1000 Briefe des Geraer Malers Otto Dix veröffentlicht

Ulrike Lorenz, Direktorin der Kunsthalle Mannheim, hat erstmals an die 1000 Briefe des aus Gera stammenden Künstlers Otto Dix in einem Buch veröffentlicht - eine Sensation. Annerose Kirchner sprach mit der exzellenten Dix-Kennerin.

Interviewerin Annerose Kirchner mit dem Band der Dix-Briefe am Ort, wo alles begann. Otto Dix, einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts wurde 1891 in dem Haus geboren, das heute das Geraer Otto-Dix-Museum beherbergt.Foto: Martin Gerlach

Interviewerin Annerose Kirchner mit dem Band der Dix-Briefe am Ort, wo alles begann. Otto Dix, einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts wurde 1891 in dem Haus geboren, das heute das Geraer Otto-Dix-Museum beherbergt.Foto: Martin Gerlach

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Seit 2009 ist Ulrike Lorenz Direktorin der Kunsthalle Mannheim. Davor leitete sie das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg.

Bis 2004 war sie fast 13 Jahre in Gera Chefin der dortigen Kunstsammlung und des Otto-Dix-Hauses. Seit 2003 hatte sie zusätzlich auch die Leitung des Stadtmuseums inne. Sie gestaltete zahlreiche Ausstellungen und veröffentlichte Publikationen zur Architektur und Kunst der klassischen Moderne, besonders zu Otto Dix, zum Bauhaus und zur Künstlergruppe "Brücke". Jetzt hat die exzellente Dix-Kennerin den Band "Otto Dix. Briefe" im renommierten Wienand Verlag Köln herausgegeben.

Otto Dix hat als Maler, Zeichner und Grafiker ein bedeutendes künstlerisches Werk geschaffen. Im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Klee oder Beckmann hinterließ er keine Selbstzeugnisse oder gab Bekenntnisse ab. Er empfahl stattdessen die Betrachtung seiner Kunst: "Wer Augen hat zum Sehen, der sehe!"

Tatsächlich: Otto Dix ist ein Maler ohne Manifeste. Und das ist im 20. Jahrhundert sehr erstaunlich. Haben sich viele moderne Künstler ihre Erfolge in der Öffentlichkeit doch auch mit der Feder und nicht allein mit Pinsel und Palette erstritten. Dix aber hat sich zeitlebens nur äußerst selten und wenn überhaupt, dann spürbar unwillig, quasi mit zusammengebissenen Zähnen, über seine Kunst und ihre Beweggründe, seine Ideen und In­spirationen geäußert. Er hat weder Tagebuch geführt, noch Aufsätze geschrieben. Wenige Interviews sind in verstreuten Tageszeitungen der 1950er und 1960er Jahre veröffentlicht. So ist diese erste umfassende Publikation der zum größten Teil bislang unveröffentlichten Korrespondenzen eine wirkliche Sensation.

Umso erstaunlicher ist die Vielfalt seiner Korrespondenz. Wieviele Briefe haben Sie ausgewählt und welcher Brief hat Sie am meisten bewegt?

Die sorgfältige Auswahl und Kommentierung der zirka tausend Briefe hat die Kunsthistorikerin Gudrun Schmidt übernommen. Dix‘ Briefe an seine Familien, an Künstlerfreunde und Kunsthändler, Sammler, Galerien und Museen ermöglichen ungewöhnliche Einblicke in den Alltag des Malers, der sich seinen Aufstieg in der deutschen Kunstszene hart erkämpfen und auch in schwierigen Zeiten für eine fünfköpfige Familie sorgen musste. Der Leser kommt aber auch den persönlichen Begegnungen von Dix mit wichtigen Zeitgenossen und seinen Überlegungen zu künstlerischen Problemen auf die Spur. Die für mich überraschendsten Briefe sind die frühen Episteln an seine Geliebte und spätere Ehefrau Martha, genannt Mutzli. Einen solchen zärtlichen Überschwang, eine derartige verheißungssüchtige Ungeduld habe ich meinem langjährigen Forschungsprojekt Dix nicht zugetraut.

Es handelt sich um Briefe aus einem Jahrhundert der Extreme, angefangen von der Kindheit in Gera, über die traumatischen Kriegserfahrungen in zwei Weltkriegen, die schwierige Existenz nach 1945 bis zu späten Ehrungen in der DDR und BRD. Muss man sämtliche Briefe in dem tausend Seiten dicken Band lesen, um sich ein Bild von diesem Künstler machen zu können?

Nein, ganz bestimmt nicht. Das schön gestaltete, reich illustrierte Buch ist ja gerade deswegen auch für einen breiten Leserkreis so anziehend, weil die mehr oder weniger kurzen Briefe Dix‘ kantige Persönlichkeit wie in einem bunten Mosaikspiegel aufleuchten lassen. Man blättert das Buch an einer Stelle auf, liest hinein und liest sich fest, sucht vielleicht nach bestimmten Briefpartnern oder Themen und fällt sozusagen mit Vergnügen mitten hinein in ein pralles Künstlerschicksal. Man kann das Buch immer wieder neu zur Hand nehmen. Vieles erschließt sich menschlich, historisch und künstlerisch unmittelbar und ist keineswegs nur für Fachspezialisten interessant.

Otto Dix hat den Kontakt zu seinen Angehörigen in Gera nie abgebrochen. Darüber hinaus ist der Kreis der Briefempfänger riesig...

Ja, den Arbeitersohn aus Gera zeichnet eine quasi proletarische Treue zu seinen Eltern aus, das ist herzergreifend. Er lässt den Kontakt auch dann nicht abbrechen, als er - seinem Lebensplan gemäß - in den 1920er Jahren "berühmt-berüchtigt" wird, das heißt in der deutschen, aber auch internationalen Kunstszene zu einem Star der jüngeren Generation aufsteigt. Und als solcher hat er natürlich sehr vielfältige Kontakte, ist auf Netzwerke mit Händlern, Sammlern, Museumsdirektoren und Kunsthistorikern angewiesen, pflegt Freundschaften zu Künstlerkollegen, ärgert sich über Zeitgenossen und Institutionen. Doch die umfangreichste und innigste jahrzehntelange Korrespondenz betrifft natürlich seine eigene Familie mit Mutzli und den drei heranwachsenden Kindern Nelly, Ursus und Jan.

Fanden Sie in diesen Dokumenten neue Aspekte über die Stadt Gera?

Über Gera nicht, denn diese prägende Beziehung zu seiner Heimat habe ich in verschiedenen großen Publikationen noch in meiner Direktionszeit an der Kunstsammlung Gera umfassend auf- und abgearbeitet. Zu nennen ist etwa der Bestandskatalog der Geraer Dix-Sammlung oder die Ausstellungspublikation zum Jugend- und Frühwerk "Dix avant Dix". Doch interessante Aspekte ergeben sich in den späten Korrespondenzen, die sein Verhalten und seine Verhältnisse in der DDR während der jährlichen Arbeitsaufenthalte in seiner geliebten Wahlheimat Dresden betreffen. Dix hat sich an den SED- und Kultur-Funktionären der DDR gerieben. Er hat sich immer gesträubt, die politischen Ansprüche an ihn, der aus dem Westen zu Besuch kam und zum Aushängeschild der DDR-Kulturpolitik gemacht werden sollte, zu erfüllen. Dix hat aber andererseits durchaus zum Beispiel die Friedensbemühungen der DDR anerkannt und er hat seine persönlichen Verbindungen nach Dresden und Gera nie erlahmen lassen.

Warum ist es wichtig, diese Briefe zu veröffentlichen? Welche Bedeutung haben diese Briefe heute?

Die Briefe vervollständigen, vertiefen und differenzieren unsere Sicht auf Dix als Mensch und Maler. Sie sind eminent wichtiger Bestandteil seines Lebens und auch seines Werks. Nicht wenige Briefe hat Dix als liebevoller Vater für seine Kinder und gelegentlich auch für Freunde illustriert. Aus einigen Korrespondenzen, etwa mit dem Künstlerfreund Ernst Bursche in Dresden, erwachsen wertvolle Erkenntnisse zum Entstehungsprozess von Bildern, zu maltechnischen oder stilistischen Überlegungen. Und ohne Zweifel kann eine solche Brief-Edition ein größeres Publikum erreichen als manche Fachpublikation. Denn sie ermöglicht einen authentischen spannenden Blick hinter die Lebens- und Schaffenskulissen eines der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts.

"Otto Dix Briefe". Hg. Ulrike Lorenz. Bearb. Gudrun Schmidt. Wienand Verlag Köln. 1024 S. 287 s/w Abb., 49,80 Euro Kunsthalle Mannheim: Ausstellung "Dix/Beckmann: Mythos Welt" bis 23. März

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