Buchrezension: Blackout - Nichts geht mehr

Was Marc Elsberg als Fiktion beschwört, kann jederzeit Wirklichkeit werden: Zusammenbruch der Stromversorgung in Europa.

Marc Elsberg beschwört in einem fesselnden Katastrophenthriller den "Blackout" Foto: Clemens Lechner

Foto: zgt

  • Taschenlampe mit Handkurbel kaufen
  • 1000-Liter-Wassertank im Keller deponieren
  • Vorrat Mineralwasser und Medikamente anlegen
  • Kartoffeln einkellern

Vielleicht ist das doch keine gute Idee, denn wie kocht man Kartoffeln, wenn der Elektroherd kalt bleibt? Womit könnte man sich sonst noch für den Ernstfall bevorraten? Denn was Marc Elsberg als Fiktion beschwört, kann jederzeit Wirklichkeit werden: In Europa bricht die Stromversorgung zusammen. So heißt auch der Roman des Wiener Kolumnisten und Kreativdirektors für Werbung Elsberg wie das, was er beschreibt: "Blackout". Es ist Winter und die Lichter gehen aus. Was die Netzbetreiber erst für einen ärgerlichen lokalen Zwischenfall halten, wächst sich schnell zur gesamteuropäischen Katastrophe aus. Nacheinander schalten sich alle Kraftwerke ab und die Männer in den Schaltzentralen finden den Fehler nicht.

Der Blackout erwischt den altgedienten Hacker und ehemaligen Globalisierungsgegner Piero Manzano auf der Heimfahrt. In Mailand sind gerade die Ampeln ausgefallen. Manzano wird in einen schweren Auffahrunfall verwickelt und leicht verletzt. Er muss zu Fuß nach Hause laufen, wo er dann mit seinem Nachbarn im Dunkeln sitzt und Wein trinkt. Die Wasserversorgung funktioniert bereits nicht mehr. Nicht dass die beiden Männer hätten Wasser trinken wollen, das Problem ist vorerst die Klospülung...

Zeitgleich versuchen europaweit Kraftwerker, die Stromversorgung wieder hochzufahren. Das gelingt immer nur kurzzeitig. Übers Internet erfährt Manzano, der Blackout begann in Italien und Schweden. Das bringt ihn auf die Idee, den SmartMeter in seinem Keller noch einmal unter die Lupe zu nehmen. SmartMeter sind intelligente Stromzähler, die alle Daten elektronisch übertragen. (In Deutschland sind sie seit 2010 bei Neubauten und Totalsanierung Pflicht.) Was Manzano in seinem SmartMeter entdeckt, sollten sofort die zuständigen Behörden erfahren. Die Mailänder Polizei hält Manzano allerdings nur für einen von vielen Verschwörungstheoretikern, die ihr zu allem Überfluss die Bude einrennen. Doch der Mann ist wild entschlossen, die Computerspezialisten von Europol im fernen Den Haag auf die richtige Spur zu bringen.

Schnell macht der Roman klar, nur ein Aufrechter kann Europa retten: Piero Manzano, Mittvierziger, ledig, als Hacker so begnadet wie Lizbeth Salander und vor allem: ein grundanständiger Kerl. Das erkennt auch Shannon, eine ehrgeizige amerikanische Internetjournalistin sofort. Elsberg stellt sie dem Helden zur Seite, damit der jemanden hat, der es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt, dafür praktisch genug veranlagt ist, alles zu beschaffen, was man unter diesen Umständen für eine Fahrt quer durch das strom- und benzinlos, kalte Europa braucht. Shannon ist auch immer in letzter Minute zur Stelle, um Manzano vor dem Zugriff der Behörden zu retten, die ihn inzwischen für den Terroristen halten, der den Blackout ausgelöst hat.

Wenn der Leser Shannon und Manzano auf ihrer Irrfahrt begleitet, lernt er die zunehmend verzweifelnden Katastrophenmanager kennen und erlebt, wie der zivilisatorische Kitt von Tag zu Tag mehr und mehr aus den Fugen bröselt. Bedrückend realistisch entwirft Elsberg das Panorama eines sich auflösenden Gemeinwesens. Nicht nur Lampen, Fernseher und Computer, alles, wirklich alles, beruht auf einer reibungslose Versorgung mit Elektrizität: Pumpen und Scannerkassen, Geldautomaten und Zapfsäulen, Kühl- und Treibhäuser... Laptops und Handys schweigen still, wenn ihre Akkus nicht aufgeladen werden, und auch Notstromaggregate funktionieren nur solange, wie der Kraftstoff reicht. Auch die, die für die Kühlung der Brennstäbe in abgeschalteten Kernkraftwerken zuständig sind, wie wir seit Fukushima wissen.

In "Blackout" sind es durchgeknallte Weltverbesserer, die die Netze lahmlegen. Doch dem Leser wird klar, wie leicht seine schöne neue Welt aus dem Gleichgewicht geraten kann. Immer, wenn er meint, eine Lücke in Elsbergs Katastrophenszenario entdeckt zu haben, eine kleine Möglichkeit, wie man den Blackoutfall vielleicht doch einigermaßen überstehen könnte, wird er eines Besseren belehrt.

Es sei denn, jeder hätte genug Vorräte und ein eigenes kleines Kraftwerk im Keller... Bis dahin bleibt nur, den Stromzähler im Auge behalten.

Marc Elsberg: "Blackout – Morgen ist es zu spät", Blanvalet. 800 S., 19,99 Euro

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