Oper „Lanzelot“ am DNT: Des Drachen Erweckung

Weimar.  Peter Konwitschny inszeniert am DNT Weimar Paul Dessaus selten gespielte Oper „Lanzelot“.

Der Drache (Oleksandr Pushniak, l.) bietet seinem Widersacher Lanzelot (Máté Solyom-Nagy) einen Deal an. Doch es kommt zum Kampf.

Der Drache (Oleksandr Pushniak, l.) bietet seinem Widersacher Lanzelot (Máté Solyom-Nagy) einen Deal an. Doch es kommt zum Kampf.

Foto: Candy Welz

Den langen, begeisterten Beifall haben Dominik Beykirch, Peter Konwitschny und ihre Kombattanten aus Erfurt und Weimar im DNT redlich verdient. Der Kampf um den Drachen ist geschlagen, gewonnen: Paul Dessaus letzte Oper „Lanzelot“, ein politisch wie künstlerisch äußerst heikles Opus magnum, wurde nach fast 50 Jahren aus dem Schlaf der Archive wiedererweckt. Was damals der DDR-Staatsführung zumindest unbillig, womöglich gefährlich erschienen sein muss, ist endlich ins Recht gesetzt. Mehr noch: Konwitschnys Regie deutet es über seine Zeit hinaus und setzt ein Fanal für die Zukunft.

Die Vorlage für Heiner Müllers Libretto verfasste der Russe Jewgeni Schwarz 1943, als die Deutsche Wehrmacht gerade Leningrad auszuhungern versuchte. Zwar mag die märchenhafte Parabel über den allmächtigen Unterdrücker – den Drachen – und die allzu bereitwillig Unterdrückten – das Volk – auf die Hitler-Diktatur gemünzt gewesen sein; sie lässt sich aber genauso auf jedes andere autoritäre Regime beziehen; zumal auf den real existierend gewesenen Sozialismus. Und als Paul Dessaus Lieblingsregisseurin Ruth Berghaus 1969 die „Lanzelot“-Oper zur Ostberliner Uraufführung brachte, dürfte der fulminante Erfolg von Benno Bessons Schauspiel-Inszenierung ebenso im Bewusstsein präsent gewesen sein wie der Prager Frühling.

Gewaltiger Aufwand

So wundert es nicht, dass man dem Werk eine Tonaufnahme verwehrte. Dass es dann – auch im Westen – kaum gespielt wurde, liegt in der Hauptsache an der grabensprengenden Instrumentalbesetzung, unter anderem mit riesigem Schlagapparat, vier Saxophonen und mehreren Klavieren. Dessau arbeitete recht frei von tonalen Schranken in unerhört sinnlichen Klängen; selten mit vollem Tutti-Getöse, oft in aparter kammersolistischer Miniatur. Diese pointillistische Collage, die so lustvoll mit Zitaten spielt und zugleich ungemein gestisch wirkt, zeigt eine junge Postmoderne ostdeutscher Provenienz international auf Ohrenhöhe, macht aber Mühe und Aufwand.

Die Weimarer kooperieren deshalb – bei Chören, Solisten und Kosten – mit den Erfurter Nachbarn; zudem wurde einiges an Klangmaterial zuvor ein- und dann der Aufführung elektronisch zugespielt. Kapellmeister Beykirch operiert da an seinem Befehlsstand fast wie der Kapitän eines Flugzeugträgers und steuert sicher auf Dessaus Kurs – eher als dessen Anwalt denn als dessen eigensinniger Interpret. Und Peter Konwitschny, der Regisseur? Ist ein Filou, wie je.

Tauchsieder für die Urgesellschaft

Er inszeniert die 15 Bilder im Brechtschen Geiste recht episch, zeigt kahle Hinterbühnenwände und die Umbauten auf offener Szene. Die Schlagwerkbatterien, die die Macht des Drachen symbolisieren, hat Ausstatter Helmut Brade auf zwei Bühnenwagen montiert. So gilt, dass man zwar das Zauberwerk dieser verzwickten Komödie mit Verve abbrennt, dessen Getriebe jedoch nicht versteckt. Der Als-ob-Charakter der Bühne bleibt omnipräsent – was Hintersinn und Humor nicht behindert. Etwa wenn im ersten Bild, als der

Drache mit seiner Glut den See keimfrei abkocht und das Volk von der Cholera erlöst, ein großer, rot leuchtender Tauchsieder in einen Bottich fährt – und dann jedes fellbeschürzte Mitglied dieser steinzeitlichen Urgesellschaft mit einem handelsüblichen Kochgerät beschenkt wird, also mit der Zivilisation.

Und flugs tauchen wir ein in eine Epoche, die jener der ominösen 40 Jahre DDR nicht zufällig gleicht. Uniformen und Kostüme, selbst Tapeten und allerlei Requisiten sind dem Geist der Zeit nachempfunden. Wie auch die opportunistischen, aufs kleine private Glück orientierten Verhaltensweisen. Gern lässt etwa Heinrich (Uwe Stickert) sich von der Macht korrumpieren und schlüpft in Livree und Rolle des Sekretärs beim Drachen. Prompt fordert er von seiner Verlobten Elsa (Emily Hindrichs), sie solle sich seinem Herrn, dem Potentaten, der Staatsräson halber hingeben.

Harmloser Alltag in der Diktatur

Elsa, das Opfer, ist das einzige Wesen, das seine zutiefst menschlichen Gefühle unverstellt – in aberwitzigen Koloraturen – artikuliert. Doch was nützt’s? Selbst ihr Vater (Jan Batukov) verbirgt nach Kräften sein Mitgefühl; alle übrigen, zumal Apparatschiks wie der Bürgermeister (Wolfgang Schwanninger), haben damit weniger Mühe. Man schaut lieber weg, hat sich mit den Verhältnissen gut arrangiert. Zwar demonstriert Konwitschny klar, wie dieser Unrechtsstaat jeden, der aufmuckt oder nicht funktioniert, kalt liquidiert. Doch der Alltag im Staate erscheint allzu harmlos: das piefig-possierliche Einkaufsparadies, die artige Indoktrination in der Schule, die gewöhnliche Video-Überwachungszentrale.

Der Drache selbst (Oleksandr Pushniak) ist ja auch nur ein Durchschnitts-Typ; er leidet höchstens am Ennui seiner Macht. Ebenso Lanzelot (Máté Sólyom-Nagy), der sich allein durch seinen Mut auszeichnet. So entsteht nach dem Zweikampf und der „Wende“ ein Machtvakuum. Das Volk, führerlos, ist irritiert. Der Bürgermeister streut Fake-News, und Lanzelot rauscht mit einem vollbesetzten Flüchtlingsboot in die Szenerie – bis die Rache der Funktionäre das Spiel beendet.

Heilsam mag sein, sich über Wiedererkanntes zu amüsieren. Die Größe des Abends liegt aber darin, dass er über Ostalgisches hinausragt, grundsätzliche Machtmechanismen bloßlegt und mit dialektisch heiterem Ernst das Denken und Diskurse anspornt. Was mehr könnte eine Oper denn leisten? Konwitschny, Beykirch und allen anderen sei Dank!

Weitere Vorstellungen: 29. November, 13. und 28. Dezember, 19. Januar in Weimar; ab Mai in Erfurt

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.