Tipp zum Jahresanfang aus Weimar: Vocalmetrics – ein Tool nicht nur für Vokalisten

Weimar  Das Online-Tool Vocalmetrics 1.0 der Hochschule für Musik Weimar visualisiert neun Eigenschaften von Gesang populärer Musik vor 1960. Vokalisten und Instrumentalisten können sich damit einen Überblick über die Möglichkeiten der Klaggestaltung von Gesang und für Instrumentalsolos verschaffen.

Das Online-Tool Vocalmetrics 1.0 visualisiert Eigenschaften von Gesang. Screenshot: Tobias Marx

Das Online-Tool Vocalmetrics 1.0 visualisiert Eigenschaften von Gesang. Screenshot: Tobias Marx

Foto: zgt

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Im Dezember 2011 startete am Institut für Musikwissenschaft Weimar | Jena der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte dreijährige Projekt Stimme und Gesang in der populären Musik der USA (1900-1960) unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Pfleiderer. In Kooperation mit dem Lippmann+Rau Musikarchiv in Eisenach, das eine große Sammlung an frühen Aufnahmen populärer Musik beherbergt, wurde eine Auswahl repräsentativer Aufnahmen verschiedenster Genres von 1900 bis 1960 zusammengestellt, die musikwissenschaftlich untersucht wurden.

Vocalmetrics 1.0

Um die Eigenschaften von Gesang populärer Musik, sei es nun Country Music, Blues, Gospel Rock’n’Roll etc, vergleichen zu können, wurden sehr viele kurze Schnipsel von ungefähr zehn Sekunden Länge erstellt, die von erfahrenen Hörern in Bezug auf neun verschiedene Merkmale bewertet wurden. Dafür setzten sich drei Mitarbeiter des Projekts wochenlang an den Rechner und hörten die kurzen Audiodateien mehrfach an, um zu entscheiden, wie beispielsweise das Vibrato im Gesang von Elvis Presley auf einer Skala von Null (gar nicht) bis vier (sehr viel) bewertet werden soll.

Visualisierter Gesang

Die Ergebnisse der drei Mitarbeiter wurden dann, um Fehler zu minimieren, zusammengerechnet und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medieninformatik der Technischen Universität Dresden im Online-Tool Vocalmetrics 1.0 sichtbar gemacht. Darin kann man sich die bewerteten Audioschnipsel anzeigen lassen, aber auch die dazugehörigen Musiker, Genres, Plattenfirmen sowie das Erscheinungsjahr einblenden.

Gleichzeitig zeigt Vocalmetrics 1.0 das Verhältnis neun verschiedener Gesangseigenschaften zueinander auf: Vibrato, Rauheit, Artikulation, Glissando, Behauchtheit, Rubato, Off-Beat, Intensität und Registerwechsel. Auf der Website des Forschungsprojekts ist eine ausführliche Anleitung zu finden. Während man die verschiedenen Aufnahmen anhört und den sich verschiebenden Punkten auf dem Bildschirm folgt, muss man sich aber bewusst machen, dass das Tool durch die Auswahl an Audioschnipseln und durch die Hörgewohnheiten der Ersteller geprägt ist.

Lerntool für Vokalisten

Jeder Vokalist wird wissen, dass Singen lernen eine sehr individuelle Angelegenheit ist. Es ist nicht leicht, einen Mentor zu finden, der einem das Zwerchfell und die verschiedenen Kehlkopfstellungen und die damit verbundenen Empfindungen vermitteln kann. Bis man bewusst zum Beispiel Rauheit mit Glissando und Intensität kombinieren kann – also einen Songtext genau so interpretieren kann, wie man sich das vorstellt, vergehen viele Jahre der Übung.

Insbesondere im Bereich der populären Musik gibt es kaum hilfreiche Publikationen, wobei das leider bereits vergriffene Buch Stimmausbildung in der Popularmusik von Martina Freytag als eine Ausnahme erwähnt werden darf. An dieser Stelle erweist sich Vocalmetrics als hilfreiches Tool für Schüler wie auch für Lehrer, um zum einen verschiedene Möglichkeiten des Stimmgebrauchs ins Bewusstsein zu bringen und zum anderen, um sich mit der Kombination dieser Möglichkeiten im Kontext von Genres und relevanten Musikern zu beschäftigen.

Mehrwert auch für Instrumentalisten

Zudem dürfte das Tool nicht nur für Vokalisten interessant sein. Seit jeher zeichnet es hervorragende Solisten aus, die menschliche Stimme auf ihren Instrumenten zu imitieren, wobei die Musiker aus der Bigband von Duke Ellington und der Gitarrengott Jimi Hendrix die berühmtesten Beispiele sein dürften. Wer sein Publikum mit stilfesten Klängen fesseln möchte, sollte sich also unbedingt mit den Grauzonen der vokalen und instrumentalen Klanggestaltung beschäftigen.

Vocalmetrics 1.1

Auf der Website des Forschungsprojekts ist auch das weiterentwickeltes Tool Vocalmetrics 1.1 zu finden, das sich vornehmlich an Wissenschaftler richtet, die ihre eignen Stichproben nach einem Ähnlichkeitsprinzip sortieren wollen. Dieses kann man inklusive Anleitung frei herunterladen und damit stundenlang herumspielen, sofern man über eine eigene Sammlung an Audioschnipsel von beispielsweise seiner eigenen Band oder vom Lieblingsmusiker verfügt. Wer es dabei schafft, seine eigenen musikalischen Fertigkeiten zu verbessern, hat viel gewonnen.

Stimme, Kultur, Identität

Das Ziel des Gesangsprojekts der HfM Weimar war allerdings weitreichender. So entstanden mehrere interessante Publikationen, beispielsweise über den Unterschied zwischen dem Glissando im Gospel und bei den Croonern oder die rhythmischen Unterschiede im Gesang von Rhythm and Blues und Rock’n’Roll. Letztlich wurde der Versuch unternommen, Stimme im Kontext von Kultur und Identität zu untersuchen und unter diesem Aspekt sind viele der im Projekt entstandenen Gesangsanalysen in einem Buch mit dem Titel Stimme, Kultur, Identität verarbeitet.

Homepage des Forschungsprojekts

Online-Tool Vocalmetrics 1.0

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