Mielkes Büro und Saalfelder Spitzel: Neue Stasi-Ausstellung in Berlin

Manfred R. hat beide Arme erhoben und legt sie auf die Schultern von Andreas F. und Ute H. Es ist das Jahr 1983 und die beiden heiraten in Jena. Für ein gemeinsames Foto quetscht sich R. zwischen die beiden, die enge Freunde von ihm sind.

Der gebürtige Erfurter Jörg Drieselmann leitet die Forschungs- und Gedenkstätte Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg. Nach dem Fall der Mauer kümmerte sich sein Verein um den Erhalt der Büroräume in der Stasi-Zentrale. Zum Mobiliar zählt auch der Schreibtisch von Erich Mielke (Bildhintergrund). Foto: Christian Voigt

Der gebürtige Erfurter Jörg Drieselmann leitet die Forschungs- und Gedenkstätte Stasimuseum in Berlin-Lichtenberg. Nach dem Fall der Mauer kümmerte sich sein Verein um den Erhalt der Büroräume in der Stasi-Zentrale. Zum Mobiliar zählt auch der Schreibtisch von Erich Mielke (Bildhintergrund). Foto: Christian Voigt

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Berlin/Saalfeld/Jena/Erfurt. Was das Hochzeitspaar nicht weiß: R. spioniert sie aus, ist beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) angeheuert und fertigt als IM "Raffelt" Berichte über die beiden an.

Es ist nur eine Szene aus einer großen Fotowand, die in einem dunklen Raum unter der Überschrift "Stasi überall?" zeigt, wie weit das Spionagesystem vorgedrungen ist. Dort werden die Namen der Beteiligten in Gänze genannt. Schnell wird deutlich: Jeder konnte betroffen sein. Zu sehen ist die Fotowand als Teil der neuen Ausstellung "Staatssicherheit in der SED-Diktatur" im Stasi-Museum in Berlin-Lichtenberg, dem damaligen Sitz des Ministeriums.

Mitverantwortlich für die Ausstellung ist Jörg Drieselmann. Der gebürtige Erfurter und DDR-Bürgerrechtler ist seit 1992 Leiter der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße. Seit 25 Jahren betreibt Drieselmann mit dem Verein "Antistalinistische Aktion Berlin Normannenstraße" (Astak) das Haus 1 der Stasizentrale als Museum, jenes Haus, von dem aus die Sozialistische Einheitspartei SED durch Minister Erich Mielke die DDR-Bevölkerung unter anderen durch 189.000 Inoffizielle Mitarbeiter flächendeckend bespitzeln ließ. Aber nicht nur IM spielen eine Rolle. Drieselmann lenkt den Blick in der Ausstellung auch auf sogenannte "Auskunftspersonen". Menschen, die den SED-Staat unwissentlich durch ihre Gesprächsbereitschaft stützten.

Verein gründete sich aus DDR-Bürgerrechtlern

Der zentrale Runde Tisch hatte am 22. Januar 1990 beschlossen, in der Berliner Stasizentrale eine Gedenkstätte einzurichten. "Passiert ist aber leider nichts", sagt Drieselmann. Der Verein Astak gründete sich anschließend aus Mitgliedern des Berliner Bürgerkomitees, Aktivisten und Interessierten. "Wir haben bereits eine Woche nach der Besetzung des Hauses damit begonnen, Dinge zu sichern und Sachen zusammenzutragen." Das war nach dem 15. Januar 1990, als DDR-Bürger das Haus in Berlin-Lichtenberg besetzten, um die von der Staatssicherheit angelegten Akten zu retten, die nach dem Fall der Mauer vernichtet werden sollten. Mehr als 100 Kilometer Akten konnten so vor der Vernichtung bewahrt werden, über die heute der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen wacht.

Berlin sei in der glücklichen Situation, dass sich vor 25 Jahren Leute aus dem West- und dem Ostteil der Stadt zusammengefunden haben. "Es kamen Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven hierher, das tat und tut der Arbeit sehr gut." Drieselmann selbst stieß damals aus Westberlin zum Verein, nachdem er in der DDR zunächst inhaftiert und anschließend von der Bundesrepublik freigekauft worden war.

Seit 1990 baute er im Haus 1 in der Normannenstraße verschiedene Ausstellungen mit auf. "Wir haben vieles probiert, aufgebaut, wieder abgerissen und neugemacht. Es waren auch 25 Jahre, die von verschiedenen Konflikten begleitet waren", sagt der mittlerweile 59-Jährige. Die neue Dauerausstellung, die vor einer Woche unter großem Besucherandrang eröffnet wurde, ist das neueste Stück. Zusammen mit der Stasiunterlagenbehörde habe der Verein vieles probiert. "Wir hatten den Anspruch über das hinauszugehen, was bisher in Ausstellungen produziert worden ist", sagt Drieselmann. Es werde eben schnell langweilig, immer dasselbe zu sehen.

Neben der Fotowand, die die Täter thematisiert, ist der Höhepunkt wohl auf der zweiten Etage zu finden. Die sogenannte Mielke-Etage zeigt die Büro- und Rückzugsräume der Ministeriumsführung. Nahezu unberührt stehen hier noch Mielkes Schreibtisch und seine Couch, auf der er sich ausruhte. Auch die Wandverkleidung und Gardinen sind erhalten geblieben und versetzen den Besucher mit ihrem orange-braunen, muffig wirkenden Farbton gut und gerne 30 Jahre zurück. Definitiv ein Anziehungspunkt, sagt Drieselmann. "In Mielkes Büro zu stehen, 25 Jahre nach dem Mauerfall, das gilt als cool und befriedigt auch manchen."

Der Verein und die Unterlagenbehörde hätten derweil versucht, beim Blick auf den Staatssicherheitsdienst eine andere Perspektive einzunehmen, sagt Drieselmann. "Wir wollten nicht mit dem Holzhammer draufhauen, sondern die Institution ernst nehmen." Der Begriff Stasi tauche zum Beispiel maximal drei Mal auf, da es eine gewertete Bezeichnung sei. Der Besucher würde sich schließlich seine eigene Meinung bilden. Auf der Mielke-Etage fänden sich deshalb auch keine großen Hinweistafeln oder Bilder an den Wänden. Allein das original erhaltene Mobiliar soll wirken.

Das habe durchaus seinen Sinn, sagt der Museumschef. Natürlich verstehe er es, "wenn die Menschen getrieben vom revolutionären Elan die Symbole der gestürzten Macht beseitigen wollen". Die Menschen seien aber auch multimediale Wesen, die die Dinge mit allen Sinnen erfassen, sie riechen, anfassen und mit eigenen Augen sehen wollen. Der Finger muss in die Wunde gelegt werden", sagt Drieselmann. Um das dem heutigen Besucher zu gewährleisten, hätten er und die Vereinsmitglieder sich damals wie die Löwen davor gelegt und keinen Quadratzentimeter preisgegeben.

Den Finger in die Wunde legen, das gelte auch bei den sogenannten Auskunftspersonen. Sie seien klar von den Inoffiziellen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit zu unterscheiden, sagt der gebürtige Erfurter. Auf der dritten Etage rücken diese unter der Überschrift "Mit allen Kräften" in den Mittelpunkt. Denn das war es: Jeder konnte eine Auskunftsperson für die Stasi sein, und das vollkommen unbewusst.

Die Forschung ist an dieser Stelle derweil noch nicht sehr weit. Während die Zahl an Inoffiziellen Mitarbeitern beziffert werden kann, ist das für die Auskunftspersonen kaum möglich. Der Berliner Politologe Helmut Müller-Enbergs untersuchte das Phänomen am Beispiel von Saalfeld. Warum gerade diese Stadt in den Blick geriet, kann Drieselmann nicht sagen. Klar ist aber: Neben Saalfeld ist nur Rostock unter die Lupe genommen worden. Auskunftspersonen des MfS, das sind Müller-Enbergs zufolge jene Bürger, die bereit waren, auf Nachfrage Informationen über ihr Wohnumfeld zu geben.

Die Stasi bedient sich bei der Volkspolizei

Das System der Auskunftspersonen entstand in den sechziger Jahren derweil eher zufällig. Die Volkspolizei der DDR verfügte über Abschnittsbevollmächtigte, die in ihrem Bereich unterwegs und jedem bekannt waren. "Irgendwann haben die Abschnittsbevollmächtigten damit begonnen, sich Notizen zu machen", sagt Drieselmann. Die Notizen umfassten zunächst die Namen der Anwohner, mit denen sie häufig sprachen. Das ging relativ problemlos, sagt Drieselmann. "Da wurde aufgeschrieben, dass es mit dem Schmidt zum Beispiel immer super läuft. Wenn ich den etwas frage, antwortet er mir immer." Dieses Prinzip wächst und wächst und wächst, das Karteikartensystem wird immer umfangreicher.

"Irgendwann merkt dann das MfS: Wow, bei der Volkspolizei haben wir Ressourcen, die Gold wert sind", sagt der Museumschef. Es sollte nicht lang dauern, bis sich das Ministerium die Karteikarten einverleibte - und das System fortführte. Auf den Karten fanden sich folglich Ort, Straße, Name, Hausnummer. Angelegt wurde eine Karteikarte zum Beispiel mit dem Vermerk "Schmidt, Goethestraße 37, antwortet offen und ehrlich, gibt gute Auskünfte". In der Bezirksverwaltung in Gera saß dann ein hauptamtlicher Mitarbeiter für den Bereich Saalfeld, der so sehr schnell Informationen zur Hand hatte.

Wurden neue Informationen benötigt, dann musste sich die Stasi etwas einfallen lassen. Natürlich hätten nicht die operativen Mitarbeiter an der Tür klingeln können, um Fragen zu stellen, sagt Drieselmann. "Wenn das passiert, machen die Leute die Tür zu, denn mit der Stasi wollen sie nichts zu tun haben oder sie geben falsche Auskünfte." Deshalb hielt häufig eine Legende her, unter der dann Volkspolizisten oder Mitarbeiter der Stadt nachhakten.

Die ersten Schritte erfolgten so unter banalen Fragen, sagt Drieselmann. Beispiel Kinderbetreuung: Einem Anwohner wird erzählt, dass überlegt werde, gegenüber einen Kindergarten zu errichten. Man sei gerade dabei, den Bedarf zu ermitteln. "Dann wird direkt die Frage zu Nachbarn gestellt", sagt der 59-Jährige. "Sie kennen doch die Familie Schmidt, die hat doch viele Kinder, oder?"

Diese niedrigschwellige Anfrage musste Drieselmann zufolge funktionieren, denn beim Thema Kinder würden die meisten schon reden. "So gelingt es dem MfS relativ viele Leute als Auskunftsperson zu gewinnen, ohne dass diese wissen, dass sie damit dem Ministerium für Staatssicherheit zuarbeiten. "Mit dieser Masche konnten aber auch diejenigen zu Informanten gemacht werden, die mit dem System über Kreuz lagen. Wenn da einer von der Stadt kommt und etwas zu Kindergärten wissen möchte - den schmeiße ich doch nicht raus!" Das funktionierte auch bei denjenigen, die mit dem Kommunismus nichts am Hut haben wollten.

Die Untersuchung Müller-Enbergs für Saalfeld verdeutlicht, welche Ausmaße das System der Auskunftspersonen angenommen hat. Demnach hatte der Kreis Saalfeld im Jahr 1989 insgesamt 58.505 Einwohner. Bis zum Oktober des Jahres sind 3335 Karteikarten angelegt worden. Doppelt gezählte Personen sowie Ehepaare, die auf den Karten vermerkt waren, seien demzufolge bereinigt worden - und Müller-Enbergs kommt auf 3335 Bürger, die dem Ministerium für Staatssicherheit im Kreis Saalfeld als Auskunftspersonen dienten. Er gelange zu dem verblüffenden Umstand, so der Politologe, dass 5,7 Prozent aller Saalfelder - jeder achtzehnte Einwohner - auf diese Weise als Informanten dienten.

Jörg Drieselmann verdeutlicht die Zahl: "Wenn man erst einmal die Kinder, die ja zu den 58.505 Einwohnern dazuzählen, herausrechnet, kommt man schnell auf sieben, acht, zehn Prozent." Zum Vergleich: Die Stasi hatte demgegenüber in Saalfeld "nur" 479 Inoffizielle Mitarbeiter, also weniger als ein Prozent der Einwohner.

Auch ein IM konnte Auskunftsperson sein

Das habe natürlich auch mit den Beschaffenheiten vor Ort zu tun, sagt Drieselmann. Untersucht wurde die Wilhelm-Pieck-Straße in Saalfeld-Gorndorf. Dort befanden sich verhältnismäßig viele Neubaublöcke. "Damals galt es als erstrebenswert, in einer solchen Wohnung zu wohnen", sagt Drieselmann. Will heißen: In den Blöcken wohnten auch ehemalige und aktuelle Ministeriumsmitarbeiter, Polizisten oder Zollmitarbeiter. "Saalfeld war Grenzkreis und wies somit eine erhöhte Zahl bewaffneter Organe auf." Daraus folgt also auch, dass die Stasi sich nicht nur Informationen von Systemgegnern einholte, sondern auch von den eigenen Mitarbeitern oder Staatsangestellten. Auch ein IM konnte auf diesem Weg unbewusst Auskunftsperson sein.

In der Pieck-Straße zählten 225 Einwohner als Auskunftsperson. Eine Aufschlüsselung nach Hausnummern und Namen aus den Karteikarten her­aus ergab Drieselmann zufolge, dass es in praktisch jedem Haus in dieser Straße mindestens eine Auskunftsperson gab. Meistens seien es gleich fünf, sechs oder mehr gewesen. "Das ist unter dem Strich also das, was man flächendeckende Überwachung nennt. Ohne Probleme konnten über dieses Mittel private Informationen aus dem Wohnumfeld eingeholt werden", sagt Drieselmann.

Der Leiter der Gedenkstätte geht sogar noch weiter: "Es gibt keinen Vorgang im MfS ohne die Informationen von drei, vier oder fünf Auskunftspersonen. Sie waren also extrem wichtig, um das System zu stabilisieren." Für die Arbeit der Stasi seien sie ein hohes Gut gewesen, um der Aufgabe, staatsfeindliche Tätigkeiten zu verhindern, nachzukommen.

Es sei indes schwer zu sagen, wie viele Auskunftspersonen es in der DDR tatsächlich gegeben habe, erklärt Drieselmann. Saalfeld und Rostock hätten offenbar hervorragende Überlieferung, um Aussagen darüber treffen zu können. "Diese Karteikarten auszuwerten ist aber eine höllische Arbeit." So bleibt Drieselmann nur die Hochrechnung, die Müller-Enbergs aufstellt. Sollte das Verhältnis aus Saalfeld also auf andere Bezirke und Städte übertragbar sein, hätte die Stasi neben 189.000 Inoffiziellen Mitarbeitern auf die Informationen von etwa einer Million Auskunftspersonen zurückgreifen können.

Zur Person: Vom Häftling zum Gedenkstättenleiter

Jörg Drieselmann, Jahrgang 1955, geboren in Erfurt, ist zunächst DDR-typisch aufgewachsen: Er lebte im Erfurter Süden, besuchte dort den Kindergarten und die Polytechnische Oberschule.

Eine Delegierung für den Besuch einer Erweiterten Oberschule bekam er aufgrund seiner Systemkritik nicht. Daraufhin begann er eine Lehre als Maschinenbauer, konnte diese allerdings nicht beenden. Noch vor seinem Lehrabschluss wurde Jörg Drieselmann am 13. August 1974 inhaftiert. Ein Plakat, das auf die Mauertoten hinwies, hing an seinem Arbeitsplatz. Ein knappes Jahr verbüßte er anschließend in Untersuchungshaft, wurde 1975 verurteilt, saß in Cottbus ein und kam 1976 im Rahmen des Häftlingsfreikaufs der BRD in den Westen.

Über den Umweg Gießen gelangte er nach Westberlin, wo er das Abitur nachholte und studierte. Nach der Wende zog es ihn nach Ostberlin, wo er bis heute lebt. 1992 wurde er zum Leiter der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße.

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