Tränen auf Weimars Zwiebelmarkt: Gespräch mit Sängerin Ute Freudenberg vor dem 60.

Am Dienstag feiert Ute Freudenberg ihren 60. Geburtstag. Mit uns blickte die Interpretin des großen DDR-Hits „Jugendliebe“ auf ihr bewegtes Leben ­zurück.

Die Weimarer Sängerin Ute Freudenberg wurde einst im Ferienlager entdeckt. Während des Musikstudiums gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe Elefant, mit der sie zahlreiche Hits hatte. 1984 ging sie in den Westen, um 1996 in ihre Heimatstadt Weimar zurückzukehren. Foto: Katja Kuhl

Die Weimarer Sängerin Ute Freudenberg wurde einst im Ferienlager entdeckt. Während des Musikstudiums gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe Elefant, mit der sie zahlreiche Hits hatte. 1984 ging sie in den Westen, um 1996 in ihre Heimatstadt Weimar zurückzukehren. Foto: Katja Kuhl

Foto: zgt

Frau Freudenberg, wie feiern Sie Ihren 60. Geburtstag?

Ich verbringe seit 1999 den kompletten Januar in Sri Lanka. Damals suchte ich nach einem geeigneten Monat für meinen Jahresurlaub. Da hat sich der Januar herauskristallisiert – der Monat, in dem ich zufälligerweise auch Geburtstag habe. Kurzum, ich werde meinen 60. auch wieder in Sri Lanka feiern. Diesmal werde ich aber meine Gäste sicher einen kleinen Tick mehr überraschen als sonst.

Reist Ihnen die Festgesellschaft nach?

Nein, das sind Freunde, mit denen ich seit Jahren zusammen Urlaub mache.

Ihr Leben bietet viele Zäsuren. Sie waren viermal die Lieblingssängerin in der DDR, sind in den Westen gegangen und nach Weimar zurückgekehrt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Ich bin wirklich glücklich, was ich alles erleben durfte. Und wie gut ich mich fühle. Der Titel meines aktuellen Albums passt perfekt: „Alles okay“.

Wann haben Sie eigentlich Ihre Liebe zur Musik entdeckt?

Wahrscheinlich schon im Mutterleib. Ich kann mich daran erinnern, dass ich, egal wo ich war, auf der Straße oder im Bad, immer gesungen habe. Und wenn mich die Frauen im Dorf gefragt haben: „Na, Ute, was willste mal wäre?“ Da habe ich immer geantwortet: „Ich werde Sängerin.“

War Ihre Familie musikalisch?

Ich hatte einen unheimlich musikalischen Großvater. Der hat sich ans Klavier gesetzt und stets mit Leuchten in den Augen gespielt. Er hat ganze Säle unterhalten und die Herzen der Frauen erobert.

Sie sind in einem sehr dörflichen Teil von Weimar aufgewachsen.

Ja, in Weimar-Schöndorf. Ich habe dort die meiste Zeit auf dem Bauernhof meiner Tante verbracht, weil meine Mutti im elterlichen Betrieb gearbeitet hat. Dort bin ich mit meinen Cousins und Cousinen den ganzen Tag durchs Land getobt. Ich hatte eine Traumkindheit.

Sie wurden im Ferienlager in Straußburg nahe Sonders-hausen entdeckt. Wie genau?

Am Ende der neunten Klasse bin ich das erste Mal ins Ferienlager gefahren und habe es sofort bereut.

Warum?

Ich hatte Heimweh. Außerdem hatten wir schreckliches Wetter. Alles war klamm. Die Zelte standen im Matsch. Zum Glück hatte einer der Betreuer eine Gitarre mit. Ich kannte ja jeden Schlager, der im Radio lief, und so haben wir zusammen Musik gemacht. Bald kamen die ganzen Kinder in unser Zelt, und die, die nicht mehr hineingepasst haben, standen draußen. Als ich gerade „Mendocino“ grölte, ruft auf einmal jemand: „Wer singt da?“ Da war mir klar: „Jetzt schmeißen sie dich raus. Du singst im FDJ-Lager einen Westtitel.“ Kurz und gut, es war Heiner Kusch. Er war im Ferienlager für das kulturelle Leben zuständig. Er schmiss mich nicht raus, sondern lud mich ein, in seiner Folkloregruppe Los Iberos in Erfurt mitzuwirken. Ende des Jahres ermutigte er mich, bei einem Talentwettbewerb des DDR-Fernsehens vorzusingen. Daraus resultierte 1972 meine Teilnahme an der Sendung „Sechs Mädchen und Musik“. Dort wurde ich zum zweiten Mal entdeckt.

Wie das?

Manfred Schmidt, der bei der Erarbeitung der Sendung mitgewirkt hatte, las, als er die Ausstrahlung sah, im Begleittext am Bildrand, dass ich Lehrerin in Eisenach werde. Das war für ihn unvorstellbar. Also hat er sich in sein Auto gesetzt und mich in Weimar-Schöndorf gesucht – und tatsächlich gefunden. Für ihn war klar: „Du musst Musik studieren.“

Wie kam es dann zur Gründung der Gruppe Elefant? Die fiel doch in die Studienzeit an der Franz-Liszt-Musikhochschule in Weimar.

Burkhard Lasch wollte damals eine Studenten-Band im Zilly-Sound gründen und hat verschiedene Leute gefragt, unter anderem mich.

Ihr erfolgreichster Titel mit Elefant war „Jugendliebe“. War Ihnen gleich klar, das wird ein Hit?

Nach der ersten Präsentation, war uns klar, dass uns da ein guter Wurf gelungen ist. Weil die Leute das Lied sofort noch mal hören wollten. Allerdings hatte Amiga an uns erst einmal kein Interesse. Schließlich konnten wir 1979 in einem kleinen Außenstudio vom Berliner Rundfunk die „Jugendliebe“ doch noch einsingen. Als das Lied dann als Single rauskam und im Radio lief, war es nicht mehr aufzuhalten. Danach hat Amiga unsere erste große Scheibe selben Titels herausgebracht.

1984 sind Sie nach einem Auftritt im Westen geblieben, weil Sie als Künstlerin in der DDR kaltgestellt worden sind.

Ich benannte die Dinge nun mal so, wie sie waren. Und das war in diesem Land nicht angesagt. Ich durfte dann nicht mehr produzieren und fasste den Entschluss, die DDR zu verlassen.

Wusste Ihre Familie von den Plänen?

Nur meine Mutter wusste, dass ich, wenn ich die Chance bekäme, nicht wiederkommen würde. Sie hat mir Mut gemacht.

Wie verlief der Start im Westen?

Ich habe mich 1984 beim Künstlerdienst in Düsseldorf gemeldet und bin so ins Gala-geschäft hineingerutscht. Aufgrund dieser Auftritte meldete sich dann Hapag Lloyd bei mir...

...um Ihnen ein Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff anzubieten.

Und diese erste Reise war so erfolgreich, dass ich mir die folgenden Reisen aussuchen konnte. Und dann bin ich zehn Jahre zur See gefahren.

Wer hat Sie dann als Heather Jones herausgebracht?

1988 rief Produzent Franz Bartsch an, dass er eine Nummer hat, zu der meine Stimme passen würde. Also bin ich nach West-Berlin geflogen und habe „This Was The Last Time“ aufgenommen. Der Plattenfirma gefiel zwar das Lied, mein Name aber überhaupt nicht. Deshalb hat man mich einfach Heather Jones genannt. Die Nummer wurde schließlich der Titelsong des Tatorts „Pleitegeier“. Als der Krimi dann aber im Fernsehen lief, war die Plattenfirma aufgekauft worden, so dass zum Sendezeitpunkt keine einzige Single in den Läden erhältlich war. So sehr bedauert habe ich das allerdings nicht, ich fand den Namen Heather Jones einfach furchtbar.

Dabei hätte man Freudenberg glatt für einen Künstlernamen halten können. Woher kommt Ihr Familienname?

Es gibt mehrere Städte in Deutschland, die so heißen.

1996 kehrten Sie nach Weimar zurück. Warum?

Ich wäre von mir aus nie aus meiner Heimat weggegangen. Als ich die Chance hatte, zurückzukehren, habe ich sie ergriffen. Es kamen damals auch immer mehr Anfragen aus dem Osten, dort aufzutreten. Als ich dann 1995 beim Weimarer Zwiebelmarkt früh um acht vor dem Deutschen Nationaltheater das Lied „Jugendliebe“ singen wollte, fingen die Zuschauer plötzlich an zu weinen. Und ich mit ihnen. Da habe ich versprochen: „Ich komme wieder nach Hause.“ Die Leute haben getobt. Das war der emotionalste Auftritt meines Lebens.

Welche Pläne haben Sie 2016?

Christian Lais und ich werden gemeinsam unser drittes Album aufnehmen. Das gibt es in Deutschland nicht so häufig, dass zwei Solisten derart viele Duettalben zusammen machen.

Wann kann man Sie demnächst in Thüringen erleben?

Am 19. März bin ich zu Gast im „Dasdie Brettl“ in Erfurt. Aber auch auf meiner Liedertour Ende Februar, Anfang März habe ich Auftritte in Thüringen.