Nietzsche-Kolleg in Weimar: Herr Welzer sortiert den Kapitalismus

Weimar  Die wirtschaftliche Praxis der Expansion fliegt schon mal raus. Sozialpsychologe entwickelt beim Kolleg Friedrich Nietzsche positive Zukunft.

Harald Welzer

Harald Welzer

Foto: Maik Schuck

Ein in Umwelt- und Klimafragen sehr engagierter Unternehmer berichtete Harald Welzer vor einigen Jahren, er habe soeben eine sehr fette Sportlimousine geordert. „Wer weiß, wie lange man so etwas noch fahren kann“, erklärte er dem darob leicht verwirrten Sozialpsychologen.

Das ist wohl so ein Fall von Irrsinn, der laut Nietzsche bei Einzelnen zwar selten ist, „aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel“.

Der Philosoph Helmut Heit zitierte diesen Aphorismus aus „Jenseits von Gut und Böse“, als er den aktuellen „Distinguished Fellow“ des bei der Klassik-Stiftung angesiedelten Kollegs Friedrich Nietzsche vorstellte. Heit übernahm dessen Leitung zu Jahresbeginn und setzt jene Vorlesungsreihe mit prominenten Gelehrten nun fort, indem er Welzer einlud, bei dem er einst studierte.

Welzer forschte akademisch zur NS-Erinnerungstradition und zu Tätern. Heute erforscht er außeruniversitär die Zukunft, als Direktor von „Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit“. Hier wie dort, gestern und heute entdeckt er Irrsinn als „Binnenrationalität“: Innerhalb eines Systems erscheint Unvernunft vernünftig.

Und der Irrsinn geht demnach weiter: obwohl sich längst ein Bewusstsein dafür entwickelte, dass es nicht so weiter gehen kann. Oder vielleicht gerade deswegen? Womöglich, überlegt Welzer, führe ja „die unablässige Kommunikation über den Untergang der Welt“ unterbewusst zur Haltung: „Jetzt aber erst recht!“

Das beträfe alle Bereiche des Lebens. Mit den „Grenzen des Wachstums“, dem Bericht des Ökonomen Dennis L. Meadows für den Club of Rome, begann zwar 1972 die moderne Umweltbewegung. Zugleich nähmen expansive Lebensstile aber zu.

Welzer führt nicht nur Billigflüge, Kreuzfahrten „auf fahrbaren Plattenbauten“, Geländewagen für die Stadt oder größere Wohnflächen pro Person an. Selbst in der internationalen Klimakonferenz gehe es nur um Expansion: Trafen sich 1995 in Berlin 950 Delegierte, so waren es zwanzig Jahre später in Paris 25.000. „Das ist super für die Fluggesellschaften!“

Die Diagnose: „Bei dem Bemühen, irgendetwas am Zustand der Welt zu verändern, befindet man sich auf dem ganz gewohnten Trip, der unsere Kultur bis ins Letzte kennzeichnet, dem auf dem Pfad der Expansion.“ Wir seien derart in einem Kulturmodell gefangen, „dass die Idee, dass es anders sein könnte, eisigen Schrecken verbreitet“.

Kein Ort für Zukunft. Nirgends. Das korrespondiert mit Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der 2012/13 Nietzsches „Distinguished Fellow“ war und jüngst in Ettersburg befand: Unsere Zukunft sei im Alltag „nicht mehr ein offener Horizont von Möglichkeiten, den wir gestalten können, sondern besetzt von Gefahren, die langsam und unvermeidlich auf uns zukommen“. Doch so muss es ja nicht sein. Schließlich, erinnert Welzer, lebten wir doch in einer Gesellschaft, in der Zukunft eine zentrale Kategorie ist.

Deshalb spricht er diese Woche in Weimar, in insgesamt drei Vorlesungen und einem Dialog, über etwas, das derzeit nicht geschehe: „Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt. Zur Fortsetzung der Moderne“.

Dass diese ein Entwicklungsprojekt ist, habe man vergessen. „Man hat aufgehört, sie weiterzudenken.“

Auch er selbst glaubte demnach nach dem vermeintlichen Sieg des Kapitalismus, alles gehe nun immer so weiter. Aber: „Es gibt keinen stabilen gesellschaftlichen Zustand.“ Ein Ende der Geschichte sowieso nicht.

Also entwickelt Welzer in Weimar neu, was er jüngst schriftlich vorlegte: „Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“. Dass dieses Buch bislang weniger erfolgreich sei als vorherige, liege an dem Versuch, Zukunft ausschließlich positiv zu beschreiben.

Welzer beginnt mit einer Analyse: „Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus.“ So hieß der erste Vortrag. Ziel des Kapitalismus war es demnach doch, „die Verhältnisse zwischen den Menschen besser zu machen. Kein erfolgloses Projekt bislang“! Er spricht von einer Aufstiegsgesellschaft, in der es nicht nur um das Materielle ging; sie wurde gerechter, das Leben darin viel sicherer, die Lebenserwartung höher.

Es komme nun zunächst darauf an, die Gegenwart zu sortieren: „Was läuft tatsächlich gut und ist zukunftsfähig? Was läuft so, dass wir es gebrauchen, aber verändern müssen, damit es zukunftsfähig wird? Und was können wir auf keinen Fall aufrecht erhalten, wenn wir durch das 21. Jahrhundert kommen wollen?“

Das ist Harald Welzers Form von Systemkritik. Und so viel ist schon mal klar: „Das 21. Jahrhundert wird nicht bewältigbar sein mit der wirtschaftlichen Praxis, wie wir sie gegenwärtig haben.“ Einen Lebensstil der Genügsamkeit (Suffizienz) hält er für richtig. Das größte Defizit der Gegenseite zum Hyperkonsum sei jedoch, dass ihr attraktive Angebote fehlen, um mit ihm zu konkurrieren. Ein gesellschaftliches Veränderungsprojekt müsse auch als ein ästhetisches verstanden werden. „Nachhaltigkeit“ ist eben nicht sexy.

Harald Welzer in Weimar: Vortrag „Anfangen“ am Donnerstag, 11. Juli, 18 Uhr, Studienzentrum Anna Amalia Bibliothek. Gespräch mit Soziologin Silke van Dyk (Uni Jena) am Freitag, 12. Juli, 13 Uhr, Bauhaus-Museum. Eintritt ist frei.

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