezeigt, die die Erde aufrissen, um an das schwarze Gold zu gelangen. Nur unser Dorf wegbaggern durften sie nicht. Die fossilen Brennstoffe, auch Erdgas und Öl, garantierten den Fortschritt. Leider haben wir zu lange an ihnen festgehalten. Dies nicht als Entschuldigung, nur zur Erklärung. Dein Urgroßvater.“

  • Frank Quilitzsch: Alter, du wirst abgehängt. Die besten Kolumnen, Klartext-Verlag, Essen, 176 S., 16,95 Euro