"Man muss die Pause aushalten"

Jena.  Jonas Zipf veröffentlicht seine Jenaer Corona-Gespräche aus dem Frühjahr und Sommer 2020.

Corona hat Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur, mitten in Vorgesprächen und Verhandlungen zur finanziellen Ausstattung der Jenaer Kultur erwischt. Aus der Krise entstanden die Gedanken um eine Welt in der Krise, die der Theatermann in seinem Buch niedergeschrieben hat.

Corona hat Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur, mitten in Vorgesprächen und Verhandlungen zur finanziellen Ausstattung der Jenaer Kultur erwischt. Aus der Krise entstanden die Gedanken um eine Welt in der Krise, die der Theatermann in seinem Buch niedergeschrieben hat.

Foto: Jenakultur

Volkhard Knigge spricht über Psychoanalyse. Sie sei immer wieder missverstanden worden, erklärt der Historiker seinem Gesprächspartner Jonas Zipf, der das Thema aufbrachte: "als Glücksversprechung im Sinne von absoluter Heilung, Erlösung, Befreiung". Dabei heile Psychoanalyse nicht. Sie sei "herausforderndes selbstreflexiv-verstehendes Durcharbeiten von lebensgeschichtlich und auch kulturell zugewachsener Entfremdung".

Mit Knigge, soeben als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora verabschiedet, führt Zipf Ende August das sechste und letzte seiner Jenaer Corona-Gespräche, aber das erste von Angesicht zu Angesicht.

Und was Knigge hier über Psychoanalyse sagt - und im weiteren Verlauf über den Unterschied zwischen bloßem Erinnern "als narzisstischer Selbstumkreisung" und kritischem Geschichtsbewusstsein - kann auch für dieses Nachdenken über die und in der Corona-Krise insgesamt gelten.

Der Dramaturg Jonas Zipf, Chef von Jena-Kultur, legt sich mit seinen Gesprächspartnern meist am Telefon gleichsam stellvertretend auf die Couch. Dort findet, in einer Form aktiven Nichtstuns, exemplarisch statt, was Thomas Oberender, aus Jena stammender Intendant der Berliner Festspiele, "Generalaussprache einer ganzen Gesellschaft" nennt.

Sie beginnt mit einem "virtuellen Osterspaziergang", zu dem sich Zipf am 2. April mit dem "Resonanz"-Soziologen Hartmut Rosa vor dem Computer verabredet, knapp drei Wochen nach dem ersten kollektiven Herunterfahren. Dies sei, sagt Rosa, "ein Moment von Zwangsentschleunigung". Er erblickt darin "das utopische Potential." Die Wachstumsgesellschaft mache die Erfahrung, "wir können das innerhalb weniger Tage anhalten, und zwar politisch." Vom Preis, den wir dafür zahlen, ist noch keine Rede.

"Wir wurden gezwungen", übersetzt das Jonas Zipf im Vorwort mit Co-Herausgeberin Birgit Liebold, "von Jetzt auf Gleich aus dem Hamsterrad unserer Umtriebigkeit auszusteigen (...) Dann, ganz langsam lernten wir, was wir schon beinahe komplett verlernt hatten, nämlich einfach mal inne zu halten." Und so heißt dieses Buch: "Inne halten. Chronik einer Krise".

Oberender nennt es, am 20. April, "die Pause aushalten." Und Jonas Zipf bestätigt: "Man muss die Pause aushalten." Das klingt gut und gelingt schlecht. Selbst Kunst und Kultur steigen weniger aus dem Hamsterrad aus als vielmehr auf jenes um, das im Internet rotiert: "Als müsse man die eigene Bedeutung, die eigene Relevanz, unter Beweis stellen", so Zipfs Kulturkritik.

Überhaupt erlebt er eine "sehr selbst-referenzielle Diskussion, ob wir als Kulturschaffende systemrelevant sind oder nicht." Da gefällt ihm, dass Bernhard Maaz, ebenfalls aus Jena stammender Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, von Sozialrelevanz spricht. Eine der größten Aufgaben sei derzeit: "Die Erläuterung der Notwendigkeit des Museums, des Theaters, des Konzertsaals, der Plattformen unserer Arbeit!"

Derweil trifft das Nachdenken über das utopische Potenzial der Krise auf harte Realitäten, nicht nur, wenn Familienvater Zipf vom Nachwuchs aus dem Gespräch gerissen wird. Es geht an die Existenzen. Thomas Oberender sieht die Zeit fürs bedingungslose Grundeinkommen gekommen.

Soziologe Stephan Lessenich will es nicht ohne Debatte über Produktionsverhältnisse - und auch nicht ohne "bedingungslose Grundzeit" zum Nachdenken und Austauschen, durch "radikale Arbeitszeitverkürzungen."

Es geht in den Dialogen, die bisweilen eher die Summe langer Monologe sind, oft um den Widerspruch zwischen Gemeinschaft und individuellen Freiheitsrechten. "Wir haben doch gerade gelernt, wie sehr wir auf Gegenseitigkeit angewiesen sind", sagt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann.

Der Soziologe Klaus Dörre hingegen befürchtet in einem Aufsatz "massive Entsolidarisierungen". Die Zeit auf der Couch, mag das heißen, ist wichtig. Aber irgendwann müssen wir auch wieder aufstehen.

Jonas Zipf und Birgit Liebold: Inne halten: Chronik einer Krise, Verlag Theater der Zeit, Berlin,158 Seiten, 18 Euro