Michael Rauhut präsentiert in Löhma "Kundenbuch" über DDR-Bluesszene

Kurz vor 21 Uhr am Mittwochabend im Kunstverein Löhma: Autor Michael Rauhut hatte spätestens jetzt die Lacher auf seiner Seite. Denn er erinnerte an Vorgänge, die sich Ende der 1970-er Jahre in Tanna zutrugen und in sein Kundenbuch integriert wurden.

Peter Reif-Spirek (links) von der Landeszentrale für politische Bildung und Autor Michael Rauhut vor dem alten Pfarrhaus von Löhma, wo Klaus Renft seine letzten Lebensjahre verbrachte. Foto: Roland Barwinsky

Peter Reif-Spirek (links) von der Landeszentrale für politische Bildung und Autor Michael Rauhut vor dem alten Pfarrhaus von Löhma, wo Klaus Renft seine letzten Lebensjahre verbrachte. Foto: Roland Barwinsky

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Löhma. Nach einem Gastspiel der Milieuband Monokel kam in der Stadt angeblich das "saubere Jugendleben" abhanden. An einem Diskussionstisch wollten der überforderte stellvertretende SED-Bürgermeister, Offiziere der Volkspolizei und ein Funktionär der FDJ-Kreisleitung Schleiz den Veranstaltern erklären, was niveauvoller Jugendtanz bedeutet. Damit meinten sie keineswegs die Vorgänge rund um die Blueskonzerte in der örtlichen Turnhalle. Wo ganze Horden gezogen kommen und in den Gärten stehlen. Wo Scheunen zum "Gruppensex" genutzt werden. Und wo rund 200 Langhaarige herumlungerten und gegenüber den Häschern des Systems erklärten, "sie wären zum Assi-Treff gekommen."

Zu dieser Zeit hatte sich in der biederen DDR die Blues- und Trampszene längst subkulturell etabliert. Thüringen erwies sich dabei als Hochburg. Rauhut wanderte in Löhma gedanklich auf den kulturgeschichtlichen Spuren dieser Aussteiger, die ihr Anderssein durch bizarre Äußerlichkeiten zeigten und für die Individualität sowie Eigensinn weit mehr bedeuteten, als Kollektiv und Anpassung. Dadurch stand fest, dass der sozialistische Staat mit ihnen nichts anfangen konnte. Angetrieben von dem "Narkotikum" Blues suchten die Leute, die sich selbst "Kunden" nannten, konsequent ihren eigenen Standort fernab der verlogenen staatlichen Propaganda.

Der Professor für populäre Musik ging auf die Anfänge der Jugendbewegung ein. Er erinnerte an den Charme diverser Dorfsäle für diese Klientel, wo man sich gehen lassen konnte. Freiheit bedeutete im Arbeiter-und Bauernstaat auch, einfach einmal spontan los zu trampen. Der Hippie – Ausgabe Ost – eroberte sich mehr und mehr den öffentlichen Raum. Wichtige Volksfeste, wie das Schleizer Dreieckrennen oder der Wasunger Karneval, wurden zu beliebten Treffs und genossen in der Szene bald Kultstatus.

Informationen erhielt Musikprofessor Michael Rauhut, der während seiner Pennezeit in der Lausitz selbst "Kunde" war, aus Stasiarchiven.

Peter Reif-Spirek, stellvertretender Leiter der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung, erklärte, dass diese Veröffentlichung zu den erfolgreichsten seiner Institution überhaupt gehört. Bereits die fünfte Auflage ist erschienen.

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