Forschung zur populären Musik: In Thüringen ist ein Hauptzentrum

Weimar. An der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar wirkt Martin Pfleiderer als einer der wenigen Hochschullehrer in der Bundesrepublik Deutschland, deren Professur sich schon nominell auf die Geschichte und Theorie der populäre Musik und des Jazz bezieht. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen.

Das Lippmann+Rau-Musikarchiv für Jazz und populäre Musik in Eisenach hat derzeit mehr als 80.000 Tonträger und Filme, mehr als 60.000 Bücher und Musikzeitschriften, etwa 60.000 Fotografien, Programmhefte und Konzertplakate sowie Musikinstrumente, Rundfunkmanuskripte und Briefe in seinem Bestand. Fotos: Hochschule für Musik "Franz Liszt" Weimar

Das Lippmann+Rau-Musikarchiv für Jazz und populäre Musik in Eisenach hat derzeit mehr als 80.000 Tonträger und Filme, mehr als 60.000 Bücher und Musikzeitschriften, etwa 60.000 Fotografien, Programmhefte und Konzertplakate sowie Musikinstrumente, Rundfunkmanuskripte und Briefe in seinem Bestand. Fotos: Hochschule für Musik "Franz Liszt" Weimar

Foto: zgt

Herr Pfleiderer, seit fünf Jahren sind Sie in Weimar. Die Professur wurde damals neu eingerichtet?

Das war anfangs eine projektabhängige Professur im Zuge einer Exzellenzinitiative des Landes Thüringen. Damals hatte sich das Lippmann+Rau-Musikarchiv in Eisenach mit dem musikwissenschaftlichen Institut der Hochschule zusammengetan und einen Antrag gestellt, der genehmigt wurde. Und nach drei Jahren hat die Hochschule die Professur entfristet und übernommen. Ich bin schon sehr stolz darauf, da es sich um die vierte Professur überhaupt in Deutschland handelt mit solch einem Schwerpunkt. Inzwischen gibt es eine fünfte an der Uni Siegen. Es geht also weiter, obwohl es sich natürlich noch immer um ein Pioniergebiet handelt.

Wie sind Sie persönlich Popular- und Jazzmusikforscher geworden?

Ich habe immer Jazzmusik gemacht. Bevor ich mich für das Studium der Musikwissenschaft entschied, habe ich auch überlegt, ob ich nicht Saxophon studieren sollte – aber meine wissenschaftliche Ader war doch zu stark. Ich habe allerdings dann auch intensiv die Vorlesungsverzeichnisse durchgeschaut und bin gezielt zu einem Jazzforscher gegangen, nach Gießen, wo ich ja auch über Jazz promoviert habe. Das war auch aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. Die Popmusikforschung wurde über lange Zeit als Teilbereich der sogenannten Systematischen Musikwissenschaft behandelt. Aus diesem Grunde habe ich dann an der Universität Hamburg in diesem Bereich als Assistent weitergearbeitet, viel Musikpsychologie gemacht, Statistik, Musiksoziologie, ... wobei die Musiksoziologie dabei von jeher eines meiner Hauptinteressen ist.

Wie würden Sie auf den Punkt bringen, was das Besondere der Popmusikforschung ist, verglichen zum Beispiel mit der traditionellen historischen Musikwissenschaft?

Bei der Forschung zur populären Musik spielen immer die Medien eine stärkere Rolle und weniger der Notentext, der im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch eine gewisse Bedeutung hat. Obendrein haben die Rezeptionskontexte und die Produktionskultur größeren Raum als das für sich stehende Kunstwerk. Es ist sehr interessant, etwas über die Entstehungskontexte von Musik zu erfahren, über Musiker-Communities und so weiter; mindestens genauso spannend ist es, sich mit den Hörern auseinanderzusetzen, die ja oft aus der Musik etwa ganz Anderes machen, als ursprünglich geplant war, und damit aktiv in den kulturellen Prozess mit eingreifen. Das ist sehr, sehr spannend. Und das ist natürlich auch sehr interdisziplinär, über die Medien-, die Bildkomponente oder auch die Fanperspektive, die Auseinandersetzung mit Songtexten, aber auch mit jugendsoziologischen und medientheoretischen Fragestellungen. Für mich ist die Auseinandersetzung mit Improvisation ebenfalls sehr spannend – sowohl im Jazz als auch im Rock.

Etabliert als Disziplin hat sich die Popmusikforschung etwa in den letzten 20 Jahren. Vorher waren es eher Einzelkämpfer, die sich mit dieser Musik beschäftigten.

Diese letzten 20 Jahre waren in der Entwicklung von Medien und Technologien ja sehr dynamisch. Sie erwähnten die Rolle, die Medien in ihrer Forschung spielen. Sie haben diese Entwicklung der Popmusikforschung hautnah begleitet, wie haben Sie persönlich diesen Wandel erlebt?

Ich denke, die Medienentwicklung, der stetige Zuwachs an Musikmedien hat dazu beigetragen, dass die Forschung in die Breite gegangen ist. Die Fragestellungen waren von Anfang an da. Aber vielleicht nicht der Einfluss und die finanzielle Unterstützung, sie so geballt in Angriff zu nehmen. Als 1980 die International Association of Popular Music Study gegründet wurde, war kaum einer der beteiligten Forscher irgendwo festangestellt, geschweige denn hatte eine Professur. Und inzwischen gibt es allein in Deutschland fünf Professuren, in England und den USA ist das Fach recht gut etabliert. Und das ist ja die Voraussetzung dafür, dass sich das Fachgebiet für den Nachwuchs als attraktiv herausstellt. Wir haben jetzt die ersten Anträge an die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG gestellt, die genehmigt wurden. Es gibt inzwischen viele Ergebnisse. Es gibt die verschiedensten Baustellen, an denen die Kollegen arbeiten und aus denen inzwischen mehr Publikationen hervorgehen, als ich lesen kann. Das betrifft die Popmusikforschung. In der Jazzforschung ist es ein wenig zurückhaltender. Das mag damit zu tun haben, dass Jazz wie Klassik von der Alterung des Publikums betroffen ist, zugleich hat sich im Jazz seit den 70er Jahren vielleicht nicht so viel Neues getan wie in anderen Bereichen.

Das legt den Gedanken nahe, dass es doch der eigene Geschmack ist, der einen Studenten oder Nachwuchswissenschaftler in eine besondere Richtung treibt. Stimmt das?

Ja und nein, es gibt sicher Studenten, die fürs Masterstudium gezielt nach Weimar gehen, weil sie sich für diesen Studienschwerpunkt entschieden haben. Aber auch unter jenen, die eigentlich eher mit einer klassischen Orientierung kommen, ist eine deutliche Neugier zu beobachten, weil Pop-Musik ja überall präsent sind, und damit auch Fragen wie: Warum gefällt mir diese Musik und jene nicht?

In einem von der DFG geförderten Forschungsprojekt befassen Sie sich mit der Stimme?

Die menschliche Stimme spielt in fast jeder Musik eine entscheidende Rolle und hat großen Anteil an der ästhetischen Wirkung und daran, warum man eine Musik als angenehm empfindet oder eben nicht. Dabei wird die Stimme in populäre Musik und Jazz oft ganz anders eingesetzt als im klassischen Gesang. Wir haben im Projekt neue, zum Teil rechnergestützte Methoden entwickelt, die Stimme in diesen Zusammenhängen zu beschreiben; zugleich geht es uns darum, vokale Ausdrucksmittel auf kulturelle Stereotypen, z.B. Geschlechterbilder oder ethnische Stereotype, zu beziehen und beides in ihrer Entwicklung darzustellen.

Was wird in Weimar darüber hinaus geforscht?

Ein zweites DFG-Projekt befasst sich mit computergestützten Analysemethoden von Jazz-Improvisation. Wir haben eine breit einsetzbare Software entwickelt. Darüber hinaus haben wir eine Datenbank aufgebaut, die öffentlich zugänglich ist, von transkribierten Soli. Hier geht es einerseits um die Entwicklung neuer Analysemethoden, andererseits geht es um die Psychologie des Improvisierens – man kann also beispielsweise anhand der verwendeten Patterns darauf schließen, wie ein erfahrener, gelernter Musiker beim Improvisieren vorgeht. Mich persönlich interessieren aber auch sehr stark Stilanalysen und Stilvergleiche zwischen Jazzmusikern. Das ist zudem wichtig für die Jazztheorie – um beispielsweise zu prüfen, ob und wie etwa die Akkordskalentheorie tatsächlich umgesetzt werden.

Ansonsten gehen meine Interessen in Richtung der Geschichte afroamerikanischer beziehungsweise amerikanischer Musik sowie des Kulturtransfers. Ich frage mich, was mit dieser Musik bei der Übertragung in den deutschen Kulturraum geschieht.

Oft ist Ihr Forschungsgegenstand verhältnismäßig aktuell. Birgt diese historische Nähe nicht eine Reihe Schwierigkeiten?

Nicht unbedingt, es gibt dadurch auch neue Möglichkeiten. Wenn die Forschungsgegenstände aktuell sind, kann man auf Methoden der empirischen Sozialforschung zurückgreifen – wie Experimente, Interviews, teilnehmende Beobachtung. Wenn man selbst hingehen und Akteure befragen kann, dann hat man ja einen ganz anderen Zugang als wenn einem nur historische Dokumente zur Verfügung stehen.

Ein wesentlicher Bestandteil Ihres Forschungsbereiches ist das Lipmann+Rau-Musikarchiv für Jazz- und populäre Musik mit einem einzigartigen Bestand. Was geschieht dort aktuell?

Aktuell werden Sammlungen in das Archiv aufgenommen und erschlossen. Es gibt Praktikanten von verschiedenen Hochschulen, die das machen, leider derzeit keinen Archivmitarbeiter, der fest an dieser Stelle sitzt und Anfragen vor Ort bearbeiten könnte. Reinhard Lorenz von der Lippmann+Rau Stiftung macht das jetzt nebenberuflich mit. Es wäre jetzt der nächste Schritt, eine dauerhafte Finanzierung für einen Archivmitarbeiter vor Ort zu finden. Geöffnet ist das Archiv auf Anfrage. Zudem ist ein Neubau geplant, in dem zeitgemäße Archiv- und Museumskonzepte umgesetzt werden sollen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere dieser Sammlung?

Die Sammlungen eines Sammlers werden jeweils geschlossen aufbewahrt, so dass sie auch Aufschluss über die Sammler gewähren und deren Blick auf die Musik. Das sind sechs bis sieben große Sammlungen und viele kleinere. Ansonsten gibt es schon Schwerpunkte – wie Jazz in der DDR.

Bleibt da in der Freizeit noch Gelegenheit, die Thüringer Rock-, Pop- oder Jazz-Szene der Gegenwart zu beobachten?

Ja, durchaus. Im Moment sicher aus familiären Gründen ein wenig am Rande: Mein jüngstes Kind ist doch noch recht klein, da bin ich in letzter Zeit abends nicht so viel weggekommen. Aber ansonsten: Da ist natürlich die Thüringer Jazzmeile. Hier betreue ich gerade eine sehr interessante Masterarbeit über die Jazz-Szene in Jena in den 80er Jahren und eine Doktorarbeit über die Heavy-Metal-Szene in der DDR der 80er Jahren.

Mit Martin Pfleiderer sprach Tatjana Böhme-Mehner

Hier geht es zum Lippmann+Rau-Musikarchiv

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